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Gebete für die Vermissten von Clement, Jennifer (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.09.2014
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
8,99 €
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Gebete für die Vermissten

Ladydi wächst in den mexikanischen Bergen auf, in einem Dorf ohne Männer, denn die sind auf der Suche nach Arbeit über die Grenze oder längst tot. Es ist eine karge und harte Welt, eine Welt, in der verzweifelte Mütter ihre Töchter als Jungen verkleiden oder sie in Erdlöchern verstecken, sobald am Horizont die schwarzen Geländewagen der Drogenhändler auftauchen. Aber Ladydi träumt von einer richtigen Zukunft, von Freundschaft, Liebe und Wohlstand. Ein Job als Hausmädchen in Acapulco verspricht die Rettung, doch dann verwickelt ihr Cousin sie in einen Drogendeal. Und plötzlich hält sie ein Paket Heroin in den Händen, und ein gnadenloser Überlebenskampf beginnt ... Gebete für die Vermissten beschwört die unverbrüchliche Kraft der Hoffnung in einer schrecklichen Welt. In mutigen, schockierenden und bewegenden Bildern erzählt Jennifer Clement das Leben einer außergewöhnlichen jungen Heldin. "Man liest dieses Buch nicht, man verschlingt es." DBC Pierre Jennifer Clement, 1960 in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft und hat Lyrik und drei Romane veröffentlicht. Als Präsidentin des P.E.N. International kämpft sie im Namen von Autoren weltweit für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Gebete für die Vermissten , ihr Roman über die Schicksale gestohlener Mädchen in Mexiko, war ein internationaler Erfolg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 15.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518739068
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Prayers for the Stolen
    Größe: 4947 kBytes
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Gebete für die Vermissten

eins

Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter. Sie pfiff durch die Zähne. Ihr Mund war so nah, dass ich die Spucke im Nacken spürte. Sie roch nach Bier. Im Spiegel sah ich, wie sie mir mit dem Stück Kohle übers Gesicht fuhr. Das Leben ist böse, flüsterte sie.

Meine erste Erinnerung ist, wie meine Mutter mir einen alten gesprungenen Spiegel vors Gesicht hielt. Da muss ich ungefähr fünf gewesen sein. Weil er gesprungen war, sah mein Gesicht so aus, als wäre es in der Mitte durchgebrochen. In Mexiko ist es das Beste, ein hässliches Mädchen zu sein.

Ich heiße Ladydi Garcia Martinez, ich habe braune Haut, braune Augen und braunes, krauses Haar und sehe aus wie alle anderen, die ich kenne. Als Kind hat mich meine Mutter wie einen Jungen angezogen und mich "Junge" genannt.

Ich hab allen erzählt, ich hätte einen Jungen bekommen, sagte sie.

Wäre ich ein Mädchen, würde man mich stehlen. Die Drogendealer mussten nur hören, dass irgendwo ein hübsches Mädchen rumlief, schon kamen sie in ihren schwarzen Escalades angerauscht und nahmen es mit.

Im Fernsehen sah ich Mädchen, die sich hübsch machten, sich die Haare kämmten, rosa Schleifen reinbanden und Make-up trugen, aber bei mir zu Hause gab es das nicht.

Vielleicht muss ich dir die Zähne ausschlagen, sagte meine Mutter.

Als ich älter wurde, strich ich mit einem gelben oder schwarzen Filzer über den weißen Schmelz, damit meine Zähne vergammelt aussahen.

Nichts ist abstoßender als ein dreckiger Mund, sagte meine Mutter.

Es war Paulas Mutter, die die geniale Idee hatte, die Löcher zu graben. Sie wohnte gegenüber, in einem kleinen Haus mit einem Stück Land, auf dem Papayabäume wuchsen.

Meine Mutter meinte, Guerrero verwandle sich langsam in einen Kaninchenbau, überall versteckten sich junge Mädchen in Erdlöchern.

Sobald jemand einen SUV kommen hörte oder einen schwarzen Punkt in der Ferne sah oder auch zwei oder drei schwarze Punkte, rannten sie alle in ihre Löcher.

So sah es aus im Bundesstaat Guerrero. Ein heißes Fleckchen Erde, ein Land der Gummibäume, Schlangen, Leguane und Skorpione, die hellen, durchsichtigen, die man kaum sieht und deren Stiche tödlich sind. In Guerrero gab es bestimmt mehr Spinnen als sonst irgendwo auf der Welt, und Ameisen. Rote Ameisen, von denen uns die Arme anschwollen, so dass sie aussahen wie Beine.

Bei uns ist man stolz darauf, das wildeste, böseste Volk der Welt zu sein, sagte Mutter.

Als ich geboren wurde, gab meine Mutter bekannt, sie habe einen Jungen zur Welt gebracht. Sie erzählte es den Nachbarn und den Leuten auf dem Markt.

Gott sei Dank ist es ein Junge!, sagte sie.

Ja, Gott und der Jungfrau Maria sei Dank, antworteten alle, obwohl niemand ihr glaubte. Auf unserem Berg wurden nur Jungen geboren, und aus ein paar von ihnen wurden Mädchen, wenn sie ungefähr elf waren. Diese Mädchen mussten sich möglichst hässlich machen, und manchmal mussten sie sich in Löchern verstecken.

Wir waren wie Kaninchen, die sich vor hungrigen streunenden Hunden verkrochen, Hunden, die das Maul nicht zubekamen und schon das Fell auf der Zunge schmeckten. Kaninchen stampfen bei Gefahr mit den Hinterläufen auf, und diese Warnmeldung geht dann durch den Boden und alarmiert die anderen Kaninchen im Bau. Bei uns in der Gegend war das schlecht möglich, da wir zu weit auseinander lebten. Dafür waren wir ständig auf der Hut und lernten, Geräusche in sehr weiter Entfernung zu hören. Meine Mutter beugte den Kopf vor, schloss die Augen und horchte konzentriert auf Motorenlä

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