text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Lebensgeister von Yoshimoto, Banana (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Lebensgeister

Nach einem schweren Unfall und dem Tod ihres Geliebten ist Sayoko nicht mehr sie selbst. Sie hat Geheimnisse der unsichtbaren Welt erfahren. In der Tempelstadt Kyoto lernt sie das Leben so zu akzeptieren, wie es ist: voller Ungewissheiten und Rätsel, dem Tod immer nahe, ob man jung ist oder alt. Aber sie begreift auch, wie einmalig das Diesseits ist. Banana Yoshimoto, geboren 1964, hieß ursprünglich Mahoko Yoshimoto. Ihr erstes Buch Kitchen red banana flower

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257607765
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Sweet Hereafter
    Größe: 821 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Lebensgeister

{9} A ls ich die Eisenstange bemerkte, wie sie da in meinem Bauch steckte, dachte ich: Verdammt, das sieht nicht gut aus ... Ich werde sterben.

Was mich nicht weniger beunruhigte, war der Rost an der Stange. Verrückt. Sollte es in einer solchen Situation nicht vollkommen egal sein, ob die Stange rostig war oder glänzte wie Edelstahl?

Ein hef tiger Widerwille packte mich. Wie gebannt starrte ich auf das rostige Ding.

Damals war ich achtundzwanzig und lebte in dem Gefühl, noch eine Ewigkeit vor mir zu haben. Aus dem Nichts wurde ich mit der elementaren Lebenswirklichkeit konfrontiert, dass der Tod tatsächlich unser ständiger Begleiter ist. Ah, da ist er also!, dachte ich ungläubig.

Irgendwann war die Stange dann zwar weg, doch ich spürte sie noch lange Zeit in mir.

Der Unfall geschah auf dem Heimweg zum Wohnatelier meines Freundes Y ichi, er saß am Steuer. Y ichi lebte im Kamigamo-Viertel von {10} Ky to, ich in T ky , Hunderte Kilometer weit entfernt.

Es war Spätsommer. In Kurama 1 hatten wir uns ein heißes Quellenbad gegönnt, waren dann nach Kibune gefahren, um uns im Schatten von üppig-feuchtem Grün ein wenig abzukühlen, und von da aus zurück nach Ky to. Bis sich die herrlich weite Flusslandschaft des Kamo vor uns ausbreiten würde, war es nur noch ein kleines Stück.

Den kanadischen Sänger und Songwriter Leonard Cohen bewunderte Y ichi über alles. Er liebte seine Musik und hörte sie oft. Auch damals im Auto erklang Cohens tiefe, wundervolle Stimme - eine Liveaufnahme von Lover Lover Lover .

Wie schon tausend Mal zuvor, ganz alltäglich, selbstverständlich.

Wir ließen uns gegenseitig viel Freiheit, und wir genossen das beide sehr. Es war mir selbst ein Rätsel, wie ein solcher Raum an Freiheit zwischen Mann und Frau überhaupt möglich war. Ganz langsam, behutsam, mit viel Liebe und Geduld wuchs er heran. Es fühlte sich an wie ein Souf f lé oder wie ein frisches, noch warmes Brötchen.

{11} Plötzlich sahen wir ein Auto direkt auf uns zukommen. Der Fahrer musste eingenickt sein. Y ichi versuchte auszuweichen. Vergeblich. Ein hef tiger Aufprall, unser Auto schoss über die Uferböschung und überschlug sich.

Mein Kopf schlug irgendwo auf, Blut spritzte in die Augen, färbte alles rot. Und dann spürte ich auf einmal die Stange, die sich in meinen Bauch gebohrt hatte. Y ichi hatte sich gleich mehrere davon für eine Kunstinstallation besorgt.

Ist Y ichi okay? Oder sterben wir jetzt beide? Was für eine Dummheit, mit Eisenstangen im Auto herumzufahren ...

Was mir zuallerletzt durch den Kopf ging, verdichtete sich zu einem unglaublich intensiven Gefühl.

Leonard Cohens tiefe, süße Stimme klang noch immer in meinem Ohr. Reflexartig begann ich still zu beten.

"Wenn es sein muss, muss es eben sein. Ich bin bereit zu sterben, wenn nur Y ichi heil davonkommt. Sollte mir noch ein bisschen Leben vergönnt sein, dann schenke ich es ihm. In meiner Zeit auf Erden habe ich so vieles gesehen und erlebt; wunderschöne Landschaften, unvergessliche Momente. Ich hatte stets ein Dach über dem Kopf, war gesegnet mit guten Eltern und guter Gesundheit, {12} habe jeden Tag viel gelacht und viel gegessen. Für all das bedanke ich mich und hoffe inständig, dass Y ichi weiterlebt."

Keine Sekunde lang wollte ich lieber selbst gerettet werden. Das überraschte mich und hat mir lange sehr geholfen, ja mich am Ende vielleicht sogar am Leben erhalten.

Ich hoffte nur für ihn, so wie Eltern für ihre Kinder hoffen.

Dieses Gefühl, das mich wie ein weiches, warmes Licht umhüllte, werde ich nie vergessen.

Es ist schon oft beschrieben worden, und so ging es auch mir: Für eine Weile befand ich mich in einer unendlich weiten, bezaubernden Welt, umfangen von einem strahlenden Weiß.

Wohin ich auch schaute - überall gl

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen