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Klassentreffen von Coe, Jonathan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.06.2014
  • Verlag: Edel Elements
eBook (ePUB)
3,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Klassentreffen

Alles beginnt am 31. Dezember 1999 in Birmingham: Benjamin Trotter, leidlich erfolgreicher Buchhalter, steht in der Mitte seines Lebens. Doch eine tiefe Unzufriedenheit und die Gewißheit, das Falsche zu tun, nagen an ihm. Noch immer trauert er Cicely nach, die vor beinahe dreißig Jahren spurlos aus seinem Leben verschwand, und noch immer schreibt er verzweifelt an einem Roman, der inzwischen über tausend Seiten stark ist. Während Benjamin zurückschaut, blickt sein Bruder Paul als Parlamentsabgeordneter ehrgeizig nach vorn. Die Affäre mit seiner Assistentin Miriam zwingt Paul und Benjamin dazu, über ihre Vergangenheit und das persönliche Glück nachzudenken. Beide Brüder müssen sich den Fragen stellen, vor denen sie so lange davongelaufen sind. Vom Autor des Bestsellers 'Allein mit Shirley'!

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 528
    Erscheinungsdatum: 20.06.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783955304225
    Verlag: Edel Elements
    Größe: 1706 kBytes
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Klassentreffen

In meinem alten Schlafzimmer

St Laurence Road

Northfield

Samstag, 11. Dezember 1999

Nachts

Langsam wird diese Reise zum Albtraum. Ich zittere am ganzen Körper, obwohl die Sache schon drei Stunden her ist. Dad sitzt unten und liest einen dieser grauenhaften, alten Romane von Alistair Maclean, auf die er so wild ist. Er hatte keinen Funken Mitgefühl. War offenbar der Ansicht, es wäre meine eigene Schuld. Ich kann wirklich keine Minute länger in diesem Haus bleiben. Morgen verschwinde ich von hier und suche mir eine neue Bleibe.

Ich erzähl dir kurz, was passiert ist. Heute hatte ich große Sehnsucht nach Pat. Er sollte vormittags für seine Schule Fußball spielen, es war ein Auswärtsspiel gegen eine Mannschaft in Malvern. Also habe ich angeboten, ihn bei Philip und Carol abzuholen und selbst dorthin zu fahren. Dad hat mir sein Auto geliehen, etwas unwillig; offenbar traute er mir nicht so recht.

Wir sind auf der Bristol Road nach Süden gefahren und in Longbridge rechts abgebogen, um über Rubery zur M5 zu kommen. Allein mit Pat im Auto zu sitzen, war ziemlich merkwürdig – merkwürdiger, als es hätte sein sollen. Er ist schon sehr still, mein Sohn. Vielleicht ist er nur in meiner Anwesenheit so still, aber das kann nicht der ganze Grund sein. Er ist natürlich eher introvertiert – das ist ja auch in Ordnung. Als er dann doch etwas sagte, ging es um ein Thema, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hätte – das hat mich so umgehauen. Er fing an, über dich zu reden, Miriam. Er wollte wissen, wann ich dich zuletzt gesehen habe und wie Mum und Dad mit deinem Verschwinden zurechtgekommen seien. Zuerst war ich sprachlos. Ich wußte überhaupt nicht, was ich sagen sollte. Wir waren ja nicht im Verlauf eines Gesprächs auf das Thema gekommen, sondern er hatte es aus heiterem Himmel angeschnitten. Was sollte ich antworten? Ich habe ihm nur gesagt, daß alles sehr lange her sei und daß die Wahrheit wohl nie mehr ans Licht käme.

Damit mußten wir leben, wir mußten es akzeptieren und irgendwie verarbeiten. Es war ein Kampf – sowohl Dad als auch ich haben damit gerungen, auf unsere jeweilige Art, jeden Tag unseres Lebens. Was sollte ich ihm sonst sagen?

Danach war er wieder eine ganze Weile still, und ich auch. Um ehrlich zu sein, hatte mich dieses kurze Gespräch sehr aufgewühlt. Ich hatte geglaubt, wir würden über die Schule oder die Chancen für das Fußballspiel reden. Statt dessen ging es um seine Tante, die zehn Jahre vor seiner Geburt spurlos verschwunden war.

Ich versuchte, mich auf den Verkehr zu konzentrieren und nicht mehr darüber nachzudenken.

In den paar Tagen, die ich jetzt hier bin, ist mir noch etwas an diesem Land aufgefallen, Miriam. Man kann den Zustand einer Nation daran erkennen, wie die Leute Auto fahren, und in dieser Hinsicht hat sich England in den letzten paar Jahren sehr verändert. Ich bin ja in Italien gewesen, dem Heimatland der aggressiven Autofahrer. Ich kenne das. Ich bin es gewohnt, daß man knapp vor meiner Stoßstange einschert, daß ich in unübersichtlichen Kurven überholt werde, daß mir Leute zubrüllen, mein Bruder sei ein Hurensohn, wenn ich zu langsam fahre. Damit kann ich umgehen. All das ist nicht ernst gemeint. Hier passiert inzwischen das gleiche – nur, daß es in Wirklichkeit nicht das gleiche ist. Es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die Leute meinen es offenbar ernst.

Vor einigen Monaten habe ich im Corriere della Sera einen Artikel mit der Überschrift "Apathisches England" gelesen. Darin hieß es, die Leute hätten einen kollektiven Seufzer getan und aufgehört, sich

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