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Ich fühle was, was du nicht fühlst Roman von Fried, Amelie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.08.2016
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
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Ich fühle was, was du nicht fühlst

India lebt mit ihren Hippie-Eltern und ihrem Bruder Che in der bürgerlichen Umgebung einer süddeutschen Kleinstadt. Intelligent und mit spöttischem Scharfblick betrachtet sie die Welt der Erwachsenen und durchschaut deren Lebenslügen. Ihr Nachbar, ein Musiklehrer, überredet sie zu Klavierstunden und entdeckt ihre große musikalische Begabung. Während ihre Eltern mit einer Ehekrise beschäftigt sind und Che in die Kriminalität abzudriften droht, entsteht zwischen India und ihrem Lehrer eine einzigartige Verbindung, getragen von der Liebe zur Musik. Doch in einem einzigen Moment zerstört er ihr Vertrauen, und India steht vor einer furchtbaren Entscheidung: Ihr Geheimnis öffentlich zu machen - oder für immer zu schweigen.

Amelie Fried, Jahrgang 1958, wurde als TV-Moderatorin bekannt. Alle ihre Romane waren Bestseller. Traumfrau mit Nebenwirkungen, Am Anfang war der Seitensprung, Der Mann von nebenan, Liebes Leid und Lust und Rosannas Tochter wurden erfolgreiche Fernsehfilme. Für ihre Kinderbücher erhielt sie verschiedene Auszeichnungen, darunter den "Deutschen Jugendliteraturpreis". Zusammen mit ihrem Mann Peter Probst schrieb sie den Sachbuch-Bestseller Verliebt, verlobt - verrückt?. Bei Heyne erschien zuletzt der Roman Ich fühle was, was du nicht fühlst. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in München.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 22.08.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641189341
    Verlag: Heyne
    Größe: 1058 kBytes
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Ich fühle was, was du nicht fühlst

1

1975

Dass mit meiner Familie etwas nicht stimmte, hatte ich schon länger vermutet. Spätestens, als mein Bruder religiös wurde, mein Vater uns ein schreckliches Geheimnis verriet und meine Mutter schließlich verschwand, wurde es zur Gewissheit. Aber bis dahin würden noch vierhundertneunzehn Tage vergehen, von dem Tag an gerechnet, an dem die Geschichte begann.

An diesem Tag war ich zur Frau geworden, jedenfalls hatte meine Mutter es so genannt, mich begeistert geküsst und mir eine rote Rose aus Seidenpapier und einen knallroten Lippenstift aus ihrer Sammlung geschenkt.

Für mich war es der Tag, an dem ich nach der Englischstunde aufgestanden war und hinter mir die hämische Stimme einer Mitschülerin gehört hatte.

"Da schau, die Verrückte hat in die Hose gemacht!"

Ich fuhr herum, zwei grinsende Teenager glotzten mir auf den Hintern. Ich sah an mir hinunter, bemerkte zwischen den Beinen dunkle Flecken auf dem blauen Stoff, tastete entsetzt mit den Fingern danach, fühlte etwas Feuchtes.

Ich wusste natürlich, was passiert war, meine Eltern hatten mich aufgeklärt. Und zwar so früh und umfassend, dass ich im Alter von vier Jahren meiner Kindergärtnerin erklärt hatte, die beiden Hunde im Hof würden nicht raufen, sondern rammeln. "Und dann kriegen sie viele kleine Hundekinder", hatte ich zufrieden festgestellt. Meine Mutter war daraufhin zur Leiterin einbestellt worden.

Mir war also klar, dass ich meine Periode bekommen hatte. Und mir war auch klar, dass dieser Umstand auf Wochen hinaus Anlass zu Spott und Gemeinheiten seitens meiner Mitschülerinnen sein würde. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, und senkte den Kopf.

Du heulst nicht!, befahl ich mir selbst. Wer Schwäche zeigt, fordert den Jagdinstinkt seiner Verfolger heraus. Ich blähte die Nüstern, richtete mich auf und nahm Anlauf, um mich auf eine meiner Peinigerinnen zu stürzen.

Da spürte ich, wie mir jemand eine Strickjacke um die Hüften schlang, und sah überrascht zu, wie die Ärmel über meinem Bauch verknotet wurden.

"So wird's gehen", sagte Bettina, packte mich resolut am Arm und zog mich aus dem Klassenzimmer. Widerstandslos ließ ich es geschehen.

Ich rechnete. Ich war genau dreizehn Jahre, vier Monate, vier Tage und elf Stunden alt. Wenn ich davon ausging, dass ich, bis ich fünfzig wäre, jeden Monat meine Periode bekommen würde, davon zweimal neun Monate abzog, falls ich Kinder bekommen würde, und wenn die Blutung im Schnitt fünf Tage dauerte, würde ich in den nächsten siebenunddreißig Jahren an zweitausendeinhundertzwanzig Tagen bluten. Fast sechs Jahre lang.

"Ich will keine Frau sein", stöhnte ich.

"Red keinen Quatsch", sagte Bettina.

Zu Hause versorgte mich meine Mutter mit Binden, öffnete eine Flasche Sekt und reichte mir ein halb gefülltes Glas.

"Ich bin so stolz auf dich!", sagte sie.

Ich begriff nicht, warum sie mich feierte, als hätte ich eine besondere Leistung vollbracht. Meine guten Schulnoten riefen längst nicht so viel Begeisterung hervor, und an denen hatte ich deu tl ich mehr Anteil als an der blöden Blutung. Wie so oft kam mir die Reaktion meiner Mutter übertrieben vor, irgendwie gekünstelt.

Als mein Vater kam, verkündete sie ihm die Neuigkeit mit einer Begeisterung, als hätte ich mindestens die Bundesjugendspiele gewonnen (was unwahrscheinlich war, weil ich grundsätzlich keinen Sport trieb).

Es war mir furch tb ar peinlich, dass sie meinen Vater in diese Frauengeschichten einweihte, und ich spürte, dass es ihm ebenfalls unangenehm war.

"Du weißt ja, dass du ab jetzt aufpassen musst", warf er mir hin. Und damit war das Thema für ihn offenbar erledigt.

Ich fragte mich, wie er auf die Idee kommen könnte, ich würde mit dreizehn bereits Sex haben. Seine Gedankenlosigkeit machte mich wütend.

"Wann hattest du denn zum ersten Mal Sex?", fragte ich herausfordernd.

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