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Männerwirtschaft Roman von Herb, Florian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.03.2018
  • Verlag: Refinery
eBook (ePUB)
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Männerwirtschaft

Die Entscheidung, dass Götz in Elternzeit gehen wird und nicht seine Frau Marie, ist keine emanzipatorische. Sie ist vielmehr das wasserdichte Ergebnis von Maries betriebswirtschaftlicher Stärken- und Schwächenanalyse. Voller Pioniergeist nimmt Götz die neue Herausforderung in Angriff und wechselt seinem Sohn die Windeln, während seine Frau Karriere macht. Als Hausmann und Vollzeit-Papa erkennt er schon bald die volle Tragweite des Sprichworts: "Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr!"

Florian Herb, 1971 in Berlin geboren, lebt mit seiner Frau und den beiden Söhnen im Allgäu. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit begeistert er sich für Musik, Fotografie, Film, Theater, den VFB Stuttgart und die Tücken des menschlichen Zusammenlebens.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 05.03.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783960481379
    Verlag: Refinery
    Größe: 1088 kBytes
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Männerwirtschaft

10

Liegen lernen

Der Anruf von Dr. Zaim erreicht mich an einem strahlenden Montagmorgen, als ich gerade dabei bin, mir im Frühstückssaal eines Hamburger Hotels schlaftrunken ein Ei zu pellen.

"Wann können Sie hier sein?", kommt er ohne Begrüßung sofort zur Sache.

"Wann wo sein?", gebe ich pulend zurück.

"Na hier, äh nein, ich meine, im Marienhospital."

"Warum?" Angst steigt in mir auf.

"Ich lasse gerade Ihre Frau einweisen. Gebärmutterhals stark verkürzt, Kontraktionen, Gefahr einer Fehlgeburt!", stenographiert er gehetzt.

"Ich komme sofort! Richten Sie Marie aus, dass ich in spätestens sechs Stunden bei ihr bin!", schreie ich ins Telefon.

"Wie bitte? Sagten Sie gerade, in sechs Stunden?"

Ich habe keine Zeit zu verlieren und lege auf.

An der Rezeption stoße ich mit meinem Chef zusammen.

"Na, na, nun mal langsam, Herr Schröder! Sie können es anscheinend kaum abwarten, beim Vertriebsvorstand zu präsentieren", feixt er glucksend.

Es soll eigentlich unser großer Tag werden. Wir sind von der Chefetage eingeladen, im Rahmen einer Best-Practice-Veranstaltung den restlichen Verkaufsniederlassungsleitern das Geheimnis unseres Erfolges bezüglich des Produktsegments 5 zu verraten. Aber dazu habe ich in diesem Moment weder Zeit noch Lust.

"Chef, ich muss sofort zurück nach Stuttgart", eröffne ich ihm atemlos.

"Jetzt?"

"Ja, augenblicklich. Hier haben Sie meinen Zimmerschlüssel. Meine Tasche liegt auf dem Bett. Sie müssen nur noch mein Necessaire packen."

Ich drehe mich um und renne zur Drehtür.

"Schröööder", ruft er mir flehend hinterher, "Sie können mich doch jetzt nicht alleine lassen!"

Ich mache auf dem Absatz kehrt, laufe zu ihm zurück und greife mir seine linke Hand.

"Chef, meine Frau ist in der 26. Schwangerschaftswoche und wurde gerade mit Blutungen ins Krankenhaus eingeliefert." Tränen steigen mir in die Augen. "Vielleicht verlieren wir unser Kind."

"Ja, was stehen Sie hier noch rum, Schröder?", schimpft er. "Laufen Sie, laufen Sie, Schröder!"

Im Zug beschließe ich, meinem Chef reinen Wein einzuschenken, sobald ich wieder in der Lage bin, einen klaren Gedanken zu fassen. O Mann! Ich hatte noch nie solch einen guten Chef. Und er wahrscheinlich noch nie einen so durchtriebenen Mitarbeiter.

Zwischen Frankfurt und Mannheim erreiche ich endlich Marie.

"Marie, Marie, wie geht es euch?", will ich wissen.

"Huhuuuu", schnieft es durchs Telefon.

"O Gott, endlich erreiche ich dich, mein Schatz! Ist alles in Ordnung mit euch? Was ist denn passiert?"

Das einzige Wort, das ich durch Maries Wein- und Schluchzanfälle überhaupt verstehen kann, ergibt gar keinen Sinn.

"Kichererbsen? Warte, Marie, jetzt atme erst einmal tief durch und versuche dich zu beruhigen, okay? Und dann erzähl von Anfang an."

Ich höre Marie noch zitternd einatmen, dann bricht die Verbindung ab. Als wir wieder aus dem Funkloch herausfahren, verabschiedet sich mein Akku. Ich lehne verzweifelt meinen Kopf ans Fenster und versuche den Rest der Fahrt erfolglos die Verbindung zwischen Maries Zustand und Kichererbsen zu ergründen.

Erst vor der Tür zu Zimmer 3123 höre ich auf zu rennen. Ich halte inne und zähle bis zehn. Dann klopfe ich vorsichtig an, drücke lautlos die Klinke hinunter und betrete leise den abgedunkelten Raum. Endlich!

Als meine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt haben, erblicke ich meine schlafende Marie. Oder zumindest das, was von ihr zu sehen ist. Einzig ihre zerzausten Locken und der rechte Unterarm, an den eine Infusion angeschlossen ist, lugen unter der Decke hervor. Rund um das Bett liegen durchweichte Taschentücher. Ihr Mittagessen steht unberührt auf dem Beistellwagen. Aber das Wichtigste überhaupt ist, dass Maries Bauch nach wie vor kugelrund ist und sich unter dem Laken hebt und senkt. Ich versuche erst gar nicht, die Tränen

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