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Große Elbstraße 7 Das Schicksal einer Familie von Serno, Wolf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.09.2019
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Große Elbstraße 7

Liebe in unruhigen Zeiten. Hamburg, Ende des 19. Jahrhunderts. Eigentlich soll Vicki zur Haiden in Lübeck das Lehrerinnenseminar besuchen, doch sie hält die Enge dort nicht aus. Heimlich kehrt sie nach Hamburg zurück - ausgerechnet als in den ärmeren Vierteln die Cholera ausbricht. Mit dem jungen, am Krankenhaus in Ungnade gefallenen Arzt Johannes Dreyer tut sie alles, um den Erkrankten zu helfen. Bis ihr Vater, der Chefarzt am Neuen Krankenhaus Eppendorf, ihr plötzlich gegenübersteht. Er verbietet seiner rebellischen Tochter den Umgang mit dem eigenwilligen Doktor. Doch Vicki hat sich längst in ihn verliebt und beschlossen, ihr eigenes Leben zu leben... Die Saga über eine Hamburger Arztfamilie, die auf wahren Begebenheiten beruht. Von dem Bestsellerautor Wolf Serno. Wolf Serno war, bevor er begann, Romane zu schreiben, viele Jahre erfolgreich als Werbetexter und als Dozent tätig. Mit "Der Wanderchirurg" gelang ihm ein internationaler Bestseller. Er lebt mit seiner Frau und zwei Hunden in Hamburg und Nordjütland.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 13.09.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841218414
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 5345 kBytes
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Große Elbstraße 7

Kapitel 1

N ur wenige Stunden, bevor die Katastrophe ihren Lauf nahm, lähmte die Hitze alles Leben in der Stadt. Wie eine unsichtbare Glocke hing sie über den Straßen und Plätzen und trieb jedermann, der sich zu schnell bewegte, den Schweiß auf die Stirn. Sie ließ die Luft über den Pflastersteinen flirren, das Laub in den Bäumen erschlaffen und fauligen Gestank aus den Fleeten emporsteigen.

Niemand, auch nicht die Ältesten, konnte sich erinnern, jemals einen so heißen Tag im August erlebt zu haben. Die sonst so geschäftige Hafenstadt Hamburg stand still.

Am schlimmsten litten die Menschen in jenem Teil der Altstadt, der als Gängeviertel bekannt war - einem unübersichtlichen, lichtlosen Labyrinth aus unzähligen verwinkelten Pfaden und Gässchen. In der Niedernstraße jedoch, dort, wo das Gängeviertel am dunkelsten war, trotzten ein paar Kinder der sengenden Hitze. Fröhlich schreiend trieben sie einen eisernen Fassreifen mit Stockschlägen vor sich her. Der Reifen tanzte über die Steinplatten des Hinterhofs und geriet immer wieder gefährlich in die Nähe der Kellerfenster, doch jedesmal gelang es einem der Kinder, ihm rechtzeitig eine andere Richtung zu geben. Dann aber streifte der Reifen ein Geländer, geriet ins Trudeln und stieß gegen einen Jungen, der an einer Hauswand hockte.

Der Junge hieß Finn. Er wurde von den anderen Kindern "Vogelscheuche" gerufen, weil sein Hemd viele Flicken aufwies und die Hose ihm bei jedem Schritt um die Beine schlotterte. Finn war schon zwölf und damit älter als die anderen, aber er war nicht größer, was daran lag, dass er in den letzten Jahren kaum gewachsen war.

Finn hielt den Reifen fest.

Die anderen Kinder riefen: "Seuche, Seuche, Vogelscheuche! Rück den Reifen raus."

Finn grinste. Er wusste, sie würden es nicht wagen, ihm ihr Spielzeug wegzunehmen. Er war zwar schwächer als sie, aber er hatte einen starken Vater. Einen sehr starken sogar. Und Vater musste jeden Augenblick zurückkommen. Eigentlich hätte er schon längst wieder da sein müssen. Vor einer halben Stunde hatte er über Kopfschmerzen geklagt und war gegangen, um in Gädgen's Eck ein Bier zu trinken.

"Aber wirklich nur ein Bier, Hermann!", hatte Mutter ihm nachgerufen. "Wir müssen sparen!"

Wo blieb Vater nur? Er gehörte nicht zu den Männern, die den halben Tag in der Kneipe hockten und sich über Gott und die Welt unterhielten. Er führte auch keine politischen Reden, wetterte nicht gegen kapitalistische Ausbeuter und kämpfte nicht für den Achtstundentag. Er war der Meinung, an Arbeit sei noch niemand gestorben, und fuhr sechs Tage in der Woche über die Norderelbe hinüber zum Kleinen Grasbrook, wo er die vom Flusswasser verschmutzten Siele reinigte. Vater war stolz auf das, was er tat, auch wenn sein Lohn kaum ausreichte, die Familie satt zu bekommen.

Wo blieb er nur?

"Seuche, Seuche, Vogelscheuche! Gib endlich den Reifen her, oder du kriegst was auf die Fresse!"

Finn fand, es sei klüger, sich von dem Reifen zu trennen. Unvermittelt gab er dem eisernen Ring einen Stoß, so dass er den fordernden Kinderhänden entwischte. Er rollte über den Hof, stieß gegen die Tür des allgemeinen Plumpsklosetts und fiel scheppernd um.

In diesem Augenblick passierte es.

Die Tür wurde aufgestoßen, und ein großer Mann taumelte heraus, die Hose hastig hochgezogen. Es war Finns Vater. Er war blaugrau im Gesicht und torkelte, als wäre er betrunken. Aber er konnte nicht betrunken sein, denn er kam nicht aus der Kneipe. Was war los mit ihm?

"Vater!" Finn rappelte sich auf und lief zu ihm hin.

"Finn." Der Vater stützte sich schwer auf ihn. "Bring mich nach Haus. Muss mich hinlegen."

"Mach ich! Was hast du bloß?", fragte Finn ängstlich. So schwach hatte er seinen Vater noch nie gesehen. Dessen Beine zuckten so seltsam, und er zitterte am ganzen Körper. Finn legte sich Vaters Arm um die Schulter und machte einen Sch

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