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Hotel Berlin von Baum, Vicki (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.04.2018
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
eBook (ePUB)
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Hotel Berlin

'Die Frage, die mich Tag und Nacht nicht in Ruhe ließ, war: Wie sieht es jetzt in Deutschland aus? Was denken, fühlen, fürchten und hoffen die Deutschen in einem Augenblick, da schon die ganze Welt das Menetekel an der Wand lesen kann?' Vierundzwanzig Stunden in einem Luxus-Hotel in Berlin in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Draußen fallen Bomben, drinnen haben die Nazigrößen ihr halboffizielles Quartier eingerichtet. Aber auch andere Menschen unterschiedlichster Herkunft finden Zuflucht im Hotel, darunter eine bekannte Schauspielerin namens Lisa Dorn, eine schillernde Figur, Freundin diverser Generäle. Sie entdeckt zufällig, dass sich in ihrem Zimmer der weithin gesuchte Student Martin Richter verbirgt, der kurz vor seiner geplanten Hinrichtung aus den Fängen der Gestapo fliehen konnte. Statt ihn zu verraten, versteckt sie ihn, und während draußen die Welt untergeht, verlieben sich die beiden ineinander ... Ein temporeicher Schicksalsroman, den man atemlos und mit Tränen in den Augen verschlingt. Vicki Baum, geboren 1888 in Wien, gestorben 1960 in Hollywood, war eine vom Deutschen Reich ausgebürgerte österreichische Musikerin und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Weimarer Republik. Sie emigrierte schon 1932 in die USA und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Der Roman 'Hotel Berlin', erschienen 1943 in New York, war eine Prophezeiung.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 27.04.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783803142375
    Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
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Hotel Berlin

In ihren alten Männerstiefeln kam die Telegrafenbotin zur Hotelhalle hereingeschlurrt und nahm ihren Weg zum Empfangstresen. "Telegramme", sagte sie und hielt Kliebert ihren Block zum Unterschreiben hin.

"Was gibt's Neues?" fragte Kliebert.

"Es heißt, sie haben Bremen gestern nacht derartig zusammengebombt, daß kaum noch ein Haus steht. Sechzigtausend Tote. Die Züge sind gerammelt voll mit Verwundeten. Den Papst haben sie gefangengesetzt. Die Amerikaner haben Rom eingenommen. Unsere Soldaten in Rußland strecken die Waffen und wollen Kommunisten werden, aber Stalin hat sie alle erschießen lassen."

"Ist das alles?"

"Den Richter haben sie noch nicht erwischt", erklärte die alte Frau mit ihrer Totengräberstimme und schlurrte davon.

"Was hat sie gesagt?" fragte Ahlsen, der schweißgebadet zum Tresen zurückkehrte. Da Schmidt fehlte und der Fahrstuhl außer Betrieb war, hatte er sich widerstrebend herabgelassen, die Koffer der Gäste zu tragen.

"Die ist nicht ganz richtig im Oberstübchen", sagte Kliebert, an seine Stirn tippend. Aber er wußte, und auch Ahlsen wußte, daß die absurden Gerüchte, welche die alte Frau abschnurrte wie eine zerbrochene Grammophonplatte, einen wahren Kern hatten. Mit anderen Worten: Gestern standen die Dinge gut, heute standen sie schlecht. In der Tat, an diesem hellen, sonnigen Morgen standen sie sehr schlecht. Im Hotel herrschte Sodom und Gomorrha. Es war, als ob sämtliche Hotelgäste sich zur gleichen Zeit an den Tresen drängten, alle vom gleichen Wunsch getrieben: fort, nur fort aus Berlin! Um jeden Preis nur weg aus dieser gefährdeten Stadt, aus diesem untergehenden Land. Da wurde nach Zügen gefragt, nach Flugzeugen, nach Fahrplänen, nach Abfahrtszeiten; von den beiden hilflosen alten Männern wurden Verbindungen für Ferngespräche nach Stockholm, Zürich, Ankara und Bukarest verlangt. Doktor Hüningen, der in seiner Ecke saß, diagnostizierte die Symptome und faßte bei sich zusammen: Die Euphorie ist vorbei; nun kommt das Ende. Er verließ seinen Tisch und stelzte zum Tresen.

"Telegramm für mich?"

"Nein. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich Sie rufe, wenn es da ist", schrie Ahlsen unhöflich.

"Überreizt?" fragte Hüningen nicht unfreundlich.

"Nein!" brüllte Ahlsen. "Aber ich kann nicht alles alleine machen. Wo stecken denn bloß die Pagen heute?"

"Beruhigen Sie sich, Mensch", sagte der Arzt. "Nehmen Sie's nicht so tragisch. Das ist nicht die erste Panik dieses Krieges, und es wird nicht die letzte sein."

"Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Wir haben keine Panik. Warum sollten wir auch eine haben?" erwiderte Ahlsen, Parteidisziplin wahrend.

"Ich könnte verschiedene Gründe dafür nennen", meinte der Arzt leicht belustigt. Ich glaube, heute werden wir noch ein paar Nervenzusammenbrüche kriegen, sprach er zu sich selbst, als er zu seinem Tisch zurückging.

Schmidt erschien um zehn Uhr dreißig, sozusagen in Vitriollaune. Er rammte sich die Portiermütze mit einem hohlen Knall auf den Kopf, riß seine Schlüssel, seinen Bleistift und seine Liste an sich und stürzte sich wütend in die Verwirrung, die um den Tresen herrschte.

"Na, hat man Sie behalten?" fragte Ahlsen, vor Schadenfreude fast platzend.

"Jawohl! Und Sie werden se genauso bei die Hammelbeene kriegn, und bald, mit samt Ihrem Parteiabzeichen und allem, das lassen se sich von mir sagen. Nu werden se bald jeden schielenden lahmen alten Krüppel zusammenkratzen, genauso wie sie's 1918 gemacht haben; alles Kanonenfutter. Nich mal so viel Zeit lassense 'nem Menschen, sich um seine Familie zu kümmern. Heute ist mein letzter Tag im Hotel. Morgen bin ich Soldat, und Sie können sich Ihre dumme Lache sonstwo hinstecken. Sie werden auch bald einer sein."

"Ich wäre stolz, wenn sie mich nehmen würden, trotz meines Alters und meines Rheumatismus", sagte Ahlsen großspurig.

"Rheumatismus! Die werden Ihnen zeigen, was Rheumatismus ist!" sagte Schmidt in h

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