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Ins Licht von Federmair, Leopold (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.10.2015
  • Verlag: Otto Müller Verlag
eBook (ePUB)
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Ins Licht

'Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, / Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit.' Diese Sätze aus einem Gedicht von Andreas Gryphius könnten als Motto vor dem neuen Erzählband Leopold Federmairs stehen. Ins Licht ist ein genau komponierter Erzählzyklus, dessen Geschichten um acht verschiedene Zimmer kreisen, in denen sich Tragödien und Erlösungen, Gespräche und Geheimnisse, Liebesgeschichten und subtile Verführungen abspielen. Das Treiben beginnt in der Provinz und die höchst unterschiedlichen Figuren eint ihr Drang, sich Welt zu erschließen. Dabei ecken sie an, sind hilfreich oder bleiben Betrachter. Der vielgestaltige Erzähler führt uns in manch eine Weltstadt, an deren Ränder und weiter, in die Freiräume der Phantasie. Dabei kann es zu überraschenden Spiegelungen kommen, die verdeckte Zusammenhänge zeigen. Federmairs Fiktionsräume gestalten unter der Hand ein Panorama dieser Zeit, mit einem weiten Rückgriff ins 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen und Gemetzeln. Angelpunkt des Buchs könnte die Erzählung Zimmer sein, in der ein alter Schauspieler von seinen Kriegserlebnissen erzählt. So dunkel einzelne Geschichten sein mögen, sie werden doch getrieben von einem Schimmer der Zuversicht. Die Menschen des neuen Jahrhunderts könnten sich wie der Schauspieler und sein jeweiliger Feind als freundliche Doppelgänger ineinander erkennen.

Leopold Federmair, geboren 1957 in Oberösterreich, besuchte das Gymnasium Kremsmünster und Wels und studierte anschließend Germanistik, Publizistik und Geschichte an der Universität Salzburg. Er ist als Schriftsteller, Essayist, Kritiker und Übersetzer tätig (Übersetzungen aus dem Französischen, Spanischen und Italienischen, u.a. Werke von Michel Houellebecq, José Emilio Pacheco, Francis Ponge). 2012 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung. Leopold Federmair lebt in Hiroshima, wo er an der Universität Deutsch unterrichtet. Im Otto Müller Verlag erschienen: Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie (2005), Ein Fisch geht an Land (2006), Ein Büro in La Boca (2009), Erinnerung an das, was wir nicht waren (2010), Die Ufer des Flusses (2012), Das rote Sofa (2013), Die Wandlungen des Prinzen Genji (2014)

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 23.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701362332
    Verlag: Otto Müller Verlag
    Größe: 784 kBytes
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Ins Licht

Aki

Kann es sein, daß er mich nicht erkannt hat? Nein, glaube ich nicht. Noch weniger Zweifel auf meiner Seite, schließlich stand sein Name auf dem Schildchen, das er am Revers trug wie die anderen Angestellten auch. Damit der Kunde weiß, mit wem er es zu tun hat. Gut, ich habe nur einen Erlagschein abgegeben, haben Sie ein Konto bei uns? Nein? Macht zehn Schilling extra, trotzdem hätte er mich erkennen müssen. Hat mich erkannt. Ob ich mich so stark verändert habe? Ich habe mich doch nicht verändert? Gut, die Frisur, die Haare gefärbt, ein bißchen fester die Figur, wer hält schon sein Mädchengewicht. Und er? War auch derselbe, älter, aber nicht anders, nicht aus der Form gelaufen, nur das Gesicht so... glatt. Sauberes Gesichtchen, keine Spur von ... Keine einzige Narbe, nichts. Schminkt er sich? Ganz dezent? Schminkt sie ihn? Ist er verheiratet? Ich schaute auf die linke Hand, auf die rechte, den Finger, das feine Haarbüschel, den Ring. Kann ich noch etwas für Sie tun?

Nein, nichts zu tun. Ich drehte mich um. Lief über die Treppe, stolperte. Irgendwie hat es mich doch ge troffen, daß er mich nicht erkannte. Ich war ja nur zufällig vorbeigekommen in der Gegend dort, beim Wochenmarkt. Ich wohne schon lange auf der anderen Seite vom Fluß. Der Alte soll in derselben Bank gearbeitet haben, dreißig Jahre früher, bevor er das Gasthaus übernahm. Manchmal hat er den Gästen seine Bankgeschichte erzählt, immer dieselbe, von einem, der maskiert in den Schalterraum kam, Zorro, noch nicht ausgenüchtert vom Faschingsball, legte einen Zettel auf den Tisch, das ist ein Überfall, sagte der Alte: Da fehlt ein L. Wieso, sagte Zorro und beugte sich über den Zettel, was soll denn fehlen? Und an der Stimme erkannte der Alte, der damals fast so jung war wie Aki, als ich ihn kannte, den Mann, der ein Stammkunde im Gasthaus war, und sagte: Geh heim, schlaf deinen Rausch aus, und der Zorro faltete den Zettel zweimal zusammen und trollte sich davon. Ich sag euch nicht, wer es war, sagte der Alte, sonst kriegt er noch Schwierigkeiten, hat eh schon genug. Die Sache war längst verjährt, aber der Alte tat so, als sei es gestern gewesen.

Ein paar Wochen, nachdem Aki bei der Bank angefangen hatte, schlug ich ihm vor, einen Einbruch zu machen, am Wochenende, nachts, er behauptete, den Code vom Haupttresor zu kennen. War natürlich nicht ernst gemeint, wir dachten uns oft etwas aus, aber manchmal wurde es ernst, und ich stellte mir vor, wir zwei wie Bonnie und Clyde, ich hatte den Film mit Faye Dunaway gesehen, damals in Amerika, als ich in dem Kaff am Highway 209 arbeitete, nicht am Highway 61, das war eine der Lügen, die uns verbanden, und wenn ich frei hatte, fuhr ich manchmal nach Reading, da gab es ein Kino, das auch ältere Sachen spielte. Aber Bonnie und Clyde, da machte er nicht mit, er saß kalt und steif auf dem Bett und sagte, er müsse jetzt üben.

Dabei übte er damals gar nicht mehr. Jedenfalls spielte er nicht mehr in der Band, wo er Baß gespielt hatte, ich glaube, weil er für die Gitarre nicht gut genug war. Aber zu Hause spielte er nur Gitarre, jedenfalls wenn ich dabei war, der Elektrobaß lehnte am Radioturm, den er dort aufgebaut hatte, uralte Volksempfänger, auf dem Flohmarkt gekauft, einer über den anderen gestapelt, obwohl im Zimmer gar kein Platz dafür war, das Bett und der Tisch füllten den Raum aus, ein viel zu großer Schreibtisch, der über die Waschmuschel ragte. Da saßen wir oder lagen auf dem Bett, auf der dünnen schwarz-goldenen Decke, die er nach dem Aufstehen über die Tuchent warf, und er sang Highway 61 oder einen anderen Song von Dylan. Eigentlich war er zu jung für Dylan, mehr als zehn Jahre jünger als ich, seine Band spielte Softpunk, so nannten sie es, weil sie glaubten, sie hätten was Neues erfunden, Softpunk, aber ihm gefiel Dylan. Am Anfang, wenn ich in sein Zimmer kam nach dem Nachtdienst, quetschte er mich aus über solche Sachen, Dylan, Woodstock, Amerika, un

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