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Mein Sommer am See Roman von Hall, Emylia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.05.2014
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Mein Sommer am See

Eines Tages bekommt Beth ein Paket. Darin ein Album mit Fotos, Notizen und anderen Erinnerungsstücken, die Beth noch nie zuvor gesehen hat. "Das Buch unserer Sommer", in dem ihre Mutter Marika die Erinnerung an jene Sommerferien festgehalten hat, die Beth in ihrer Jugend bei ihr in Ungarn verbrachte. Eine Zeit, in der Beth hin und her gerissen war zwischen ihrem zurückhaltenden Vater, mit dem sie im englischen Devon lebte, und der temperamentvollen Mutter, die die Sehnsucht nach der Heimat von ihrer Familie fortgetrieben hatte. Eine Zeit, in der Beth sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich ihren Platz im Leben zu finden. Eine Zeit, die mit einer schockierenden Enthüllung endete, als Beth gerade 16 war. Seit damals hat Beth jeden Gedanken an diese Zeit weit von sich geschoben. Doch das Album bringt all ihre Erinnerungen wieder zurück - an die erste Liebe, an flirrend heiße Sommertage und kühle Waldseen. Und an den Tag, an dem alles zerbrach ... Emylia Hall, geboren 1978, weiß, wovon sie schreibt: Als Tochter eines englischen Künstlers und einer aus Ungarn stammenden Kostümbildnerin wuchs sie im ländlichen Devon im Südwesten Englands auf, verbrachte aber jeden Sommer in Ungarn. Nach ihrem Studium in York und Lausanne arbeitete Emylia für eine Werbeagentur in London, bevor es sie in die französischen Alpen verschlug. Dort entschloss sie sich, ihren lang gehegten Traum vom eigenen Roman Wirklichkeit werden zu lassen. Ihr Debütroman 'Mein Sommer am See' war auf Anhieb ein großer Erfolg, wurde in zahlreiche Länder verkauft und in Großbritannien als das Sommerbuch 2012 gefeiert. Emylia Hall lebt heute mit ihrem Mann in Bristol.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 12.05.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641131951
    Verlag: btb
    Originaltitel: The Book of Summers
    Größe: 1422 kBytes
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Mein Sommer am See

Eins

F reitagmorgen begann, wie englische Sommermorgen häufig beginnen, mit einer schüchternen, verzagt aufgehenden Sonne und Wolkenfetzen, die bis zum Frühstück verweht waren. Mein Vater kam zu Besuch, daher hätte ich wissen müssen, dass es auf keinen Fall ein normaler Tag würde, trotz seines verheißungsvollen Anfangs. Es war das erste Mal, dass er mein Londoner Zuhause sah, und dabei war ich nicht gerade neu in der Stadt. Mit siebzehn hatte ich mich für die Kunsthochschule und für London entschieden. Ich wollte mich verlieren, und dafür schien es mir genau der richtige Ort zu sein. An den Tag vor zwölf Jahren, an dem ich von zu Hause auszog, erinnere ich mich noch heute, an meinen Vater, der auf dem Bahnhofsparkplatz neben dem Auto stand, eine Hand zum Abschied erhoben, mit der anderen bereits in der Hosentasche nach dem Schlüssel tastend. Dann das Tuckern des Auspuffs, als er vor dem Eingang zum Bahnhof an mir vorbeifuhr – dieses Mal, ohne mich zu bemerken, denn er saß über das Lenkrad gebeugt wie jemand, der bereits spät dran war. Ich sah ihm nach, der einzigen Familie, die ich hatte.

Familie. Ein Wort, das mir nie sonderlich behagte. Andere mag es an lärmende Abendessen mit Ellbogen auf dem Tisch erinnern und an alte Witze, die geknetet und gezogen werden wie Brotteig. Oder an schrullige Tanten und langmütige Onkel, unförmige Sackkleider und struppige Schnurrbärte, den unsanften Druck einer wohlmeinenden Umarmung. Oder einfach an ein Haus in einer Straße. Handabdrücke in weichem Beton. Die verknoteten, ausgefransten Seile einer alten Schaukel am Ast eines Apfelbaums. Aber mich? Es erinnert mich an nichts davon. Es ist ein Wort, das mich auflöst. Wie ein loser Faden an einem Pulli, an dem man zieht und der rasch zu einem wirren Knäuel in den hohlen Händen wird.

Seit meinem Studium habe ich auf beiden Seiten des Flusses gelebt, in schuhkartongroßen Wohnungen und geräumigen Stadthäusern; allein in einem feuchten Keller in Bloomsbury, mit sieben Mitbewohnern in einer verfallenen, ehemals herrschaftlichen Villa am Rande von Camden. Nun wohne ich in einem adretten Reihenhaus in Mile End, mit einem Gärtchen und einem verirrten Zwerg darin. Meine Mitbewohnerin Lily singt Frank Sinatra im Badezimmer und trägt einen pechschwarzen Bob, der wie Sirup glänzt. Unsere Straße liegt im Schatten einer Hochhaussiedlung, und drei Türen weiter steht ein herrenloser Fiat, dessen Heckscheibe Sprünge wie ein Schlittschuhteich hat. Einmal sah ich ausgestreckt auf dem Asphalt eine Katze liegen, schwarz und weiß und mausetot, ein Bild, das ich nie ganz aus dem Kopf bekommen habe. Ein anderes Mal pickten ein paar Tauben am Skelett eines Brathähnchens, als ich aus der Haustür trat. Ich hastete vorbei und tat, als hätte ich es nicht gesehen, wie ein beunruhigter Bürger, der ein Verbrechen nicht bemerken möchte. Nach nur fünf Minuten mit dem Fahrrad kann ich im Victoria Park liegen, neben mir einen Stapel Zeitungen und Bücher. Ich gehe gern in ein Café, wo die Eigentümerin mir, wenn die Sonne strahlt, einen Kaffee spendiert, bevor sie sich neben mich an einem wackligen Tisch setzt und in ihrer blauen Schürze billige Zigaretten raucht. Alles in allem fühle ich mich wohl hier. Es ist ein Ort, an dem ich meinen Vater willkommen heißen kann, ohne dass sich kompliziertere Empfindungen aufdrängen.

Er war immer älter als andere Väter. Als ich klein war, brachte er mich zum Kichern, indem er behauptete, er sei bereits uralt auf die Welt gekommen, mit einer Brille, die ihm schon in der Wiege von der Nase rutschte, und faltigen Knien. Wenn andere Väter laut riefen und lachten, Jeans trugen und an Sommertagen Wasserrutschen aus Plastikpla

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