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Mehr Zuhause als ich von Gerhard, Hans (eBook)

  • Verlag: Conte Verlag
eBook (ePUB)
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Mehr Zuhause als ich

Hans Gerhard schreibt über Situationen: Menschen stecken bei Windstille auf einem Binnensee fest. Sie fahren Kometen hinterher oder suchen Gemälde in Archiven. Der Neue hilft dem Ex beim Abbau des Aquariums, ein Vater stellt historische Schlachten mit Figuren nach. Die Geschichten dieses Bandes gehen den Situationen auf den Grund: Gerhard erzählt von der Natur der Menschen, ihrer Unruhe und ihren kleinen Fluchten. Es sind dem Alltag entnommene Szenen, Momente zwischen Freunden, Paaren, Entscheidern, die er mit feinem Pinsel malt und deren Geheimnisse er ihnen zu entlocken weiß. Am Ende zeigen sich seine Stillleben immer in ganz neuem Licht. Hans Gerhard wurde 1973 in Braunschweig geboren. Er studierte Rechtswissenschaften in Saarbrücken. Bisher sind zwei Bände mit Kurzgeschichten von ihm erschienen. Er ist Vorsitzender des Saarländischen Künstlerhaus.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956021435
    Verlag: Conte Verlag
    Größe: 1223 kBytes
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Mehr Zuhause als ich

Weißt du, wie viel?

Neulich war ihr Ex-Freund bei ihr, um sein Aquarium abzuholen. Ich sage immer noch bei ihr, aber eigentlich wohnen wir zusammen. Eigentlich war er bei uns.

Das Aquarium steht auf einer alten, dunkelbraunen Kommode in dem Zimmer, das früher sein Arbeitszimmer war. Jetzt stellen wir da alles Mögliche rein - Bücher in ein Regal, das er nicht mehr braucht, zwei hüfthohe Topfpflanzen, um die Sela sich kümmert, eine Kiste Lego, für die ihr Patenkind schon zu alt ist, Kabel in einem Schuhkarton, der überläuft, ein winziges Trampolin, Schuhe. So Sachen. Und eben das Aquarium. Ohne Fische, die hatte er bei seinem Auszug mitgenommen. In einer speziellen Fischtransport-Plastiktüte. Sela hatte mir das erzählt. Das Aquarium sei sowieso schon zu klein geworden. Er habe sich immer schon ein neues kaufen wollen. Es seien sicher zwei Dutzend Fische gewesen, so genau könne sie das gar nicht sagen. Es seien auch welche verstorben, immer mal wieder, und manche hätten sich vermehrt. Ich hatte genickt. Ich hatte sie gestreichelt. Ich hatte sie angeguckt und an die Fische gedacht. Ich hatte sie geküsst. Das Aquarium war mir egal gewesen. Es stand eben da rum. Immer noch unter einer Lampe. Immer noch mit einem kleinen Kästchen außen am Rand, verbunden mit dünnen Schläuchen. Vielleicht so groß wie eine Espressomaschine. Ich hatte nie darauf geachtet.

Jetzt klingelte er, Sela drückte auf den Summer. Vorher war sie im Flur hin und hergegangen. Ich saß allein auf einem hohen Hocker in der Küche. Sie hatte schon drei Tassen rausgestellt, bemerkte ich.

Wir tranken Kaffee, den Sela aus einer großen Kanne einschenkte. Sie schob die Würfelzuckerpackung vor ihn hin. Er nickte. Ich hatte etwas Kaffee verschüttet; ein Blatt Küchenpapier steckte unter meiner Tasse. Er hatte einen flachen Koffer dabei. Er trug eine Brille und kurze, dennoch gewellte Haare. Unsere Küche ist eigentlich ganz schön groß, dachte ich. Wir könnten hier auch zu viert sitzen. Zu fünft. Und Kaffee trinken.

"Und wie geht's dir so?", fragte er und schien keine Antwort zu erwarten. Ihre Hand lag auf dem Küchentisch, sie tastete nach meiner und drückte sie halbherzig. "Wir werden nicht wild rumknutschen, wenn er da ist", hatte sie gesagt. Ich solle mir keine Sorgen machen. Sorgen worüber, hatte ich gedacht. "Okay", sagte er nach einer Weile, "das ist jetzt hier für mich genauso blöd." Ich grinste. Ich bremste mich. Ich versuchte, keine Emotionen zu zeigen und fragte mich gleichzeitig, welche eigentlich.

"Ich schätze, ich packe dann mal das Aquarium zusammen." Er griff nach seinem Koffer. "Ist der für das Aquarium?", murmelte ich. Er nickte. Er erhob sich langsam. Sela schien aufstehen zu wollen, blieb aber sitzen. Er ging allein. Nach einer Minute kam er zurück. "Das ist ja noch voller Wasser", sagte er. Ich sah zu meiner Freundin hinüber. "Meinst du, ich packe dein Aquarium zusammen?", fragte sie. Er seufzte. Ich sah auf das Küchenpapier unter meiner Tasse - der Kaffeefleck wird sich immer weiter ausbreiten, bis man ihn irgendwann gar nicht mehr erkennt. Das Blatt muss nur groß genug sein oder genug Saugkraft besitzen.

"Also: Wo ist der Schlauch?", fragte er. Sie zuckte die Achseln. "Der wird da auch irgendwo sein", sagte sie. Er drehte sich um und ging. Ich folgte ihm, ohne zu wissen, wieso. Wir sahen uns nicht an.

Tatsächlich war das Aquarium zu etwa fünf Sechsteln gefüllt. Und die Lampe brannte und das kleine Kästchen am oberen Rand summte leise. Das war mir nie aufgefallen. Außerdem standen Päckchen auf der Kommode, die wie Salzpäckchen aussahen, aber auch Tüten. Er seufzte wieder. "Ich dachte, da wären irgendwann Algen und so was drin", sagte ich schließlich. Wie viele Algen eigentlich, fragte ich mich. Und wie viele Fische passen in so ein Ding rein? Kommt auf die Größe an, klar. Wie man die wohl zählt, dachte ich, wenn es ganz viele sind, aber sehr klein. Die bewegen sich ja ständi

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