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Manchmal rot Roman von Baronsky, Eva (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.02.2015
  • Verlag: Aufbau-Verlag
eBook (ePUB)
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Manchmal rot

'Ich habe gerade erst angefangen, jemand zu sein.' Es ist ein Kurzschluss, der zwei Lebenswelten, die sich sonst kaum berühren, aufeinanderprallen lässt: die eines erfolgsverwöhnten Anwalts und die seiner illegal beschäftigten Putzfrau. Was dann passiert, bedeutet für beide den völligen Verlust von Selbstverständlichkeiten. Für ihn läuft alles prächtig, er steht vor dem ganz großen Deal. Zwar muss er vorher den Seniorchef seiner Kanzlei ausbooten und nebenbei ein üppiges Schwarzgeldkonto in der Schweiz auflösen, aber auch das wird er in den Griff bekommen. Seine Putzfrau lernt er nur kennen, weil sie in seiner Wohnung von der Leiter fällt. Als sie im Krankenhaus erwacht, kann sie sich weder an ihren Namen erinnern, noch ihn schreiben. Während sie ungläubig der Frau, die sie einmal gewesen sein soll, nachforscht, erfindet sie sich neu. Dabei entwickelt sie ein Selbstbewusstsein, das ihn zunehmend fasziniert und verunsichert. Eva Baronsky erzählt in diesem modernen Märchen so warmherzig wie erstaunlich von zweien, denen alle Gewissheiten abhandenkommen und die uns fragen lassen: Wer wäre man, wenn man nicht zu wissen glaubte, wer man ist? Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren überraschenden und sehr erfolgreichen Debütroman 'Herr Mozart wacht auf' (2009) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Nach 'Magnolienschlaf' (2011) erscheint 2015 ihr dritter Roman 'Manchmal rot'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 13.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841208729
    Verlag: Aufbau-Verlag
    Größe: 4798 kBytes
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Manchmal rot

Der Schlaf ist schön, wie warmer Nebel. Manchmal taucht sie draus auf, und dann sind die Wörter da und gucken sie komisch an. Unfall. Leiter. Bein. Bewusstlos. Krankenhaus. Einmal klappert was, jemand redet von Essen, aber sie dreht den Kopf weg, und die Geräusche verfärben sich, bis sie nur noch ganz blass knistern, dann fliegt auch das Knistern weg.

Als sie wach wird, ist es dunkel. Dunkel und still, nur manchmal hört sie, wie wer atmet. Vorsichtig fasst sie über den Stoff, auf dem sie liegt. Die Kante von einer Matratze und was Kaltes, Glattes. Das Metallrohr vom Bettgestell. Sie hält sich dran fest. Um sie rum Schwarz. Helles und dunkles Schwarz. Je länger sie guckt, umso heller wird das Helle und umso dunkler das Dunkle, bis aus den Strichen an der Wand Schränke werden, irgendwann kann man die Griffe sehen.

Sie stützt sich auf die Ellbogen. Ein Raum, drei Betten, sie hat das mittlere. Im Bett links neben mir liegt jemand. Vor dem Fenster bewegen sich Äste, Schwarz auf Dunkelblau, rechts davon leuchten Vierecke. Auf der anderen Seite zusammengeklumpte Glitzerhaufen und Flackerlinien. Stadtlichter. Vom Draufgucken kriegt sie ein traurigschönes Gefühl und legt sich wieder aufs Kissen. Macht die Augen zu, und dann sieht sie die Stadt vor sich, wie sich Lichter im Fluss spiegeln. Sie geht durch die große Fenstertür auf die Terrasse und zieht sich die Jacke fester um die Schultern.

Sie zuckt zusammen. Irgendwas Türkises, Spitzes hat sie aus dem Schlafnebel geschubst. Geschirrklappern? Sie versucht, genauer hinzuhören, aber das Klappern ist weg, und die anderen Geräusche verlaufen zu grauem Brei und lullen sie ein, bis sie wieder wegdämmert. Irgendwann eine Frauenstimme, hellorange, und so nah, dass sie endgültig wach wird. Bloß die Augen kriegt sie kaum auf, und es dauert, bis sie kapiert, dass das Zimmer, in dem sie liegt, dasselbe ist wie der schwarze Raum aus der Nacht. Jetzt fühlt er sich ganz anders an. An der Wand hängt ein Fernseher, aus dem kommt der Geräuschbrei, und am Bett nebenan steht ein hellblauer Kittel, dem gehört die Frauenstimme. Er dreht sich um und bringt ihr ein Lächeln ans Bett.

"Na, guten Morgen. Und? Wie geht es Ihnen denn heute?"

"Ja", sagt sie und merkt, dass was nicht passt, aber ein Lächeln kriegt sie hin und schickt es hinterher.

"Sie haben aber lange geschlafen", sagt der Kittel und legt ihr Finger ums Handgelenk. Hände scheinen wichtig zu sein, dauernd greift jemand danach.

"Wer sind Sie?" Sie guckt der Hand nach, die raufwandert zu einem Metallgestell. Da hängt eine Flasche dran, aus der tropft es in einen dünnen Schlauch. Eins, zwei, drei, tropf, eins, zwei, drei, tropf, sie tippt mit der Zunge den Takt gegen den Gaumen, eins, zwei, drei, tropf, eins, zwei, drei.

"Ich bin immer noch die Schwester Marion."

Marion. Schwester. Wieso immer noch? Der Schlauch endet in dem weißen Wulst, der um meine Hand gewickelt ist. "Was läuft da rein?" Vorsichtig tastet sie drüber.

"Spezialcocktail. Schmerzmittel und ein Antibiotikum. Damit nichts weh tut und Ihr Bein schnell heilt."

"Medizin?" Oben am Schlauch ist ein Plastikrädchen, an dem dreht die Schwester jetzt. "Und warum da rein?"

"Na, Sie sind aber neugierig!" Schwester Marion lacht leise. "Da ist es am praktischsten, weil wir da schnell rankommen und für Sie die geringste Bewegungseinschränkung besteht." Sie sieht, wie die Schwester ihr zunickt und aus dem Zimmer verschwindet. Eins, zwei, drei, vier, fünf, tropf, eins zwei, drei, vier, fünf, tropf. Später kommt jemand und bringt ein Tablett. Kartoffelbrei, Vanilleeis. Nach ein paar Löffeln fallen ihr die Augen zu. Sie taucht in den Schlaf rein und wieder raus, und an den Rändern zwischen Schlafen und Wachsein verlaufen die Gedanken, nur die Geräusche sickern in sie rein. Erst überall Grün, helles Grün, bis Blau drüberläuft: Dunkelblau, Knallblau, Himmelblau. Silbergrau, mit weißen Zacken. Irgendwa

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