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Gesammelte Werke Band 1: Die Blendung Roman von Canetti, Elias (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2016
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Gesammelte Werke Band 1: Die Blendung

Der weltweite Ruhm dieses erstaunlichen Romans eines Sechsundzwanzigjährigen kam spät - obwohl er von Thomas Mann, Hermann Hesse und anderen in seiner Bedeutung sogleich erkannt und enthusiastisch begru?ßt worden war. Heute steht fest, dass 'Die Blendung', 1935 zum ersten Mal veröffentlicht, zu den großen Werken der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehört. Es ist die Geschichte des Sinologen Peter Kien, der in den Flammen seiner Bibliothek stirbt. Habgier, Brutalität und Weltfremdheit münden in den Zustand völliger Verblendung, die für die unheimlichen Personen des Romans den Untergang bedeutet. Ein Roman, halb Höllenbild, halb Weltgericht. Elias Canetti wurde 1905 in Rustschuk/Bulgarien geboren und wuchs in Manchester, Zürich, Frankfurt und Wien auf. 1929 promovierte er in Wien zum Dr. rer. nat. 1930/31 erfolgte die Niederschrift seines Romans Die Blendung, der 1935 erschien. 1938 emigrierte Canetti nach London, wo er anthropologische und sozialhistorische Studien zu Masse und Macht (1960) aufnahm. Ab den 1970er Jahren lebte er vorwiegend in der Schweiz und erlangte weiterreichende Berühmtheit mit seinen Theaterstücken, den Aufzeichnungen und den autobiographischen Büchern, darunter Die gerettete Zunge. 1981 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. 1994 starb er in Zürich.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 508
    Erscheinungsdatum: 01.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446243859
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Serie: Gesammelte Werke Bd.1
    Größe: 610 kBytes
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Gesammelte Werke Band 1: Die Blendung

Das Geheimnis

V or acht Jahren hatte Kien folgende Annonce in die Zeitung gesetzt:

"Gelehrter mit Bibliothek von ungewöhnlicher Größe sucht verantwortungsbewußte Haushälterin. Nur charaktervollste Persönlichkeiten wollen sich melden. Gesindel fliegt die Treppe hinunter. Gehalt Nebensache."

Therese Krumbholz hatte damals einen guten Posten, auf dem sie sich soweit wohl fühlte. Sie las täglich, bevor sie ihrer Herrschaft das Frühstück anrichtete, den Annoncenteil des "Tagblatts" gründlich durch, um zu wissen, was in der Welt vorgeht. Sie dachte nicht daran, ihr Leben bei dieser gewöhnlichen Familie zu beschließen. Sie war noch eine junge Person, keine 48 Jahre alt, und wollte am liebsten zu einem alleinstehenden Herrn. Man kann sich da alles besser einteilen, und mit Frauen ist ja doch nicht auszukommen. Sie wird sich aber schön hüten, ihre sichere Stelle mir nichts dir nichts aufzugeben. Bevor sie nicht weiß, mit wem sie's zu tun hat, bleibt sie. Sie kennt das falsche Gerede in den Zeitungen und die goldenen Berge, die ehrbaren Frauen versprochen werden. Kaum ist man im Haus, so wird man gleich vergewaltigt. 33 Jahre bringt sie sich jetzt allein durch auf der Welt, aber das ist ihr noch nie passiert. Es wird ihr auch nicht passieren, da paßt sie schon gut auf.

Diesmal stach ihr die Annonce gewaltig in die Augen. Bei "Gehalt Nebensache" blieb sie hängen und las die Sätze, die durch gleichmäßig fetten Druck hervorgehoben waren, einige Male von rückwärts nach vorwärts durch. Der Ton imponierte ihr; das war ein Mann. Es schmeichelte ihr, sich als charaktervollste Persönlichkeit vorzustellen. Sie sah das Gesindel die Treppe herunterfliegen und freute sich aufrichtig darüber. Keinen Augenblick lang befürchtete sie, selbst als Gesindel behandelt zu werden.

Am nächsten Morgen stand sie in aller Frühe, um sieben, vor Kien, der sie in den Vorraum einließ und sofort erklärte:

"Ich muß es mir ausdrücklich verbieten, daß ein fremder Mensch meine Wohnung betritt. Sind Sie in der Lage, die Haftung für den Bücherbestand zu übernehmen?"

Er musterte sie scharf und argwöhnisch. Bevor sie auf diese Frage antwortete, wollte er seine Meinung über sie nicht abschließen. "Aber ich bitt Sie, was glauben Sie denn von mir?"

In ihrer Verblüffung über seine Grobheit gab sie eine Antwort, an der er nichts auszusetzen fand.

"Sie müssen wissen", sagte er, "warum ich meine letzte Haushälterin entlassen habe. Ein Buch aus meiner Bibliothek hat gefehlt. Ich hab die ganze Wohnung durchsuchen lassen. Es ist nicht zum Vorschein gekommen. Ich sah mich gezwungen, sie auf der Stelle zu entlassen." Empört schwieg er. "Sie werden das verstehen", fügte er dann noch hinzu, als hätte er ihrer Intelligenz zuviel zugetraut.

"Ordnung muß sein", erwiderte sie prompt. Er war entwaffnet. Mit großartiger Gebärde lud er sie in die Bibliothek ein. Sie betrat bescheiden den ersten Raum und wartete.

"Ihr Pflichtenkreis", sagte er ernst und trocken. "Täglich wird ein Zimmer von oben bis unten gestaubt. Am vierten Tag sind Sie fertig. Am fünften beginnen Sie wieder mit dem ersten. Können Sie das übernehmen?"

"Ich bin so frei."

Er ging wieder hinaus, öffnete die Wohnungstür und sagte: "Auf Wiedersehen. Sie treten heute an."

Sie stand schon auf der Treppe und zögerte noch. Vom Gehalt hatte er nichts gesagt. Bevor sie ihre Stelle aufgab, mußte sie ihn fragen. Nein, lieber nicht. Da könnte man sich schön anschmieren. Wenn sie nichts sagte, gab er vielleicht von selber mehr. Über die zwei streitenden Kräfte: Vorsicht und Gier, siegte eine dritte: die Neugier.

"Ja, und wie steht es mit dem Gehalt?" Verlegen über die Dummheit, die sie vielleicht beging, vergaß sie, "ich bitt Sie" voranzusetzen.

"Soviel Sie wollen", sagte er gleichgültig und schlug die Wohnungstür zu.

Ihren gewöhnlichen Herrschaften, die sich auf sie verließen - ein altes Möbel

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