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Ludwigshöhe Roman von Pleschinski, Hans (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.05.2016
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Ludwigshöhe

Zum Buch Die drei Geschwister Berg – Clarissa, Monika und Ulrich – machen ein vertracktes Erbe. Ihr Onkel Robert bedenkt sie mit gewaltigen und weit verzweigten Vermögenswerten, allem voran mit einer Villa am Starnberger See. All dies könnte sie auf einen Schlag von ihrem ermüdenden, nicht unbedingt aussichtsreichen Existenzkampf befreien. Aber er macht ihnen eine Auflage: Sie müssen dieses Haus als Hort und Zufluchtsort für Lebensmüde betreiben und ihnen auch das eine oder andere nützliche Utensil bereithalten; nicht nur rechtlich eine Gratwanderung. Voller Skrupel und Ängste, aber auch scharf aufs Erbe öffnen die Geschwister die Villa an der Ludwigshöhe für eine stetig wachsende Zahl von "Finalisten". Da findet sich eine verzweifelte Verkäuferin neben dem Bühnenbildner mit gewissen körperlichen Defiziten ein, eine ausgebrannte Lehrerin neben einer vereinsamten Schauspielerin, eine medikamentenabhängige Witwe neben der liebeskranken Domina, ein bankrotter Verleger, aber auch eine erst 17jährige syrische Immanitin, die Angst hat, Opfer eines Ehrenmords zu werden. Während die Geschwister den Keller des Hauses mit praktischen Kühltruhen füllen, machen die Moribunden fast gar keine Anstalten mehr, ihrem dunklen Drang zu folgen. Die alte Villa erlebt ein Fest des Lebens – der kuriosen Beziehungen, Gespräche, Annäherungen und Abstoßungen, neuer Liebe und Lebensmutes – wie es als frisches, zeitgemäßes Panorama und in brillant-unterhaltsamer Form nur Hans Pleschinski inszenieren kann. Ein großer Roman, der ein ebenso präzises wie farbiges Bild des gegenwärtigen Lebens bietet, der Versagungen, Überforderungen und Zwänge, aber auch der Wünsche, Sehnsüchte und der Möglichkeiten, die dem Dasein auch abzugewinnen sind. Über den Autor
Hans Pleschinski, geboren 1956, lebt als freier Autor in München. Er veröffentlichte u.a. die Romane "Leichtes Licht" (C.H.Beck, 2005), "Ludwigshöhe" (C.H.Beck, 2008) und "Königsallee" (C.H.Beck, 2013), der ein Bestseller wurde, und gab die Briefe der Madame de Pompadour, eine Auswahl aus dem Tagebuch des Herzogs von Croÿ und die Lebenserinnerungen von Else Sohn-Rethel heraus. Zuletzt erhielt er u.a. den Hannelore-Greve-Literaturpreis (2006), den Nicolas-Born-Preis (2008) und wurde 2012 zum Chevalier des Arts et des Lettres der Republik Frankreich ernannt. 2014 erhielt er den Literaturpreis der Stadt München und den Niederrheinischen Literaturpreis. Hans Pleschinski ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Künste.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 579
    Erscheinungsdatum: 27.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406699153
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 3141 kBytes
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Ludwigshöhe

1.

"Waren Sie schon Patient bei uns?" Die Sprechstundenhilfe fand die Antwort auf ihre Frage in ihrer PC-Kartei. "Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz."

Ulrich Berg griff eine Illustrierte und setzte sich. Junge Menschen waren offenbar auch in der Zahnarztpraxis von Dr. Gessler rar. Zwei ältere Damen und zwei junge Türkinnen mit Kopftuch vertieften sich wieder in ihre Lektüre, wisperten in ihrer Sprache. Ein Rentner in hellblauem Sakko starrte auf ein gerahmtes Foto von einem Wasserfall.

Für Ulrich Berg war es kein Problem, unbemerkt die schwarzen Karten aus seiner Jackentasche zu ziehen. Unauffällig schob er sie beim Durchblättern der Zeitschrift für Segelsport zwischen die Hochglanzseiten. Mit einem Räuspern legte er Sail & Cruise zurück und nahm sich vom Stapel die Postille der AOK. Noch drei seiner Kärtchen, im Format von Visitenkarten, opferte er für dieses Druckerzeugnis und diesen Ort. Nun konnte auch bei Dr. Gessler ein späterer Patient beim Warten und Blättern das stabile schwarzglänzende Kärtchen in Händen halten und in freundlich geschwungener goldener Schrift lesen:

Es folgte die Telefonnummer.

Lange hatten sie über den Wortlaut gestritten. Wenn Du verstehst, verstehst Du , hatte Monika vorgeschlagen. Doch Clarissa hatte sich durchgesetzt: "Wir haben kein Zeltlager aufgeschlagen. Je distanzierter der Ton, desto wohltuender für alle." - Beim Gewicht der Mitteilung konnte der Wortlaut niemals angemessen geraten. Letztendlich waren die Fragen und Andeutungen ebenso dezent wie eindringlich formuliert. Wenn Sie verstehen ... Frau Fontanelli hatte verstanden und lebte nicht mehr.

Bei Zahnärzten war auf alle Fälle Trostlosigkeit versammelt. Natürlich auf ganz andere Weise als in Arbeitsagenturen. Doch in der Kapuzinerstraße war er bereits um acht Uhr früh gewesen. Im Grunde hätte er für sich selbst dort eine Wartenummer ziehen können.

"Nur den Zahnstein?" fragte von der Tür die Helferin. Ulrich Berg war aufgestanden: "Ich werde nachmittags wiederkommen. Ich hätte fast einen wichtigen Termin vergessen." Er blickte sich noch einmal um. Eine Muslima im Keller - das hätte gerade noch gefehlt.

Der Mittvierziger war seit einer Woche darin geübt, mit freundlichem Lächeln an Praxispersonal vorbei wieder in Treppenhäuser und ins Freie zu verschwinden. Nur in Garmisch, bei einem Internisten, war ihm eine Praktikantin nachgelaufen. "Ihr Schlüsselbund ist rausgefallen."

Die Aprilsonne wärmte kaum. Er klappte den Fellkragen hoch und zog die Cordjacke zu. Ein Wind ging. Er hätte es genossen, wenn ihm die dicken blonden Locken vor Stirn und Augen geweht wären. Tempi passati. Das Haar war längst dünner geworden und nur noch wellig. Die Erschlaffung paßte zu den umknitterten Augen, den dünner gewordenen Lippen und den Schulterverspannungen. Im Zusammenspiel machten diese Spuren der Zeit männlicher, jedenfalls hatte Robert Redford diese Deutungsrichtung vorgelebt. Frühere Detaileitelkeiten, die bei selbstgewisser Jugendlichkeit, guten Zähnen, munterem Blick gar nicht nötig gewesen wären, wandelten sich vor dem weiteren Schrumpfen und Vergrauen womöglich zu einer defensiven Gesamteitelkeit.

So weit war es wohl noch nicht.

Die Jeans saß gut.

Ulrich Berg bog in die Maximilianstraße. Die Staatsoper war mit grünvioletten Phantasiefahnen beflaggt. Rechter Hand auf dem Isarhochufer breitete der Bayerische Landtag seine steinernen Arme aus. Die Goldmosaiken schimmerten schwach. Die gesamte Prachtmeile, auch wenn man es nur flüchtig wahrnahm, blieb der beeindruckende Willensakt eines Königs, etwas Imposantes, Schönes und Einmaliges zu hinterlassen. Mitunter konnten Fassaden, Kolonnaden, Illusionen das Leben zusammenhalten, wenn es im Inneren wackelig wurde. Aus dem Schein konnte wieder ein Sein erwachsen. Das war zumindest ein spätmonarchistischer Vorschlag der Wittelsbacher, die Prunkschneisen in Gehölz, Äcker, Dumpfhei

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