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Jagen 135 von Sommer, Tobias (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.02.2015
  • Verlag: Septime
eBook (ePUB)
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Jagen 135

Konrad Jagen, ein Fotograf, der mit seinen Kriegsfotografien reich wurde, soll einen Ort finden und ablichten, an dem sich seit Jahrhunderten Lebensmüde einfinden, um den Freitod zu wählen. Sein Auftraggeber bezahlt einen dreitägigen Aufenthalt in der einzigen Pension in der Nähe des zu durchkämmenden Waldes, doch Jagen verfängt sich in der Suche nach einem Platz, der für ihn mehr wird als ein Sammelpunkt für Unglückliche, und in einer Landschaft, die für den Leser weder räumlich noch zeitlich greifbar ist. Es geht um die Frage, warum Menschen, die alles in ihrem Leben erreicht haben, diesen Wald aufsuchen und warum eine Generation, die das Rüstzeug zum Glücklichsein hat, in Melancholie versinkt. Jagen führt ein sorgloses Leben, denn sein berühmtestes Foto, das Bild einer Frau auf einer Hochzeitsgesellschaft, eine Schönheit vor den Trümmern des Terrors, brachte ihm sowohl Geld als auch Ruhm und war der Beginn seiner unglaublichen Karriere. Erst auf seiner Suche im Wald erkennt er nach und nach, was dieser mediale Erfolg für ihn bedeutet; und das Rätsel, weshalb wir langsam töten, unsere Gegner und uns selbst, und warum wir nur glauben, glücklich zu sein, verdichtet sich, wie das Unterholz, mit jedem Schritt, den er tiefer in diesen Wald vordringt. Tobias Sommer wurde 1978 in Schleswig-Holstein geboren. Er veröffentlichte zahlreiche Erzählungen und Gedichte in Anthologien und Einzelpublikationen. Seine Lyrik und Prosa wurde mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Die Berliner Literaturkritik bescheinigt seinen Texten 'Schönheit, Tiefe und Eleganz'. 2014 war Tobias Sommer für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 23.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903061088
    Verlag: Septime
    Größe: 810 kBytes
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Jagen 135

Als ich mich im Hotel nach einem Zimmer erkundigt habe, sagt sie, habe ich einen Gast gesehen, dunkelblond, ungefähr Ihre Größe, mit einem grünen Mantel.

Ja, das muss Herr Kurtz gewesen sein.

Der Typ hat mich nicht beachtet, der stand einfach da und hat in die Luft geguckt und dann hat er sich von einer Sekunde zur anderen umgedreht und ist verschwunden.

Ich habe ihn gestern im Wald getroffen - oder war es vorgestern, überlege ich und füge hinzu, ein erfolgreicher Unternehmer.

Mein Sohn war auch erfolgreich , sie blickt auf ihr Glas und dreht es, bis ein Tropfen über den Rand schwappt, er hatte alles, zumindest habe ich das immer geglaubt , sie wischt mit dem Finger den Tropfen vom Glas, er galt als eines der größten Basketballtalente , er hat mit neunzehn Jahren in der Bundesliga gespielt, es war sein Traum , sie schaut an mir vorbei.

Im schummrigen Licht der Abendsonne sieht sie jünger aus, denke ich, die Falten in ihrem Gesicht sind nicht mehr die Falten eines anstrengenden Lebens, sondern die einer nachdenklichen, schönen Frau.

Er hat sich den Traum von der Profikarriere erfüllt , sagt sie leise, aber glücklich war er nicht , sie stockt und ergänzt mit noch leiserer Stimme, er war unglücklich, warum hätte er sich sonst ..., sie sieht mich mit einem herausfordernden Blick an, und Sie, Sie haben ja auch eine tolle Karriere hingelegt.

Ja , ich kann mich nicht beklagen.

Sie würden also alles in Ihrem Leben genauso wieder machen?

Ja, keine Ahnung, ich bin glücklich verheiratet, habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht, ja, ich würde das meiste noch einmal machen, vielleicht würde ich nicht noch einmal als Fotograf in ein Krisengebiet ziehen.

Vielleicht, sicher sind Sie sich nicht?

Ich würde sicher nicht noch einmal das Risiko eingehen.

Aber dann hätten Sie nicht diese Frau kennengelernt, sie blickt mich an, Sie haben sie seitdem nicht wiedergesehen, fragt sie mich heute zum zweiten Mal.

Nein, ich habe sie nicht wiedergetroffen , gebe ich zu, aber ich habe oft das Gefühl, ihr plötzlich gegenüberzustehen.

Weil sie noch immer häufig abgedruckt wird, auch nach all den Jahren noch, vermutet Frau Johannson.

Nein, es sind reale Begegnungen, die mich irritieren, ich sehe Menschen in der Stadt oder in der Straßenbahn und glaube für einen Moment die Frau wiederzuerkennen , ich suche nach einem Beispiel und mir fallen etliche Begegnungen ein, aber ich sage, ihr Gesicht wird von der Presse noch gerne verwendet, und wenn ich einen dieser Abdrucke sehe, ist es ein seltsames Gefühl , ich warte, wäge ab, ob ich meinen Satz beenden soll, und sage, es ist ein Gefühl, als wären zwischen dem Foto und dem Heute nicht so viele Jahre vergangen.

Das verstehe ich, wenn ich mir vorstelle, dass ich bereits ein Jahr lang nach dem Warum frage , sie lächelt müde .

Ich nehme einen Schluck Wein, und bevor ich mich nicht mehr an meine Freundschaftsbekundungen erinnern kann, mache ich den ersten Schritt, und wenn wir schon ein gemeinsames Ziel haben, könnten wir uns eigentlich auch duzen, ich bin Konrad .

Sie lächelt und sagt, gerne, sehr gerne .

Ich gehe in die Küche, die Bohnen dampfen auf dem Herd und riechen verbrannt. Ich rette, was zu retten ist, und gehe mit zwei Suppentellern und einem Laib Brot nach draußen, ich kann dir nichts Besonderes anbieten, aber immerhin ist es warm .

Glaubst du, wir finden den Ort?

Wir haben ihn gefunden , antworte ich, er liegt vor uns, der Wald ist der Ort.

Mein Sohn hatte ein Ziel, einen bestimmten Platz, ob der im Wald oder irgendwo anders liegt, weiß ich nicht, aber es gib

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