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Glaubensmomente Roman von Ortheil, Hanns-Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.10.2016
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Glaubensmomente

Geschenkausgabe im kleinen Format, bedrucktes Ganzleinen mit Lesebändchen. Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat in seinen autobiografischen, zeitgeschichtlichen und historischen Romanen immer wieder Glaubensmomente dargestellt, in denen die handelnden Akteure sich mit Bruchstücken der christlichen Überlieferung beschäftigen. Mal handelt es sich um Hörerlebnisse in Gottesdiensten, mal um Lektüren biblischer Passagen, aber auch die tieferen Fragen danach, worin der Glaube eigentlich besteht und wie er im alltäglichen Leben erscheint, spielen eine bedeutende Rolle. In dieser Anthologie stellt er einige solcher intensiven Momente aus seinen Romanen vor, erläutert ihre kulturellen Hintergründe und erzählt davon, wie sie entstanden sind. Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 03.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641186173
    Verlag: btb
    Größe: 598 kBytes
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Glaubensmomente

Im Pfarrhaus des Onkels

Der älteste Bruder meiner Mutter studierte katholische Theologie und wurde später Priester und Pfarrer. Er war ein ungemein treuer und liebenswürdiger Mensch, und er lud manchmal Mitglieder der Familie in sein großes Pfarrhaus nach Essen ein. In meinen Schulferien durfte auch ich ihn besuchen, und ich tat das sehr gern, weil ich auf diese Weise Menschen und Dinge ganz aus der Nähe zu sehen bekam, die ich sonst nur von weitem sah.

Ein Messgewand, eine Sakristei, der Raum um und am Altar, die Kanzel, den Tabernakel - all diesen Dingen und Szenen begegnete ich, wenn ich den Onkel in einen Gottesdienst begleitete. Auch sonst konnte ich mich in der Kirche, die direkt neben dem Pfarrhaus stand, frei bewegen und dabei auch in jene Zonen eindringen, die sonst abgesperrt oder verschlossen waren.

Das Interessanteste aber war das Pfarrhaus selbst. Auf jedem Stockwerk befanden sich viele Zimmer, in denen kein einziger Mensch lebte. Im ersten Stock hatte der Onkel sein Büro und sein Schlafzimmer, und im zweiten schlief die Haushälterin. Unten im Parterre waren das Pfarrbüro und die Küche, und daneben gab es noch ein kleines Zimmer für vertrauliche Gespräche. Die anderen Räume aber standen leer und hatten seltsame Namen, als würden sie für seltene Gäste frei gehalten oder als residierten darin unsichtbare Geister.

Eines hieß "Josefszimmer" (wegen einer Statue des heiligen Josef, die sich in diesem Zimmer befand), ein anderes "Glockenzimmer" (weil in diesem Zimmer die Kirchenglocken besonders laut zu hören waren). Ein besonders geheimnisvolles Zimmer hieß "Ehezimmer" - und das deshalb, weil in diesem Zimmer nur Eheleute schlafen sollten. Ein "Kinderzimmer" gab es natürlich auch, und es war genau das Zimmer, in dem ich selbst immer schlief.

Das Pfarrhaus war nicht nur groß, sondern auch alt. Von außen schaute es mit seinem verlassenen Garten und den hohen Mauern ringsum aus wie ein Geister- oder Gespensterhaus. Im ganzen Umkreis gab es nichts Vergleichbares, es war "eine eigene Welt", in deren Mitte ein einziger Mensch lebte, betete und sich um andere Menschen geradezu aufopferungsvoll bemühte und kümmerte.

Ich habe meinen Onkel sehr verehrt. Und manchmal habe ich mich als Kind gefragt, ob der Beruf des Pfarrers nicht der einzig richtige ("schöne, gute und wahre") wäre.

V or einer Kirche machten sie endlich halt und gingen hinein. Die kleinen Fenster lagen hoch, es war dunkel, und sie tasteten sich zu einer Bank vor, um sich zu setzen. Allmählich erst gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit und nahmen die Umgebung wahr. Von draußen hörte man das Klatschen des Regens und den heftig zischenden Wind. Fermer streckte sich aus, und Anna öffnete den Mantel, die Haare ordnend. Sie saßen eine Weile still, und ihr Atem beruhigte sich.

Am Altar zündete ein Mann in schwarzer Soutane die Kerzen an; sorgfältig blies er die Flamme des Dochtes, der an einem langen Stock befestigt war, aus. Er blätterte in dem dicken Messbuch, das auf dem Altartisch lag. Vor dem Madonnenbild, das in einer Nische hinter den zahllosen brennenden Kerzen flimmerte, kniete eine Frau und betete leise. Das Blau des Madonnenmantels zitterte vor dem goldenen Hintergrund. Der Weihrauchduft füllte den hohen Raum, und die Wärme beruhigte Fermer, der sich plötzlich an die in Frömmigkeit verbrachten Tage erinnerte und sich freute, endlich von einer Sache länger erzählen zu können, ohne nach Worten suchen zu müssen.

Und während er begann, von den Wochen zu sprechen, die er als Kind im Pfarrhaus des Onkels zugebracht hatte, schien auch Anna wie erlöst zuhören zu können; denn sie legte den Kopf auf seine Schulter und nahm plötzlich seine Hand, als habe sie nur auf diesen ruhigen Moment gewartet.

Das Pfarrhaus war ungewöhnlich groß gewesen; in den weiten Räumen hatte er die Übersicht ebenso ver

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