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Kinderlachen - Folge 035 Zu spüren, du bist für mich da von Clemens, Barbara (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.05.2017
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Kinderlachen - Folge 035

Anna-Lena ist allein, als der mörderische Schmerz plötzlich über sie herfällt und ihr die Luft zum Atmen nimmt. All das Gelernte aus dem Geburtsvorbereitungskursen - richtiges Atmen, das dem Kind mehr Platz bietet, und beruhigende Entspannungstechniken - sie hat es vergessen. Mit letzter Kraft erreicht sie ihr Handy, um den Notruf zu wählen. Als Anna-Lena nach der Geburt aus der Narkose erwacht, ist sie nicht mehr allein. Ein Arzt sitzt an ihrem Bett und hält ihre Hand. Anna-Lena blickt suchend um sich: Wo ist ihr Baby?

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 64
    Erscheinungsdatum: 09.05.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732546855
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 351 kBytes
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Kinderlachen - Folge 035

Manchmal, wenn sie mit der U-Bahn heimfuhr in den Außenbezirk der Stadt, ja, manchmal, da fiel es ihr noch auf: Grau und freudlos sahen die Gesichter der meisten Mitreisenden aus, so, als hätte ein Schicksalsschlag ihnen die Schönheit geraubt.

Ja, manchmal fiel es Anna-Lena noch auf. Sie ließ ihre Blicke an den aufgeschlitzten Kunststoffsitzen herabgleiten, entdeckte Bonbonpapier und feuchte Seiten einer Tageszeitung, angebissene Brötchen und undefinierbaren Müll.

Wenn es regnete, roch die U-Bahn nach feuchten Kleidern und billigem Parfüm, nach Straßenstaub und ranzigem Fett, das zerknüllte Pommes-Tüten noch immer ausdünsteten.

An diesen seltenen Tagen des bewussten Schauens suchte die Vierundzwanzigjährige auf der langen Fahrt nach etwas Besonderem im Waggon, nach dem Lächeln eines Kindes vielleicht, nach einer Hand, die der gehbehinderten, alten Frau dort drüben half, nach etwas, das über die banale Alltäglichkeit einer Fahrt ins Wohnsilo auf dem weiten Feld hinausging.

Warum sahen die Menschen, die in den Hochhäusern dort im Randgebiet der Großstadt wohnten, denn immer so ... gedemütigt aus? So, als hätte sie jemand geprügelt und sie hätten sich trotz dieses grundlosen Angriffs nicht gewehrt.

Kam eine Bahn entgegen, entdeckte Anna-Lena für Sekunden ihr Spiegelbild. Sie erschrak über die Blässe ihres Gesichtes, empfand den Zopf, der ihre hellblonden Haare straff zurückhielt, als fremd und fast unweiblich, und dann schaute sie auf den Boden und wartete auf die nächste Haltestelle, darauf, dass etwas Schönes und nie dagewesenes passierte, etwas, das diesen Tag über alle anderen hinaushob.

Nie passierte dieses Etwas. Die U-Bahn hielt an der Endstation, und sie alle drängelten sich hinaus, als wartete etwas Großes, Wunderbares auf sie. Manche machten sofort an der Bahnhofsklause halt, riefen schon beim Eintreten dem Wirt ihren Getränkewunsch zu und blieben dort stundenlang, vielleicht sogar die ganze Nacht.

Manche aber, wie sie, überquerten den betonierten Platz und wandten sich nach rechts, dem Einkaufszentrum zu. Alle großen Wohnsiedlungen besaßen dieses Center als Mittelpunkt.

Alles war Beton, Grau in Grau, selbst die armseligen Pflänzchen, die die Stadt gesetzt hatte, wurden von Achtecken in Beton umrahmt. Durch Tiefgaragen und unterirdische Keller ging ihr Weg. Ihre Schritte hallten. Anna-Lena hatte Angst.

So viel passierte hier! Jugendliche fanden sich zu Straßencliquen und Banden zusammen, Kinder schwänzten die Schule und lungerten herum. Es gab Cafés und Treffpunkte im Silo, ja, es gab Kaufhäuser und Boutiquen und Getränkemärkte und Läden für den Haushaltsbedarf. Es gab lauter bunten Kitsch aus Plastik, und die Menschen gingen an den Schaufenstern vorbei, und ihre Blicke waren sehnsüchtig auf etwas Kaufbares gerichtet.

Vielleicht, dachte Anna-Lena, vielleicht ist mit der Seele der Menschen in den letzten Jahren etwas Furchtbares passiert. Sie hat den Körper verlassen und sich in Elektrogeräte und Teppiche, Autos und Fernreisen eingenistet. Und nur deshalb, auf der Suche nach ihrer Seele, wollten die Menschen alles besitzen, was in den Schaufenstern lag. Sie brauchten ihre Seele doch!

Jetzt überquerte sie einen Parkplatz. Nicht besonders begabte Farbkleckser hatten ihn mit Zeichen beschmiert. Fast alle Antennen der Autos waren abgebrochen, manche Scheiben eingeschlagen. Die Klingelanlage am Haus 9 b funktionierte schon lange nicht mehr. Die Namensschilder waren herausgerissen. Der Lift roch nach Abfall. Er war ganz neu, doch er stotterte. Im Treppenhaus war es schmutzig. Auf jeder zweiten Etage brannte schon längst kein Licht mehr.

Warum lässt Gott das zu?, fragte Anna-Lena sich manchmal. Warum gibt er den einen so viel, lässt ihnen Heuchelei, Lüge, Betrug und Diebstahl durchgehen ... und die anderen haben nichts?

Anna-Lena lief die acht Etagen hinauf. Überall lärmten Fernseher. Die Nolde schrie mit ihren Ki

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