text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Karl und das 20. Jahrhundert Roman von Brunngraber, Rudolf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.10.2015
  • Verlag: Milena Verlag
eBook (ePUB)
14,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Karl und das 20. Jahrhundert

Wien, 1893: Karl Lakner erblickt das Licht der Welt. Die Mutter Dienstbotin, der Vater Maurergehilfe, die Welt wieder einmal vor dem Abgrund. Doch Karl wehrt sich, er will aus seinem Leben etwas machen, lernt fleißig, und schafft es tatsächlich auf die Lehrerbildungsanstalt - das Leben scheint sich zu bessern. Dann bricht der 1. Weltkrieg aus. Karl Lakner - ein Menschen wie tausend andere Menschen, ein Leben, beliebig herausgegriffen aus Millionen anderer, denselben Zwängen und Bedingungen unterworfen: Kriege, Inflation, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger. Angeregt zu diesem Roman wurde der junge Arbeiterschriftsteller und Vagabund Rudolf Brunngraber durch den österreichischen Philosophen Otto Neurath, der in Hinblick auf die soziale Frage, das Massenelend und die Arbeiterschaft erstmals die Bedeutung statistischen Materials ins Blickfeld gerückt hatte. Das Resultat ist nicht nur in inhaltlicher und thematischer Hinsicht gewaltig, sondern erobert auch formal ein Terrain, wie es selbst andere Werke der sogenannten Neuen Sachlichkeit in solcher Konsequenz nie eroberten. Ein Roman, der beispielhaft die bereits global wirkenden technischen und wirtschaftlichen Zwänge und Hemmnisse mit dem Leben eines einzelnen noch der alten Zeit entstammenden Menschen verschränkt. Beinahe jede Kategorie des Romans wird hier radikal gesprengt, der Bezug zur Wirklichkeit bleibt aber erhalten.

Rudolf Brunngraber (1901-1960) gehört zu den interessantesten österreichischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, in 18 Sprachen übersetzt und erreichten eine Millionenauflage. Angeregt durch Otto Neurath gelang Rudolf Brunngraber 1932 mit 'Karl und das 20. Jahrhundert' ein Roman, der nicht nur inhaltlich bedeutsam ist, sondern auch formal neue Wege beschreitet. Brunngrabers Werk erschien zuerst im Zentralorgan der SDAP, der Arbeiter-Zeitung, und wurde dann zum internationalen Bucherfolg. Vor seinem literarischen Durchbruch schlug sich der ehemalige Schüler Gustav Klimts jahrelang als Wanderredner, Holzfäller und Totensänger durch.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 300
    Erscheinungsdatum: 07.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783902950680
    Verlag: Milena Verlag
    Serie: Revisited Bd.3
    Größe: 1335 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Karl und das 20. Jahrhundert

1880-1893

Die größtmögliche Ordnung

Als Frederick W. Taylor (Philadelphia) 1880 als Erster konsequent den Gedanken der Rationalisierung faßte, war der Wiener Karl Lakner noch nicht unter den Lebenden. Das entschied sich zu seinem Nachteil. Denn er hätte ebensogut damals schon achtzig Jahre alt sein können. Wäre er vierzehn gewesen und mit einem Kropf behaftet und hätte er sich einer Operation unterzogen, dann würde man ihm allerdings mit dem Kropf die Schilddrüse herausgeschnitten haben und er wäre ein Kretin geworden. Von dem Stand der medizinischen Wissenschaft jedoch abgesehen, war das Leben damals verhältnismäßig noch ungefährlich. Allein Karl Lakner war weder in der einen noch in der anderen Form vorhanden. Das Schicksal hatte ihn mit achtzehnhundert Millionen anderen ausersehen, am bislang gewalttätigsten Zeitalter dieser Erde teilzuhaben.

Mr. Taylor trug indessen das seine dazu bei, die Schienen, auf denen dieses Zeitalter rollen sollte, straffzuziehen. Er hatte den Nerv für das, was man Zivilisation nennt. Obgleich ihm das Reifezeugnis für die Harvarduniversität ausgestellt worden war, trat er bei der Midvale Steel Company als Hilfsarbeiter ein. Mit der Zielbewußtheit freilich, die nur Naturen eignet, in denen die Familie ihren biologischen Höhepunkt erreicht hat. Die Midvale Steel Co. war auch der properste Boden für einen solchen Mann. Durch ihren Betrieb waren die bekannten Pioniere der Neuzeitigen Betriebsführung gegangen, Henry R. Towne, Wilfred Levis, Carl G. Barth. Das bewies, daß der Kopf des Unternehmens, Mr. William Seilers, seine Sinne offen hielt für das Kommende.

Die Arbeiter der Midvale Steel Co. fanden sich ungefähr in der Lage von Menschen, die man in die Zugluft gestellt hat. Daß das Land eine Menge Eisenbahnen erhalten hatte, wußte jeder Zeitungsleser. Desgleichen, daß man in Chikago den ersten Wolkenkratzer baute (1883), daß man im Osten mit elektrischen Lifts in die Häuser hinauffuhr und im Westen aus jedem Kartoffelacker eine Petroleumfontäne stach. Hier innen aber spürte man die Bedeutung von all dem, den Wind, der damit anhob. Was gestern Arbeit gewesen war, war heute Engagement innerhalb etwas, das man Neuzeitige Betriebsführung nannte. Es wurde einem wie Verbrechern auf die Finger gesehen. Zudem wandelten sich die Werkzeuge von Schicht zu Schicht, und der Werkgang erfuhr, mit und ohne Zuwachs neuer Apparaturen, fortwährend Umstellungen. Zugegeben, verdammt, daß sich alles handlicher gestaltete; der Vorgang an sich aber war unheimlich. Hier wurde die Vertrautheit zwischen Mann und Maschine, und damit die zwischen Leben und Arbeit, in einer Weise gestört, die ein Grauen vor der Zukunft einflößte.

Das war es: die Neuzeitige Betriebsführung war ein System. Keine Angelegenheit von Fall zu Fall und nach gegebenen Anlässen, sondern etwas Drohendes, voll fremdartiger Willkür, das allgegenwärtig und unentrinnbar zu werden versprach. Die Zeit schickte sich eben sichtbar an, exakt zu werden, das will sagen erbarmungslos. Man griff von oben und von unten nach dem kleinen Mann. Ging nicht im Augenblick (1882) auch ein Sturm der Empörung durch alle Staaten gegen die Standard Oil Co.? Sie hatte die großen Ölgesellschaften zu einem Trust, wie man das nannte, zu dem ersten Ding dieser Art vereinigt. Das sollte der Anfang einer wundervollen, längst fälligen Ordnung sein, die nun in die Wirtschaft gebracht würde. So umstritt man es wenigstens in den Enqueten, die drumherum veranstaltet wurden. Die Konzentration, ließ der sattsam bekannte Rockefeller verkünden, brächte nur Vorteile - für die Allgemeinheit natürlich. Denn sie würde über die Ersparnisse und Intensivierungen, die sie ermöglichte, den Trust, zumal er auch den gesamten Markt in Händen hielte, in die Lage versetzen, die Preise im Inland fortschreitend zu senken. Zu schweigen von der Macht, mit der der Trust auf den Plan der Welt

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen