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Goodbye Bismarck von Bart, Stephanie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.10.2015
  • Verlag: Atlantik Verlag
eBook (ePUB)
10,99 €
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Goodbye Bismarck

Das Debüt von Stephanie Bart: ein Schelmenroman über die Flüchtigkeit der Kunst. - 3. Oktober 1990. Deutschland feiert die Einheit. In Hamburg wird dem gigantischen Bismarck-Denkmal, das über den Landungsbrücken thront, die Maske des Superkanzlers der Stunde übergestülpt. Helmut Kohls Birne ragt über die Bäume hinweg. "Bismarck verkohlt", titelt die Morgenpost. Ein "Kommando Heiner Geißler" hinterlässt ein Bekennerschreiben. Und Behörden, Feuerwehr und Spezialisten versuchen tagelang vergeblich, Kohl von seinem Sockel zu holen. - Anhand dieser wahren Geschichte entspinnt Stephanie Bart eine kluge Komödie um die Freunde Jens Dikupp und Ulrich Held, die diese einzigartige Kunstaktion planen.

Stephanie Bart, geboren 1965 in Esslingen am Neckar, studierte Ethnologie und Politische Wissenschaften an der Universität Hamburg. Seit 2001 lebt sie in Berlin. Für die Arbeit an Deutscher Meister erhielt sie das Stipendium des Deutschen Literaturfonds 2011 und 2012, für den Roman wurde sie mit dem Rheingau Literatur Preis 2014 ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 12.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455170634
    Verlag: Atlantik Verlag
    Größe: 832kBytes
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Goodbye Bismarck

1. Kapitel. Vorher eins.

Ulrich Held, 36 , Inhaber und alleiniger Betreiber eines Fahrradladens, hat genau in dem Augenblick, in dem er "Schaltaugen" auf die Liste der zu bestellenden Artikel schreibt, Bismarcks blöden Blick im Kopf. Erst aus der Rückschau, in der sich vieles fügt, lässt sich diese Assoziation als Beginn des später mit dem Kürzel "BiBi" bezeichneten Projekts bestimmen. Das Denkmal, an dem er fast täglich vorbeikommt, ist ihm so vertraut, wie einem etwa eine Wohnzimmerlampe vertraut ist, auch wenn das Bismarck-Denkmal in Hamburg mit einer Wohnzimmerlampe ansonsten absolut nichts gemeinsam hat. Eine Wohnzimmerlampe kann immerhin leuchten. Ulrich Held fragt sich manchmal, ob er das Denkmal seiner Nähe zur Karikatur wegen nicht eigentlich doch gut finden soll. Er denkt also an das hoch über den Landungsbrücken stehende Bismarck-Denkmal, er denkt an Bismarcks blöden Blick, als er "Schaltaugen" auf die Liste der zu bestellenden Artikel schreibt, aber mehr denkt er in diesem Augenblick nicht.

Es ist ein Freitag im Mai 1990 , und er hat seinen Laden in der Taubenstraße vor zehn Minuten geschlossen. Durch die Straßen der Hansestadt wälzt sich der Feierabendverkehr. Außer Ulrich Held denkt kaum einer an Bismarck. Die Leute denken eher solche Sachen wie, ich muss noch Butter kaufen, wieso fährt denn der da vorne jetzt nicht, aber sie denken diese Gedanken doch in gehobener Stimmung, und es ist immer noch eine kitzelige Aufgeregtheit dabei. Vergessen, als hätte es sie nie gegeben, ist die Erstarrung des Kalten Krieges, die Müdigkeit allerorten, die sich lähmend breitgemacht hatte, als nach den aufbruch- und reformschwangeren siebziger Jahren im nächsten Jahrzehnt all das Aufbrechende mitsamt den Reformen wieder zurückgenommen worden war. Abiturienten gingen an die Universitäten und begannen Berufsausbildungen mit dem Vorsatz, ordentlich zu sein, Karriere zu machen und Geld zu verdienen, und es war nur noch eine ganz kleine Minderheit, die fand, dass anderes wichtiger sei, zum Beispiel die Abschaffung des Kapitalismus, der Atomkraft, des Wettrüstens und des Patriarchats, die Erhaltung der Umwelt und eine schonende Nutzung der natürlichen Ressourcen, die Lösung des Nordsüdkonflikts und dergleichen mehr. Die Öffnung der Mauer lag gerade mal ein halbes Jahr zurück. Die allgemein gehobene Stimmung, mit der man dachte, dass man noch Butter kaufen müsse, war dem durch nichts zu erschütternden Bewusstsein geschuldet, dass man sich mitten in einem historischen Geschehen befand, an dem man sogar Anteil hatte. Es tat dem keinerlei Abbruch, dass sich die unbezweifelbare Historizität des politischen Geschehens partout nicht anders bemerkbar machen wollte, als in den Gesprächen darüber. Man sagte, was für ein historischer Augenblick!, und dann ging man zur Arbeit wie je und kaufte Butter und stand im Stau wie immer.

In den ersten Tagen und Wochen nach der Öffnung der Mauer wurde man Zeuge beschämender Szenen mit den herüberströmenden Bürgern der DDR , die es geschafft haben sollten, ihre Regierung zu stürzen, aber jetzt dem Westen aus der Hand fraßen. Und die Bürger der Hansestadt gaben durchaus kein besseres Bild ab. Ulrich Held beobachtete, wie vor seinem Laden ein blitzblanker, silbergrauer Mercedes hielt, dem aus den Vordertüren ein äußerst hanseatisches Ehepaar entstieg. Das Haupthaar des hanseatischen Paares war genauso silbergrau wie sein Wagen. Der Mann öffnete die hintere Tür (Kindersicherung!), und heraus kam unverkennbar ein DDR -Bürger, dessen Vollbart aufgeregt in den hochgeschlagenen Kragen eines dunkelbraunen Polyesterjacketts zitterte. Man tauschte Adressen mit einem dümmlich glückseligen Lächeln im Gesicht, umarmte einander zum Abschied, und dann zückte der Herr mit dem silbergrauen Haupthaar das Portemonnaie und drückte dem Ossi einen Zwanzigmarkschein in die Hand. Die Frau wandte sich ab. Der Mann hatte seine

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