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Letzte Haut von Altwasser, Volker H. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.03.2013
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Letzte Haut

Korruption in Buchenwald: Vom schuldhaften Kampf gegen das Böse im Bösen Die unwahrscheinliche und doch wahre Geschichte eines SS-Richters, dessen Auftrag es war, die Korruption in den Konzentrationslagern zu bekämpfen. Ein detailliert recherchierter und fesselnder historischer Roman. Drastisch und temporeich erzählt Altwasser vom schuldhaften Kampf gegen das Böse im Bösen. 18 Monate untersucht der SS-Ermittlungsrichter und Polizeibeamte Dr. Schmelz 1943/44 die Verhältnisse im KZ Buchenwald. Ausgerüstet mit einem personengebundenen Geleitbrief hat er freie Einsicht in alle Bereiche des Lagers. Noch im Winter 1944 wird der Kommandant des Konzentrationslagers, Karl Koch, in einem Geheimprozess wegen Wehrkraftzersetzung, Unterschlagung und Mord zum Tode verurteilt. Schmelz überführt mit Koch einen Mann, der sich mit Himmler duzt. Dies gelingt dem Juristen mit dem besten Diplom seines Jahrgangs, weil er nach hartem Ringen mit sich selbst zum Mörder an zwei sowjetischen Kriegsgefangenen wird: Er beweist mit dem 'Prinzip der Ausschließlichkeit' persönlich motivierte Morde - mit Mord. Mit diesem atemberaubenden und erschütternden historischen Roman wird der Staffelstab des Erzählens über die Verbrechen des Nationalsozialismus an die Enkelgeneration übergeben.

Volker Harry Altwasser, 1969 in Greifswald geboren, absolvierte die Realschule und anschließend eine Lehre zum Elektronikfacharbeiter. Er war u.a. tätig als Heizer in der Reichsbahndirektion, Matrose in der NVA, Gefreiter auf der Fregatte 'Bremen', wo er nicht zum Obergefreiten befördert wurde, weil er auf Las Palmas das Auslaufen des Schiffes 'verpasste'. 1998-2002 studierte er am Deutschen Literaturinstitut der Uni Leipzig. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter 2003 seinen Debutroman Wie ich vom Ausschneiden loskam. Bei Matthes & Seitz Berlin erschien zuletzt Ich, dann eine Weile nichts (2012), darüber hinaus bisher: Letzte Haut (2009), Letztes Schweigen (2010) und Letzte Fischer (2011, Longlist des Deutschen Buchpreises). 2011 wurde er mit dem Italo Svevo Preis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 20.03.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783882219593
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 1156 kBytes
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Letzte Haut

I

Knapp drei Wochen nach dem Rundgang durch Buchenwald waren die Ermittler noch keinen Schritt weitergekommen. In den ersten Tagen hatten sie sich soviel wie möglich in den Kasernen aufgehalten, Akten durchforstet, die Pister ihnen gegeben hatte, Theorien aufgestellt und verworfen, Möglichkeiten geprüft, aber schließlich waren sie zu dem Ergebnis gekommen, einen Mann wie Koch könne man nicht mit alten Akten überführen, einen Mann wie Koch müsse man überraschen. So einen erwische man nur, wie man einen Panther erwische: einzig in dem Augenblick, in dem das Tier selbst seine Beute stelle.

Überraschung, Blitzkrieg, und das waren ja auch die Möglichkeiten, die Schmelz entgegenkamen. Funktionierte so nicht auch das ganze Reich? Tatsachen schaffen, einfach erst einmal Tatsachen schaffen, das andere ergab sich dann schon? Schmelz war sich sicher.

Zuerst waren sie nur zu dritt durch das Lager gegangen, hatten die Szenen aus den Augenwinkeln betrachtet, hier und da einen unteren Dienstgrad angeschnauzt, er solle nicht so fest zuschlagen, er solle es nicht übertreiben, ein toter Arbeiter sei ein schlechter Arbeiter; aber was brachte das schon!

Schließlich hatten sie auch das eingestellt und sich einfach mit der Realität abgefunden. Sie hatten sich daran gewöhnt, dass neben ihnen gefoltert, ermordet und misshandelt wurde. Und sie seien nicht einmal mehr sonderlich verwundert darüber, stellte Schmelz fest, wie schnell sie sich an alles gewöhnt haben. Die drei Sonderermittler konzentrierten sich auf ihre Arbeit, erzielten aber keinerlei Ergebnisse.

Schmelz hatte dem jungen Liebig erklärt, wie er an der Ostfront zu töten gelernt hatte. Man dürfe sich den Feind nicht als Menschen vorstellen, hatte er gesagt: Liebig, stellen Sie sich den Feind als Zielscheibe vor, als laufende Zielscheibe, dann geht's fast wie von selbst. Ins Schwarze treffen, einfach nur immer schön ins Schwarze treffen.

Liebig hatte genickt und es versucht. Er versuchte es noch immer. Zielscheiben, überall nur Zielscheiben. Ein Lager voller Zielscheiben.

Sie gingen innerhalb des Häftlingslagers zur Gärtnerei, und auf dem Weg dorthin schaffte Liebig es immer öfter, nicht die vor Hunger wankenden Menschen mit den leeren Blicken zu sehen, sondern einfach nur aufgenähte Sterne.

Große, gelbe Sterne auf der Häftlingskleidung. Einen Stern und eine Nummer. Einen Stern in Brusthöhe, eine Häftlingsnummer daneben. Nummerierte Sterne, aber es gab auch andersfarbige Dreiecke und vereinzelt sogar rosa Riegel.

Doch unerwartet blieb er dann doch stehen, er konnte gar nicht anders. Seine Begleiter bemerkten erst nach einigen Schritten, dass er stehen geblieben war, und sahen sich erstaunt um. Wie festgewurzelt stehe Liebig da, stellte Schmelz fest, und starre zu einem der Fenstergitter der Baracke drei.

Der Insasse mit der Nummer sechstausendvierundneunzig war von einem Hauptsturmführer aus der Arbeitskolonne geholt worden. Während die Kolonne zum Tor marschierte, wurde der Insasse von einem anderen ans Gitter gebunden.

Zuerst wollte Schmelz seinen jungen Mitarbeiter unwirsch wegziehen, doch dann ging er unmittelbar und ohne zu überlegen auf den Mann in Waffen SS Uniform zu und fragte: "Name? Dienstgrad!"

Der Hauptsturmführer nannte seinen Dienstgrad und fügte hinzu, sein Name sei Hans Schmidt.

"Hauptsturmführer Schmidt, was geht hier vor?"

"Befehl vom Chef der politischen Abteilung, Obersturmführer. Der Mann soll für ein Geständnis vorbereitet werden."

"Für ein Geständnis?"

"Ich meinte, Verhör. Für ein Verhör vorbereitet werden."

"Und wer ist das?", fragte Schmelz und deutete auf den anderen Häftling, der den Insassen mit der Nummer se

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