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Gespräch in der Nacht Erzählungen 1911 von Bunin, Iwan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.06.2014
  • Verlag: Dörlemann eBook
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Gespräch in der Nacht

In diesen 1911 entstandenen Erzählungen verdichtet Iwan Bunin Momentaufnahmen des russischen Dorfes am Vorabend des Ersten Weltkrieges und der Revolution. Oft erzählen seine Figuren selbst ihre Geschichte, so wie die Tochter eines ehemaligen Leibeigenen. Diese Menschen verbindet vielfach ein grausames Schicksal, das ihnen Widerstandsfähigkeit und Überlebenswillen abverlangt. Der aus dem verarmten Landadel stammende Bunin kannte das russische Dorf wie kaum ein Intellektueller seiner Zeit. Er schildert das Leben der Menschen auf dem Lande, und er bettet die Schicksale in wunderbare Landschafts- und Naturbeschreibungen ein, mit denen sie sich zu einem dunkel leuchtenden Tableau fügen.

IWAN BUNIN, geboren am 22. Oktober 1870 in Woronesch, emigrierte 1920 nach Paris. Am 10. Dezember 1933 erhielt er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 8. November 1953 im französischen Exil. Bislang erschienen: "Ein unbekannter Freund". Deutsch von Swetlana Geier (2003) sowie "Verfluchte Tage" (2005), "Der Sonnentempel" (2008), "Am Ursprung der Tage" (2010) und "Das Dorf / Suchodol" (2011), alle vier in der Übersetzung von Dorothea Trottenberg. DOROTHEA TROTTENBERG studierte Slavistik in Köln und Leningrad, arbeitet als Bibliothekarin und als freie Übersetzerin klassischer und zeitgenössischer russischer Literatur, u.a. von Michail Bulgakov, Nikolaj Gogol, Vladimir Sorokin, Lev Tolstoj und Ivan Turgenev. 2007 wurde sie mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis, 2012 mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet. THOMAS GROB ist Professor für Slavistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel. Zudem ist er publizistisch tätig.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 264
    Erscheinungsdatum: 12.06.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783908778530
    Verlag: Dörlemann eBook
    Größe: 1227 kBytes
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Gespräch in der Nacht

HUNDERTACHT

Früh spürt man den Herbst, seine Ruhe. Es ist Anfang August, scheint aber eher wie in einem heiteren September, wenn es nur an einem windstillen, sonnigen Plätzchen noch heiß ist.

Der Lehrer Iwanizki, ein junger, aber ungewöhnlich ernsthafter Mann, der beim kleinsten Anlaß in tiefe Gedanken versinkt, geht gemächlich den sanft ansteigenden Hügel hinauf, über den Viehweg durch das Anwesen der bettelarmen Fürsten Koselski. Der Lehrer hat die eine Hand hinter den breiten Gürtel gesteckt, mit dem sein langes Hemd aus Bastseide zusammengehalten wird, zupft mit der anderen die Enden seines spärlichen weißblonden Schnurrbarts, hält die langgestreckte, magere Gestalt gebeugt und kneift die wachsamen grünlichen Augen zusammen. Mit seinem Spaziergang nimmt er Abschied vom Dorf - dieser Tage wird er nach Moskau fahren, zur Universität.

Auf dem Viehweg liegt Schatten. Rechter Hand ist ein großer Garten hinter einem Wall aus Stroh, linker Hand eine alte Schmiede, ein zerfallener Hundezwinger, leere, aus rosa Ziegeln gebaute Getreidedarren und dazwischen die Einfahrt zu einem unübersehbar großen, gleichfalls leeren Dreschplatz. Über dem schon lichter gewordenen Garten liegen Stille und schräger Sonnenglanz; hier und da schillert goldenes Spinngewebe in allen Regenbogenfarben; still liegen Schattenflecke unter den Apfelbäumen; bisweilen fällt mit einem kurzen, dumpfen Schlag ein reifer Apfel in das seidige, trockene Gras. Auf dem eingesunkenen Grasdach der Schmiede wuchert allenthalben samtig-smaragdgrünes, bräunlich schattiertes Moos. Die abgedeckten Darren sind schwer und wuchtig und künden mit ihren Umrissen von uralten Zeiten. Und all das - das Moos auf der Schmiede, der mit Kletten überwucherte Hundezwinger, die kahlen Dachgerippe über den rosa Ziegelmauern - , all das ist so wunderschön vor dem klaren hellblauen Himmel zwischen den weißen runden Wolken. Auf dem gewaltigen leeren Dreschplatz prasseln die Spatzen einem Platzregen gleich von einem Brennesselstrauch zum nächsten. Hinter diesem Gesträuch erhebt sich das rosa schimmernde Espenwäldchen ... Der Lehrer geht zu den Solowjows, er will vor seiner Abreise noch einmal ihren Großvater Taganok besuchen. Uralt ist er, wie man in Koselschtschina sagt: Er ist hundertacht, er ist eine Berühmtheit im Kreis.

Hinter dem Gut führen Straßen zwischen Höfen und Gemüsegärten hindurch. Der Lehrer biegt nach links in die Straße ein, die zwischen dem mit Gebüsch bewachsenen Erdwall am Dreschplatz und den alten Katen der früheren Leibeigenen des Fürsten verläuft. Sie ist leicht abschüssig und scheint in den zartgrünen, septemberlichen Horizont zu münden. September liegt auch in den Spitzen der Weiden, die da und dort vor den Katen wachsen und deren feines, sich gelblich verfärbendes Laub vor den weißen Wolken und dem Azurblau durchscheinend leuchtet; September liegt im goldenen Sonnenlicht und in dem durchsichtigen Schatten, der von den Katen auf die Straße fällt, auf die Wagen mit den Wassertonnen, die mit scheckigen Pferdedecken und Bauernmänteln abgedeckt sind ... Der Lehrer wirft im Vorübergehen von der Seite her einen Blick auf die Katen, auf die kleinen Fenster und die Vortreppen.

Die Fenster sind winzig und dunkel. Die Vortreppen und die Türschwellen starren vor Schmutz. Aber auch vor den Katen ist es nicht besser: In dem verkrusteten Schlamm, der hart ist wie Gußeisen und in dem Lumpen und faulige Bastschuhe festgewachsen sind, liegen große, flache Steine, auf denen zu Mittag und zu Abend gegessen wird. Kinder schreien, rufen einander etwas zu und klettern auf den Steinen herum. Viele Kinder

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