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Lebenssucher von Braun, Lily (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.07.2016
  • Verlag: Nexx
eBook (ePUB)
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Lebenssucher

In diesem Roman schildert Lily Braun sensibel und intelligent den Lebensweg von Konrad Hochseß, der als junger Mann seine Heimat verlässt, um das Leben zu finden. Sie zeichnet in ihrem gefühlvollen Roman das Bild eines von Sehnsucht getriebenen Mannes und dessen Weg. Lily Braun (1865-1916) war eine deutsche Schriftstellerin, Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 07.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783958705982
    Verlag: Nexx
    Größe: 573kBytes
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Lebenssucher

1. Wie Konrad Hochseß zuerst das Leben suchte, und was er fand

Es gibt Jahre, in denen der Frühling nicht fröhlich ist; die wenigen Blumen, die er über die Wiesen streut, sind blass und welken rasch; nur zögernd, fast als fürchteten sie sich, kriechen die jungen Blätter an den Bäumen aus der braunen Hülle; das dürr raschelnde Herbstlaub im Wald wird kaum jemals ganz von einem frischen Moosteppich verdrängt, und auch der klarste, blaue Himmel trägt einen seinen grauen Schleier wie die jungen Nonnen bei der letzten Weihe.

Solch ein Frühling strich mit seiner schlaffen, weichen Luft über die Höhen des fränkischen Jura, spielte im Vorüberstreifen flüchtig mit der zerbrochenen Äolsharfe auf dem grauen Turm von Hochseß, tanzte ein wenig über dem ausgetrockneten, zwischen Nesseln träumenden Ziehbrunnen, um schließlich die schmale Wange und die blonden, glatten Haarsträhnen des schlanken Jungen kosend zu streicheln, der auf der alten efeuumsponnenen Mauer saß und unbewegt in das Land hinausstarrte. Weithin breitete es sich aus vor ihm, von dem engen Tale an, das drunten schlief, eingewiegt vom Murmeln und Plätschern des breiten Baches und dem Klappern der Wassermühle, deren Räder er trieb. Blasse Wiesen schmiegten sich sehnsüchtig an den zärtlichen Freund, als erwarteten sie von seiner Umarmung ihr buntes Blumenleben, und in zahllosen Windungen umschlang er sie, als ob er zögere, sich von ihnen zu trennen; Sträucher von wilden Rosen, Schlehen und Rotdorn, die zum Himmel empor ihre Ästchen streckten, nach heißer Sonne verlangend, die ihre Blüten wecken sollte, umkränzten sie, ehe die Bergwände steil emporstiegen.

Buchen und Eichen, Tannen und Eschen überzogen alle Hänge bis zum Gipfel hinauf. Ihre Stämme, vom silbernen Grau bis zum tiefsten Schwarz, standen gegen den matten Himmel wie Marmorsäulen. Da und dort aber wich der Wald zurück; Felsmauern und Türme überragten ihn finster drohend in wild-verwitterten Gebilden. Zwischen ihnen, so hatte der Junge einst geträumt - und die Erinnerung daran zauberte ein verlorenes Lächeln auf seine Züge -, hausten die Götter und Helden der Vorzeit, und Sonntagskindern zeigten sie sich in Maiennächten. Sie zu suchen, war er einmal heimlich ausgezogen, ein kleines Bübchen noch, dorthin, wo in gewaltigen Quadern, wie von Zyklopen erbaut, die Riesenburg silbern in der Sonne leuchtete. Sein Auge blieb an ihr haften: wie war damals sein Atem geflogen im steilen weglosen Anstieg, wie hatte sein Herz geklopft im Glauben an das Große, das seiner wartete. Und dann - unwillkürlich hob er die geballte Faust wider die fernen Felsen -, dann, als das mächtige Tor sich über ihm wölbte und fiebernde Erwartung die Brust zu sprengen drohte, hörte er Mädchenkichern und die dozierende Stimme des Lehrers, der die bunte Schar auf gebahnten Wegen emporgeführt hatte, sah um den Rand des höchsten Felsens, der ihm als unnahbarer Wachtturm erschienen war, ein schmächtiges Drahtgitterlein gespannt, sah ein Fähnchen hoch oben flattern, darunter eine Bank, mit hundert Namen bedeckt, und in einer der schmalen Felsenhöhlen barg er seine Verzweiflung. Dort hatte er die Nacht erwartet, ach, die götterlose Nacht!, war dann hinaufgeklettert, hatte die Fahnenstange mit Anspannung all seiner von der Wut gesteigerten Kräfte aus der Erde gerissen und hinab geschleudert, hatte die wurmstichige Bank zum Kippen gebracht und sich am Drahtgeländer die kleinen Hände blutig gerissen. In Gedanken an die erste, bitterste Enttäuschung seiner Kindheit zog grausamer Spott über sich selbst seine Mundwinkel abwärts, so dass er sekundenlang ganz alt erschien.

Ein Blick in die sonnenüberglänzte Ferne verklärte sein Antlitz wieder. Er folgte dem Bach und dem sich weiter und weiter dehnenden Tal, wo die Wiesen in buntgestreifte Felder sich verwandelten, wo, in Obstgärten gebettet, von Kastanien überragt, rote behäbige Dächer und alte kunstvolle Fachwerkbauten mit spitzen

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