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Karpatenkarneval Roman von Andruchowytsch, Juri (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.02.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Karpatenkarneval

Vier Dichter und ihre bizarre Entourage unterwegs in die Karpaten. In Tschortopil soll das Fest des auferstehenden Geistes steigen, ein Happening, eine Kreuzung aus Woodstock, Orgie und folkloristischem Mummenschanz. Der Rockstar aus Leningrad reist im Zug an, während die "Blüte der Nation", die jungen Dichter aus der Provinz, von einem Chrysler Imperial aufgesammelt werden, am Steuer ein ukrainischer Emigrant, der eine Privatklinik in Luzern leitet und sich als Sponsor ausgibt ... Karpatenkarneval , geschrieben im September/Oktober 1990, ist der legendäre Bilderstürmertext des 30jährigen Lyrikers und Performance-Künstlers Juri Andruchowytsch, der die ukrainische Literatursprache zerstörte, um sie neu zu erfinden. Damals ein Skandal, eine Revolution, ist er heute erstmals auf Deutsch zu bestaunen - als genialer Auftakt zu den berühmten Prosawerken des Autors: Moscoviada (1993; dt. 2006, st 4312), Perversion (1999; dt. 2011, st 4409) und Zwölf Ringe (2003; dt. 2005, st 3840). Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, dem früheren galizischen Stanislau, studierte Journalistik und begann als Lyriker. Außerdem veröffentlicht er Essays und Romane. Andruchowytsch ist einer der bekanntesten europäischen Autoren der Gegenwart, sein Werk erscheint in 20 Sprachen. 1985 war er Mitbegründer der legendären literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada). Mit seinen drei Romanen Rekreacij (1992; dt. Karpatenkarneval, 2019), Moscoviada (1993, dt. Ausgabe 2006), Perverzija (1999, dt. Perversion, 2011), die unter anderem ins Englische, Spanische, Französische und Italienische übersetzt wurden, ist er unfreiwillig zum Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur geworden.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 11.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518759493
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Rekreacij
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Karpatenkarneval

" Dann schlepp du ihn doch! " , brüllt Martofljak. " Mir reicht's. Ich hab meine Christenpflicht getan. "

" Ich schlage vor, ihn irgendwo am Rande des Denkmals abzulegen und ihn schlafen zu lassen, wir sehen uns noch ein, zwei Stündchen um, dann kommen wir zurück, wecken ihn und gehen ins Hotel " , verkündet Nemyrytsch.

" Die Idee ist im Großen und Ganzen gut " , sagt Hryts, " aber einfacher wäre es, ihn nicht bis zum Denkmal zu zerren, sondern irgendwo hier zu verstecken, sagen wir mal im Kofferraum dieses Autos. Das mich übrigens an jemanden erinnert ... "

" Das ist der Chrysler von Herrn Popel " , hilft ihm Nemyrytsch.

" Kann hier jemand den Kofferraum eines Chrysler öffnen? " , fragt Hryts mit einem Blick, als wolle er wissen, ob jemand Konservenbüchsen öffnen kann.

" Alter, ich bin sicher, der Kofferraum ist offen " , sagt Nemyrytsch bestimmt. " Es ist doch das Auto von Herrn Popel und nicht, sorry, Martusja, von irgendeinem Arschloch! Ich bin sicher ... "

Zusammen hebt ihr den schwer gewordenen Bilynkewytsch vom Pflaster auf, der gerade etwas sagt wie " Helden sterben nicht " , und schleppt ihn zum Chrysler, der plötzlich schwarz und leer mitten auf dem Platz aufgetaucht ist, der Kofferraum steht natürlich offen, und ihr schmeißt den vom Schlaf paralysierten Bilynkewytsch hinein - soll er dort ausruhen, der Arsch, wie es ihm gefällt.

Dann taucht ihr wieder in der festlichen Menge unter - und ihr genießt es, schon eine gute Stunde lang, aber irgendetwas tief drinnen verweigert sich - nein, nicht so, nicht so, dann aber passt wieder alles, bravo, Pawlo, gut gemacht, ein Kobsar singt von der roten Bahre oder roten Beere, Studenten führen ein Mysterienspiel über das Vaterland auf, und bei einem der neuen Kleinunternehmer kann man sich sein Horoskop kaufen, oder Schaschlik essen, mit Pfeil und Bogen auf einen riesigen Papp-Stalin schießen, den Hintern der nächsten Anwärterin im " Superfräulein " -Wettbewerb bewundern, direkt aus der Flasche trinken, sich die Fresse mit blauer und gelber Farbe bemalen, ein Oratorium anhören, den Himmel durch ein Teleskop betrachten, bei einer Lotterie - jedes Los gewinnt - mitmachen, sich mit jemandem prügeln - einfach so oder um ein Weibchen, man kann mit Messern und Orangen jonglieren oder sich zudröhnen wie Bilynkewytsch, sich ein Amulett am Kettchen kaufen oder ein Kreuz, alle viere von sich strecken, auf einen fahrenden Schießstand schießen, ein altes Grammophon kaufen oder bis zum Morgen einen rituellen Arkan tanzen oder mit ein paar anderen Lieder von Rekruten oder roten Beeren oder roten Bahren singen, man kann mit Mädchen in einem Fass baden oder im Kofferraum eines schwarzen Autos schlafen, die Bibel auf Arabisch und den Koran auf Ukrainisch kaufen oder einen Pornokalender, eine Videokassette, eine Makarow, ein Hirschgeweih, einen Hahn, ein Huhn, eine Fahne, Jeans, einen Körper, Gott, Morphium, eine Ri ppe, Brüste, Bier, Wasser, einen Lutscher, Nägel, Haut, eine Wunde, man kann endlich zum Hotel gehen oder hier bis zum Morgen herumwandern oder sterben ...

Die Flammen über uns, die fliegenden Funken, das leckende Feuer, die Barockwände der Gebäude, geschmückt mit Girlanden und grünen Maizweigen, die geschnitzten Figuren in Nischen und Torbögen, bestreut mit Konfetti und behängt mit Luftschlangen, beschmiert mit Scheiße und Sperma, die orangen Zelte mit tausenden Verlockungen und tausenden Regeln, die Türme über den Gärten, die Mauern, das Rathaus mit der höchsten Spitze der Welt, die Berge über der Stadt, die Sterne am Himmel.

Die Dunkelheit des Ortes, Fledermäuse in den Glockentürmen, Kerzen auf dem

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