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Frankfurter Einladung Erzählungen, Geheimnisse und Rezepte

  • Erscheinungsdatum: 08.09.2016
  • Verlag: Größenwahn Verlag
eBook (ePUB)
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Frankfurter Einladung

Franconofurd, Mainhatten, Bankfurt, Europastadt oder einfach FRA. Die Stadt am Main bekam im Laufe der Zeit nicht nur viele verschiedene Beinamen, sondern hat auch zahlreiche Gesichter, die selbst unterschiedlicher nicht sein könnten. Soziologen bezeichnen Frankfurt auch als die Stadt der "super diversity". Alter, Ethnizität, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religiosität, Erfahrungswerte, sozialer und ökonomischer Status - diese Vielfalt ist das, was das Flair der Stadt ausmacht. Und genau diese Vielfalt stand Pate und war Ausgangspunkt für die Entstehung der "Frankfurter Einladung". 40 Autorinnen und Autoren laden Sie in die 45 Frankfurter Stadtteile ein und gewähren Ihnen ihre besondere Gastfreundschaft. Kommen Sie - als Gast, Tourist oder Messebesucher, als Alt- oder Neufrankfurter - und blättern Sie in den Buchseiten, blättern Sie in den Gefühlen, Interessen und in die Blickwirkungen der Menschen hinein und erleben Sie die Mainmetropole aus der Sicht der Denker, Forscher und Poeten. Mit Gedichten, Erzählungen, Essays, ortskundlichen Betrachtungen und historischen Geschichten - aber auch mit typischen Frankfurter Kochrezepten. Entdecken Sie das literarische Frankfurt in seiner buntesten Weise. Lassen Sie sich mitnehmen auf eine Reise durch seine Stadtteile, in deren Straßen Vielsprachigkeit, Toleranz und Weltoffenheit selbstverständlich sind. Willkommen in Frankfurt. Willkommen in den Stadtteilen.

1965 in Bonn geboren, studierte sie Literaturwissenschaft und Geschichte. 1995 promovierte sie über Goethes Wahlverwandtschaften. 2005 erschien ihr erster Roman Camilles Schatten. Die Autorin hat Fachbücher über "Integration" und "Kreatives Schreiben" veröffentlicht, ferner zahlreiche literarische und redaktionelle Beiträge. Schwerpunkte ihrer schriftstellerischen Arbeit sind der Entwicklungsroman sowie Prosa zu den Themen Migration, Heimat und lokale Identität. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. "Mein Ursprungswunsch war es schon immer, Schriftstellerin zu werden."

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 250
    Erscheinungsdatum: 08.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957711038
    Verlag: Größenwahn Verlag
    Größe: 11821kBytes
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Frankfurter Einladung

Claus-Peter Leonhardt

Der Kinderspielplatz am Haardtwaldtplatz

Er hält den Schädel in die Höhe. Ich bemerkte es nicht sofort, da der lange Knochen in meinen Händen alle Sinne fesselt. Als ich zu Jürgen blicke, grinst der wie ein zweites Gesicht neben dem Erdfarbenen mit seinen hohlen Augen. Ich halte meinen Fund hoch. Die Schätze werden zur Seite geräumt und wir graben weiter. Leise dringt der Lärm des Spielplatzes durch das Gebüsch. Was sollen wir rutschen? Wir haben die Welt der Toten entdeckt.

Damals waren wir sieben oder acht Jahre alt. Mein bester Freund war im nächsten Jahr tot, Fehldiagnose, Durchbruch des Blinddarms. Ab dann war sein Platz neben mir in der Salzmann-Schule leer. Ein erster Verlust, dem viele folgen sollten. Sie betrafen Menschen, die näher waren, bis zu ... das wäre eine andere Geschichte - Ich will von Niederrad erzählen.

Die beiden Jungs wussten nicht, worauf der Kinderspielplatz am Haardtwaldtplatz gebaut war. Nachkriegslösungen der 1950er Jahre. Die Straßenbahnlinie 1 fuhr dort ab, uns war klar, von Niederrad kann nur diese Bahn fahren. Frankfurt war uns fern, und dass seit der Anbindung der Bahn hierher im Jahr 1914 die Linie 14 gefahren war, und dass diese Tradition wieder aufgenommen werden würde, überstieg unseren Horizont. Heutzutage fährt die Linie 15 nur noch Dribbdebach bis zum Südbahnhof.

Wir waren in Niederrad, aber wir wussten es nicht.

Nahe war auch der Main, den wir gut kannten. Bis zum Ufer war Wildnis, ungezügelte Schutthaufen mit Wildwuchs. Noch waren Uferstraße und Bebauung des Mainfelds fern. Auch die Galopp-Rennbahn war unser Spielfeld. In den ersten Jahren seines Studiums verkaufte Vater dort Wettscheine, naseweis reichte ich noch nicht bis zum Schalter, musste zurücktreten, um die Person hinter dem Schalter sehen zu können, wie er Geldscheine einnahm und Bons herausreichte. Später, als Architekt, erlebte ich ihn, wie er die Freigelände des Zoos gestaltete. Monster waren mir nie die Löwen, es waren die Bagger, vor denen ich floh.

Der Stadtwald zog sich hinter der alten Rennbahn, auf der einen Seite nach Louisa, auf der anderen Seite zum Weinberg-Park. Die große Villa der Kaufleute stand noch. Am Zaun entlang kam man zum Stadion, zum Schwimmen oder ins Waldstadion zum Fußball. Dahinter lag die Eisbahn, wo wir Schlittschuh liefen. Packendes Eishockey, zu dem wir durch den Wald schlichen und über den Zaun auf die Tribüne gelangten. Die Eintracht spielte in der Oberliga und ich wusste nicht viel darüber. Die Begeisterung, mit den Jungs durch den Wald zu laufen, und die spannenden Kämpfe auf dem Eis fesselten mich. Niederrad wurde Sportstadt. Als der Vertrag von Versailles die Schützen vertrieben hatte, baute man stattdessen auf 44 Hektar Sportstätten.

Die Jungs waren unterwegs. Zum Spielplatz über die Bruchfeldstraße, dann weiter rüber - heute sage ich nach Westen - lagen Wiesenflächen, die einige Jahre später die Firmenzentralen von Weltkonzernen in der Bürostadt Niederrad aufnehmen sollten. Als Jungs fuhren wir dort oder am Oberforsthaus, an Wochenenden früh schon, in den riesigen Stadtwald. Die Autobahnen waren noch schmal. Alles war Wald und wir konnten bis zum Flughafen gelangen, einige Male bis ans Rollfeld. Am Flughafen vorbei blieb das Grün. Tiere beobachten. Füchse, Rehwild, eine reiche Vogelwelt. Insekten auf Baumstümpfen, den Kampf der Hirschkäfer. Bis Darmstadt war das unsere Wildnis, in denen unsere Baumhütten standen und Abenteuer lagen. Unsere Wege berührten selten Straßen oder Siedlungen.

Als Vater weg war, die Freunde andere waren und das Gagern mein Ziel wurde, begann Niederrad unwichtiger zu werden. Täglich 10 Kilometer in beide Richtungen am Main entlang, hin und wieder zurück. Einige Freunde waren Arztsöhne, wir spielten in der Uniklinik und den an ih

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