text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Glücksmomente von Ortheil, Hanns-Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.10.2015
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Glücksmomente

Das besondere Taschenbuch. Bedrucktes Ganzleinen mit Lesebändchen. Geschenkausgabe im kleinen Format, bedrucktes Ganzleinen mit Lesebändchen. Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat in seinen autobiografischen, zeitgeschichtlichen und historischen Romanen immer wieder Glücksmomente dargestellt, in denen die fünf Sinne der handelnden Akteure einzigartige Entdeckungen machen. Mal handelt es sich um Hörerlebnisse, mal um kulinarische Geschmacksproben, aber auch seltene Blickkontakte und emphatische Körpererfahrungen spielen eine bedeutende Rolle. In dieser Anthologie stellt er viele solcher intensiven Momente aus seinen Romanen vor, erläutert ihre kulturellen Hintergründe und erzählt davon, wie es zu ihrer Beschreibung gekommen ist. Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 12.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641168100
    Verlag: btb
    Größe: 488 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Glücksmomente

Das Glück der Ankunft

Gleich zu Beginn meines Romans "Die Erfindung des Lebens" erzähle ich von einem der stärksten Glücksmomente meiner Kindheit. Ich sitze auf dem Fensterbrett unserer Familienwohnung im Kölner Norden und warte auf die Ankunft meines Vaters. Den ganzen Tag habe ich damals als noch stummes Kind mit einer stummen Mutter verbracht. Jetzt aber, am späten Nachmittag, wird sich das ändern.

Aufgeregt und gespannt schaue ich über den ovalen Platz vor unserem Haus, den der Vater bald betreten und überqueren wird. Wenn ich seine Gestalt sehe, beruhigt sich alles in mir: Da ist er, mein Vater, er wird Mutter und mir helfen, er wird sich um uns und die vielen Dinge kümmern, alles wird sich finden und fügen, und kurz nach seiner Ankunft werden wir zu dritt in der Küche sitzen. Als wären wir eine ganz normale Familie. Als gäbe es nichts Bedrohliches.

So erschien mir die Ankunft meines Vaters jedes Mal als ein erlösender Moment. Die tägliche Schwere fiel von einem ab, das Leben erschien wieder leichter und zugänglicher. Für diese Veränderung gab es ein sichtbares, deutliches Zeichen. Es war das Lachen meines Vaters, das sein Gesicht überzog, sobald er mich oben auf meinem Fensterbrett gesehen hatte. Lachend, beinahe vergnügt, kam mein Vater nach Haus, und lachend, beinahe vergnügt, umarmte ich ihn, sobald er unsere Wohnung betreten hatte.

D amals, in meinen frühen Kindertagen, saß ich am Nachmittag oft mit hoch gezogenen Knien auf dem Fensterbrett, den Kopf dicht an die Scheibe gelehnt, und schaute hinunter auf den großen, ovalen Platz vor unserem Kölner Wohnhaus. Ein Vogelschwarm kreiste weit oben in gleichmäßigen Runden, senkte sich langsam und stieg dann wieder ins letzte, verblassende Licht. Unten auf dem Platz spielten noch einige Kinder, müde geworden und lustlos. Ich wartete auf Vater, der bald kommen würde, ich wusste genau, wo er auftauchte, denn er erschien meist in einer schmalen Straßenöffnung zwischen den hohen Häusern schräg gegenüber, in einem langen Mantel, die Aktentasche unter dem Arm.

Jedes Mal sah er gleich hinauf zu meinem Fenster, und wenn er mich erkannte, blieb er einen Moment stehen und winkte. Mit hoch erhobener Hand winkte er mir zu, und jedes Mal winkte ich zurück und sprang wenig später vom Fensterbrett hinab auf den Boden. Dann behielt ich ihn fest im Blick, wie er den ovalen Platz überquerte und sich dem Haus näherte, er schaute immer wieder zu mir hinauf, und jedes Mal ging beim Hinaufschauen ein Lachen durch sein Gesicht.

Wenn er nur noch wenige Meter von unserem Haus entfernt war, eilte ich zur Wohnungstür und wartete darauf, dass sich die schwere Haustür öffnete. Ich blieb im Flur stehen, bis Vater oben bei mir angekommen war, meist packte er mich sofort mit beiden Armen, hob mich hoch und drückte mich fest. Für einen Moment flüchtete ich mich in seinen schweren Mantel, schloss die Augen und machte mich klein, dann gingen wir zusammen in die Wohnung, wo Vater den Mantel auszog und die Tasche ablegte, um nach Mutter zu schauen.

Das Erste, was er in der Wohnung tat, war jedes Mal, nach Mutter zu schauen. Wo war sie? Ging es ihr gut? Sie saß meist im Wohnzimmer, in der Nähe des Fensters, heute kommt es mir beinahe so vor, als habe sie in all meinen ersten Kinderjahren ununterbrochen dort gesessen. Kaum ein anderes Bild habe ich aus dieser Zeit so genau in Erinnerung wie dieses: Mutter hat den schweren Sessel schräg vor das Fenster gerückt und die helle Gardine beiseitegeschoben. Neben dem Sessel steht ein rundes, samtbezogenes Tischchen, darauf eine Kanne mit Tee und eine winzige Tasse, Mutter liest.

Oft liest sie lange Zeit, ohne sich einmal zu rühren, und oft schleiche ich mich in diesen stillen Leseraum, ohne dass sie mich bemerkt. Ich kauere mich leise irgendwohin, gegen eine Wand oder vor das große Bücherregal, ich warte. Irgendwann wird sie etwas Tee tri

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen