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Magnolienschlaf Roman von Baronsky, Eva (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.05.2011
  • Verlag: Aufbau-Verlag
eBook (ePUB)
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Magnolienschlaf

Ein kleines altes Haus am Rande der Großstadt und zwei Frauen, wie sie verschiedener nicht sein könnten: Wilhelmine und Jelisaweta trennt so viel mehr als 68 Lebensjahre. Jelisaweta ist 23 und für ein paar Wochen aus Smolensk nach Deutschland gekommen, um Wilhelmine zu pflegen, die seit einem Unfall an ihr Bett gefesselt ist. Doch was als scheinbar ideales Arrangement beginnt, gerät bald außer Kontrolle und wird zu einem Kleinkrieg, in dessen Verlauf die beiden Frauen sich auf grausam-weibliche Weise attackieren. Am Ende wird jede auf die Frage zurückgeworfen, was man mit sich anfängt, nachdem man der Wahrheit ins Auge gesehen hat. Denn Schuld wartet nicht auf Kläger, Sühne braucht keinen Richter, und der Krieg ist nicht vorbei, nicht für die Greisin und nicht für das Mädchen. Der Krieg hat gerade erst angefangen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 193
    Erscheinungsdatum: 02.05.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841202406
    Verlag: Aufbau-Verlag
    Größe: 5246kBytes
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Magnolienschlaf

Nur allmählich spürt Wilhelmine, dass sie aufsteigt aus der warmen Schwere des Schlafs, will weiter hinabtauchen in das Dunkel, empfindet dieses schwache Sehnen und ahnt kaum, wonach. Je älter sie wird, desto mehr hat sie das Gefühl, ein Fisch zu sein, fühlt sich nur noch in jenen Tiefen wohl, in denen Träume und Erinnerungen schwebend treiben. Was über der Wasseroberfläche passiert, geschieht ihr zu rasch, zu laut, wird ihr zunehmend fremd.

So gemächlich es geht, lässt Wilhelmine sich nach oben gleiten, bemerkt erst Harndrang, dann die Kälte im Zimmer. Ohne die Augen zu öffnen, weiß sie, dass noch kein Dämmerlicht das Muster der Vorhänge erkennen lässt.

Sie ist allein. Mittlerweile kann sie spüren, ob sich jemand im Haus befindet. Sie ist gern allein, eigentlich. Früher waren ihr diese Morgenstunden kostbar, jene stille Zeit gegen fünf, sechs Uhr, wenn der Tag noch ganz ihr gehörte und sie mit einer Tasse Tee und einem Buch wieder zurück in ihr Bett gekrochen ist, bis die Sonne ins Zimmer brach, meist viel zu bald. Nun, da sie nicht einmal mehr aufstehen kann, um zur Toilette zu gehen, wird dieser Reichtum zur Qual. Wann ist es endlich genug?

Wenn Karin nur käme. Sie muss sie bitten, nach der Heizung zu sehen. Es dauert viel zu lange, bis es morgens im Zimmer warm wird. Das war doch früher nicht so. Wenn sie es nur nicht vergisst, Karin ist immer so rasch wieder fort. Sie habe keine Zeit, sagt sie. Natürlich hat Karin Zeit, reichlich Zeit.

Wilhelmine zieht die Decke höher. Liebe heißt geben, ohne etwas dafür zu erwarten. Wilhelmine erwartet nichts. Sie käme liebend gerne allein zurecht. Das Alleinsein schreckt sie nicht, beileibe nicht.

Sie dreht sich behutsam auf den Rücken, fühlt eine dicke Wulst zwischen ihren Beinen. Ach Gott, ja, die verdammte Windel. Beißend steigt Scham in ihr auf, sie mag sich nicht daran gewöhnen, an diese widerlichen Dinger, obwohl sie kaum zu spüren sind. Sie braucht sie doch gar nicht; es einfach laufen zu lassen, das bringt sie ohnehin nicht fertig.

Wilhelmine atmet lange aus, tastet mit der Hand nach dem wattigen Paket, in das Karin sie gepackt hat und das sich anfühlt wie die dicken Umschläge, in denen Monika ihr manchmal Bücher hat zukommen lassen. Ihre Finger finden eine dünne Kante, einen biegsamen Streifen, gedankenverloren nestelt Wilhelmine daran herum, bis er sich löst. Ach herrje, das muss der Verschluss gewesen sein, rasch versucht sie, den Klebestreifen wieder festzudrücken, es gelingt ihr nicht, stattdessen liegt die rechte Hüfte jetzt bloß.

Unten wird die Haustüre geöffnet. Das ist Karin. So wirft nur sie den Schlüsselbund auf ihre Handtasche. Wilhelmine hat noch immer gute Ohren. Wenn du mal stirbst, Minchen, hat Albert oft gescherzt, dann muss man dir die Lauscher separat totschlagen. Ach, der Albert. Gute Augen wären ihr lieber, die kann man notfalls zuklappen.

Wilhelmine blinzelt, sieht zum Fenster, es ist noch dunkel, Karin kommt normalerweise nie so früh. Ein wenig unmutig über diese ungewohnte Zeit ist sie schon, aber gleichzeitig froh, nun wird sie sich endlich erleichtern können. Wilhelmine wartet auf das Knarren der Treppe, doch sie hört Karin nur in der Küche rumoren, die Wasserleitung rauscht. Schließlich tastet sie über die Matratze und zieht das dünne Kabel aus der Bettritze, bis sie die kleine, pilzförmige Klingel zu fassen bekommt. Die Leitung hat sie legen lassen, als Albert damals krank wurde.

Jetzt drückt Wilhelmine den Knopf, dreimal hintereinander: 'Guten - Morgen - Karin', grüßt sie feste in die Leitung hinein.

Kurz darauf klopfen Schritte auf der Treppe, das Türblatt schabt über den Veloursboden, und das Licht der Deckenleuchte nimmt ihr für einen Moment die Sicht.

"Einmal reicht vollkommen, Tante Minchen, ich bin ja nicht schwerhörig!"

Wilhelmine schweigt, wartet, bis Karin die Vorhänge aufgezogen hat, irgendetwas wollte sie doch von ihr, aber sie kommt nicht d

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