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Herman Bang: Romane und Novellen 2 Phädra (Gräfin Urne) - Stuck / aus dem Dänischen von Dieter Faßnacht

  • Verlag: Books on Demand
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Herman Bang: Romane und Novellen 2

Die Werke Herman Bangs (1857-1912) gehören zu den bedeutendsten der dänischen Literatur, teils wegen ihres tiefen Einblicks in die menschliche Seele, teils wegen ihres impressionistischen, filmischen Stils, der die Prosa seiner Zeit veränderte und noch immer die Literatur der Neuzeit prägt. Die auf zehn Bände angelegte Neuübersetzung der Romane und Novellen fußt auf der großen historisch-kritischen Gesamtausgabe der 'Danske Sprog- og Litteraturselskab', Kopenhagen 2008-2010.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 584
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783746058306
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 843kBytes
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Herman Bang: Romane und Novellen 2

I

Jetzt war Thorsholm 2 alles, was den Maags verblieben war. Vorher hatten im Wechsel ein Jens und ein Jørgen Maag - diese beiden waren die Lieblingsnamen des Geschlechtes - von Thorsholm aus Ländereien im Umkreis von vier Meilen 3 bis zur Förde hinab besessen und beherrscht, und das Geschlecht hatte zu den reichsten ganz Jütlands gehört.

Ehrbesessen war das Geschlecht immer gewesen, und äußeren Glanz liebte man. Die Söhne hielten sich am Königshof auf, und die Töchter wurden standesgemäß immer mit Adeligen verheiratet. Auch ins Ausland zogen sie - die jüngeren Kinder -, und man hatte oft von ihrem Ruhm auf Schlachtfeldern und bei Hofe gehört.

Nur zweien des Geschlechtes war es schlecht ergangen.

Erik war der eine. Hoch war er an dem fernen Königshof, wo er sich nach vielen Abenteuern zur Ruhe gesetzt hatte, in der Gunst gestiegen, so hoch, daß das Land mehr von ihm als dem König selbst regiert wurde. Aber dann stürzte er eines Tages tief: Die Axt durchschlug den Hals, den die Arme der Königin umschlungen hatten.

Das andere Mitglied des Geschlechtes war eine Frau.

Ellen Maag war mit dem krausen Mund des Geschlechtes und den großen, schwermütigen Augen überaus hübsch. Wohlhabend war sie auch - die Maags waren noch reich -, und Ellen hatte genügend Buhler gehabt. Aber sie gab den Freiern nur Körbe und blieb zu Hause sitzen. Da geschah es eines Sommers - als Jungfer Maag dreißíg Jahre alt war -, daß der jüngste Königssohn auf dem Nachhauseweg von einem fremden Hof Thorsholm besuchte. Der junge Prinz war neunzehn Jahre alt und hübsch, und er verweilte vierzehn Tage auf dem Gut.

Abends wurde die Tafel unter den Linden geschmückt. Aber nach dem Gastmahl ging Jungfer Ellen oft am Arm des Prinzen, und sie redeten vertraut miteinander, während es dunkelte. Dann, wenn die Nacht hereinbrach und die Gäste schläfrig vom Trinkgelage aufbrachen, war Jungfer Ellen oft unter den holden Worten des Prinzen in den Ranken des Hopfengartens, der seinen Duft würzig und schwer verströmte, verschwunden.

Als der junge Prinz weg war, ging das Leben auf Thorsholm wieder seinen gewohnten Gang, und auf den Sommer folgte der Herbst, und die Lindenalleen wurden gelb und dünnten aus. Ellen war bleich und traurig; sie zog sich zurück und legte sich schließlich zu Bett: Sie wollte niemanden sehen. Eines Morgens fand man ihren Leichnam im Graben.

Dies waren die Überlieferungen des Geschlechts der Maags.

Aber eitel und prachtversessen war das ganze Geschlecht gewesen, und eine besondere Gier hatte es getrieben, das Äußerste in allem zu erreichen. Maßhalten kannten sie überhaupt nicht. Deshalb kamen auch Zeiten, wo es mit dem Geschlecht bergab ging: Bald wurde ein Wald verkauft, bald Grundbesitz veräußert, denn glänzend mußte es auf Thorsholm immer noch zugehen.

Christen Maag verschwendete den Rest. Es ging so schief, daß er das Kupferdach des Hofes verkaufte, um für seine Torheiten in Versailles Geld zu beschaffen, und als er nach Hause kam, kurz vor der großen Revolution 4 , war er ein verarmter Mann. Sein französischer Diener, ein junger Bursche, den er in Paris aufgefischt hatte und der genauso gut Omelettes zu backen verstand wie das Haar zu pudern, dichtete die Fenster im Ostturm ab; und er polsterte die Wände mit allen alten Teppichen des Hauses - Maag war im Ausland äußerst kälteempfindlich geworden - und packte eine Menge von Bildern nackter Schäferinnen, die auf Seidenkissen schliefen oder leichtfertig mit Hirten spielten, aus. So lebte Maag mit Jacques, so hieß der Diener, sowohl sommers wie winters, gut hinter den gepolsterten Wänden mit den verspielten Hirtinnen versteckt, und es vergingen etliche Jahre.

Aber als die französischen Soldaten unter Bernadotte heraufgezogen 5 , war bei der Abteilung, die bei Thorsholm ihr Lager aufschlug, eine junge, schwarzäugige Marketenderin, die südfranzösische Lieder sang und Zigeunerblut in i

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