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Kindergeschichte von Handke, Peter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.11.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Kindergeschichte

In "Kindergeschichte" erzählt Peter Handke die ersten zehn Jahre im Leben eines Kindes und die Geschichte der ihm zugehörigen Erwachsenen. Weit entfernt von jeder Verharmlosung, aber auch aller pädagogischen Intention, nimmt der Erzähler dem Kind (und den Kindern) gegenüber die Haltung eines Geschichtsschreibers ein. - Gebundene Ausgabe mit Lesebändchen Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen . Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfaßt, erinnert sei an: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), Wunschloses Unglück (1972), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die linkshändige Frau (1976), Das Gewicht der Welt (1977), Langsame Heimkehr (1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Der Chinese des Schmerzes (1983), Die Wiederholung (1986), Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990), Versuch über den geglückten Tag (1991), Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994), Der Bildverlust (2002), Die Morawische Nacht (2008), Der Große Fall (2011), Versuch über den Stillen Ort (2012), Versuch über den Pilznarren (2013). Auf die Publikumsbeschimpfung 1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, Kaspar. V on hier spannt sich der Bogen weiter über Der Ritt über den Bodensee 1971), Die Unvernünftigen sterben aus (1974), Über die Dörfer (1981), Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land (1990), Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992), über den Untertagblues (2004) und Bis daß der Tag euch scheidet (2009) über das dramatische Epos Immer noch Sturm (2011) bis zum Sommerdialog Die schönen Tage von Aranjuez (2012) zu Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2016). Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen: Aus dem Griechischen Stücke von Aischylos, Sophokles und ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 113
    Erscheinungsdatum: 12.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518799109
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1132 kBytes
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Kindergeschichte

1

Ein Zukunftsgedanke des Heranwachsenden war es, später mit einem Kind zu leben. Dazu gehörte die Vorstellung von einer wortlosen Gemeinschaftlichkeit, von kurzen Blickwechseln, einem Sich-dazu-Hocken, einem unregelmäßigen Scheitel im Haar, von Nähe und Weite in glücklicher Einheit. Das Licht dieses wiederkehrenden Bildes war die Düsternis, kurz bevor es zu regnen anfängt, in einem grobsandigen leeren Hof, der von einem Grasnarbenkranz eingefaßt wird, vor einem nie deutlichen, nur im Rücken gefühlten Haus, unter dem dichtgefügten Laubdach hoher, breiter, hier und dort rauschender Bäume. Der Gedanke an ein Kind war so selbstverständlich wie die beiden anderen großen Zukunftserwartungen, welche von der nach seiner Überzeugung ihm bestimmten und sich seit je in geheimen Kreisen auf ihn zubewegenden Frau handelten, und von der Existenz in dem Beruf, wo allein ihm eine menschenwürdige Freiheit winkte; ohne daß freilich diese drei Sehnsüchte auch nur einmal in einem Bild zusammen erschienen.

Am Tag der Geburt des gewünschten Kindes stand der Erwachsene dann an einem Sportplatz in der Nähe der Klinik. Es war ein hellsonniger Sonntagvormittag im Frühjahr, in den graslosen Torräumen Pfützen, im Lauf des Spiels zu Schlamm gestampft, aus dem die Dunstschwaden aufstiegen. In der Klinik erfuhr er, daß er zu spät kam; das Kind sei schon da. (Er hatte wohl auch eine Scheu empfunden, bei dem Geburtsvorgang Augenzeuge zu sein.) Seine Frau wurde an ihm vorbei durch den Flur gefahren, den Mund weiß ausgetrocknet. Die Nacht davor hatte sie allein in einem sonst fast leeren Bereitschaftsraum auf dem sehr hohen Räderbett gewartet; als er ihr etwas zu Hause Vergessenes dorthin nachbrachte, hatte sich zwischen den beiden, dem mit einem Plastiksack in der Tür stehenden Mann und der auf dem hohen metallischen Gestell mitten im kahlen Zimmer liegenden Frau, ein Augenblick tiefer Sanftheit ergeben. Der Raum ist ziemlich groß. Sie befinden sich in einem ungewohnten Abstand voneinander. Auf der Strecke von der Tür zum Bett glänzt der nackte Linoleumboden im weißlichen, sirrenden Neonlicht. Das Gesicht der Frau hatte sich schon im Anschaltgeflacker ohne Überraschung oder Erschrecken dem Eintretenden zugewendet. Hinter diesem dehnen sich die weitläufigen, halb schattigen Korridore und Stiegenhäuser des Gebäudes, lang nach Mitternacht, in einer einmaligen, durch nichts zu störenden, in den leeren Stadtstraßen dann weiterschwingenden Aura des Friedens.

Als dem Erwachsenen durch die Trennglasscheibe das Kind gezeigt wurde, erblickte er da kein Neugeborenes, sondern einen vollkommenen Menschen. (Nur auf dem Photo war es dann das übliche Säuglingsgesicht.) Daß es ein Mädchen war, war ihm sofort recht; doch im anderen Fall das wußte er später – wäre es die gleiche Freude gewesen. Hinter dem Glas wurde ihm nicht eine "Tochter" entgegengehalten, oder gar ein "Nachkomme", sondern ein Kind. Der Gedanke des Mannes war: Es ist zufrieden. Es ist gern auf der Welt. Allein die Tatsache Kind, ohne besonderes Kennzeichen, strahlte Heiterkeit aus – die Unschuld war eine Form des Geistes! – und ging wie etwas Diebisches auf den Erwachsenen draußen über, so daß die beiden dort, ein für alle Male, eine verschworene Gruppe bilden. Die Sonne scheint in den Saal, und sie befinden sich auf einer Hügelkuppe. Es war nicht bloß Verantwortung, was der Mann bei dem Anblick des Kindes fühlte, sondern auch Lust, es zu verteidigen, und Wildheit: die Empfindung, auf beiden Beinen dazustehen und auf einmal stark geworden zu sein.

Zu Hause in der leeren Wohnung, wo aber schon alles für die Ankunft des Neugeborene

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