text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Liebesarten und andere Geschichten vom Leben von Hahn, Ulla (eBook)

  • Verlag: Penguin Verlag
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Liebesarten

'Wunderbare kleine Geschichten voller Sehnsucht, Zärtlichkeit und Leidenschaft.' Madame In jedem Leben gibt es Wendepunkte, nach denen nichts mehr so ist wie zuvor - war das Glück überwältigend, wird es plötzlich brüchig, selbstlose Hingabe wechselt in eitle Eigenliebe, Leidenschaft wird Verzweiflung. Ulla Hahn erzählt von diesen Wendepunkten, und jeder Wendepunkt stellt eine Variation auf die Liebe dar. Das sind bestrickende Geschichten über die Sehnsüchte, die nur manchmal erfüllt werden, über die Siege und Niederlagen des Zusammenlebens, über Zuwendung und Zärtlichkeit. Mitreißend und doch empfindsam, nahe, aber nie indiskret erzählt Ulla Hahn aus unserem Leben. Neben bisher unveröffentlichten Erzählungen versammelt dieser Band auch Texte, die schon unter dem Titel "Liebesarten" publiziert wurden. Ulla Hahn, aufgewachsen im Rheinland, arbeitete nach ihrer Germanistik-Promotion als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten, anschließend als Literaturredakteurin bei Radio Bremen. Schon ihr erster Lyrikband, 'Herz über Kopf' (1981), war ein großer Leser- und Kritikererfolg. Ihr lyrisches Werk wurde u. a. mit dem Leonce-und-Lena-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. Für ihren Roman 'Das verborgene Wort' (2001) erhielt sie den ersten Deutschen Bücherpreis. 2009 folgte der Bestseller 'Aufbruch', der zweite Teil des Epos, und auch Teil drei, 'Spiel der Zeit' (2014), begeisterte Kritiker wie Leser. 'Wir werden erwartet' (2017) bildet den Abschluss ihres autobiografischen Romanzyklus um das Arbeiterkind Hilla Palm.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641219284
    Verlag: Penguin Verlag
    Serie: Penguin Taschenbuch 10184
    Größe: 1124 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Liebesarten

In den Dünen

S chon seit über einer Stunde läuft der Mann durch die Dünen vor meinem Fenster, hinauf und hinunter, ist für eine Weile verschwunden und taucht wieder auf wie aus Wellenbergen. Dünen, hatte Eva gesagt, sind die Kinder von Erde und Meer.

Ich bin seit vielen Jahren nicht mehr auf der Insel gewesen. Damals war ich durch die Dünen gelaufen wie heute der Mann in der hellen Windjacke und den braunen Hosen, damals, als man noch einfach draufloslaufen konnte, den Sand lostreten und hinabgleiten durfte und nicht wie heute gezwungen ist, vorgezimmerten Wegen zu folgen.

Der Mann da draußen läuft, wie ich damals gelaufen war, hastigen Schritts, schnell, aber nicht leicht, nicht unbeschwert, als schleppte er eine unsichtbare Last mit sich, wohin er auch immer liefe. Ein Eindruck, der sich verstärkt durch das unregelmäßige Auf und Ab in den sandigen Fluten, die Ziellosigkeit einer kopflosen Flucht.

Auch ich war damals so hin- und hergewechselt zwischen Dasein und Wegsein, war über die Insel gelaufen, den Strand entlang hinauf zum Ellenbogen und wieder zurück ins Dorf, in den Schutz der Reetdächer, hatte die Fäuste um das harte Gras im klammen Sand gekrampft, bis es durch die Haut schnitt, und ihrer beider Namen gebrüllt. Geflohen war ich, hierher geflohen aus der Stadt, von zu Hause und von Nicht-zu-Hause - "Mein Mann ist nicht zu Hause. Nein, ich weiß nicht, wann er wiederkommt" -, und hier floh ich weiter, vor mir, vor meiner Frau und vor Nicht-meine-Frau; vor der Entscheidung.

War ich nicht glücklich gewesen mit Eva? Eva mit ihren winzigen Füßchen, Eva so schmal, dass sie in eine Jungenhose passte, Eva, die auch im Bett verspielte Kinderzärtlichkeiten allen anderen vorzog. "So kann es ja noch mit siebzig sein", hatte ich oft gescherzt; und sie darauf, sich ankuschelnd wie eine Dreijährige: "Warum so lange warten?"

Damals waren wir beide erst Anfang vierzig. Kinder hatten wir keine; es lag an mir. Ja, ich war glücklich mit Eva, liebte sie und liebte meinen Beruf, hatte an meiner Universität gerade nach einer C3- eine C4-Professur bekommen, und die Mittel für mein Forschungsprojekt "Die deutsche Literatur in der Nachkriegszeit" standen kurz vor der Genehmigung. Eva, Germanistin wie ich und Lehrbeauftragte am Institut, würde mich bei dieser Arbeit unterstützen. Ich vermisste nichts.

Als Kind hatte ich mir beim Sturz von einer Kastanie einen Wirbel unterhalb des Nackens angebrochen. Er war gut verheilt, doch wenn ich zu lange am Schreibtisch saß, brauchte ich Massagen.

Diesmal empfing mich nicht wie gewöhnlich mein robuster Muskelmann, sondern eine junge Frau, die allerdings nicht weniger zupackend wirkte. Und es auch war. Ob es an ihren energischen Handgriffen lag, wer weiß, jedenfalls kam ich, als sie mir mit einem Klaps aufs Steißbein das Ende der Behandlung zu verstehen gab, nicht mehr hoch. Hexenschuss. Sie fuhr mich zum Arzt, ich kriegte eine Spritze, wir gingen Kaffee trinken.

Danach behandelte sie mich vorsichtiger, behutsam, fast zärtlich, verhätschelte mich nach den Regeln ihrer Kunst, und nach ein paar Behandlungen glaubte ich zu träumen, als ich spürte, dass sich ihre Fingerspitzen übers medizinisch Notwendige hinaustasteten. Wie im Kitschroman, hatte ich noch gedacht und mich ihr dann lustvoll genießend überlassen.

Zu Hause lag die Ausrede nahe. Die Vorbereitung des Forschungsprojekts war in der Endphase und leider, ja leider, Evas Planstelle doch nicht genehmigt worden. Stunden, Nachmittage, Abende, dann auch Wochenenden verbrachte ich mit der schönen, geschickten Masseurin. Gertie mit den großen Füßen, den großen, kräftigen Händen, dem großen Mund, der am schönsten war, wenn er küsste und schwieg. Schon wenn er lachte, war das mitunter zu viel, zu laut und über Dinge, die mich irritierten. Ich schob es ihrer Jugend zu. Gertie war zwanzig Jahre jünger als Eva und ich, dachte bei Schiller an Schillerlocken, ge

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen