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Meine Väter Roman von Bronnen, Barbara (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.05.2012
  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
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Meine Väter

Dieses Buch erzählt die dramatische, ungeheuerliche Geschichte einer österreichisch-jüdischen Familie, einer Schriftstellerfamilie. Sie beginnt in der Gegenwart, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, auf dem der expressionistische Autor Arnolt Bronnen - Anarchist, Goebbels-Freund, Widerständler, Kommunist - begraben liegt. Und sie reicht zurück in das Auschwitz des Jahres 1867. Dort wurde der Großvater der in München lebenden Schriftstellerin Barbara Bronnen, Dr. Ferdinand Bronner, geboren, unter dem Pseudonym Franz Adamus einer der ersten naturalistischen Dramatiker. Dieses Buch erzählt spannungsreich und tempogeladen die Geschichte eines großen Verschweigens. Barbara Bronnen kannte in ihrer Kindheit den Großvater nicht, den sein Sohn Arnolt Bronnen ein Leben lang verleugnete, sich einen Pfarrer Schmidt zum Vater erkor, einen somnambulen Zeugungsakt fingierte und 1941 gar einen Vaterschaftsprozeß gegen ihn führte. Gestützt auf die umfangreichen Aufzeichnungen Ferdinand Bronners, die 1918, mit dem Ende des Ersten Weltkriegs enden und in denen er seine jüdische Herkunft konsequent verschweigt, rekonstruiert Barbara Bronnen detailreich die Geschichte des Großvaters bis zu seinem Tod im Jahre 1948 und stößt, je weiter sie vordringt, auf immer mehr Beweise, daß in dieser Familiengeschichte etwas nicht stimmt. Sie befragt Familienmitglieder, heute noch in Bronners und Bronnen geschieden, die einander ächteten, und fährt nach Auschwitz. Sie enträtselt die dramatische Beziehung zwischen Großvater und Vater und spürt, sie verfolgt die richtige Fährte, bis sich ihr schließlich der wahnwitzige Coup von Vater und Großvater entschlüsselt, ein perfides Rasse-Spiel. Barbara Bronnen, in Berlin geboren, aufgewachsen in Österreich, studierte Germanistik und Philosophie in München, wo sie als freie Autorin lebt. Sie hat zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Features veröffentlicht.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 332
    Erscheinungsdatum: 20.05.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458771609
    Verlag: Insel Verlag
    Größe: 1499 kBytes
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Meine Väter

1. Findlinge

Der Findling, der mein Vater ist, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.

Arnolt Bronnen, Schriftsteller. Geboren 1895. Gestorben 1959 in Ostberlin.

Selbstfindling. Ein erratischer Block, vom Alpenrand in die Ebene Berlins transportiert. Inbegriff der Vereinzelung.

Ein grauer Himmel scheint sich herabzusenken, als würden sich Himmel und Erde vermählen. Knapper Austausch mit dem Vater.

Neben ihm Christa Wolf. Am Ende ihrer literarischen Autobiographie stellte sie sich die Frage: Wie sind wir geworden, was wir sind? Eine Frage, die auch Arnolt Bronnen umtrieb. Gegenüber Günter Gaus, im ewigen Interview mit meinem Vater verstrickt. Ich bin sicher, daß er Neues herausfindet. In der Nähe Weggefährten: Bertolt Brecht, Helene Weigel, John Heartfield, Wieland Herzfelde, Johannes R. Becher.

Arnolt gibt das Theater nicht auf, richtet sein blaufunkelndes Monokel auf mich und schüttelt den Kopf. Immer hat er schnell die Tür zugemacht, damit niemand einen Fuß dazwischenstellt und ihm das Geheimnis raubt. Er spielt nach wie vor mit verdeckten Karten, wenn ich nach seinem Vater frage.

Steinerne Stirn. Nichts, was ihn ins Wanken bringt.

Ach, gib's doch auf, Genosse.

Unheimliches Laubgeraschel, verräterisches Kreischen eines Eichelhähers. Eine Katze in der Dämmerung. Feuchtes Gras. Erdgeruch.

Kalte Füße.

Ich sage, daß ich mich nicht davon abbringen lasse, die Wahrheit über den Großvater und den Vaterschaftsprozeß herauszubekommen. Ich fühle, daß da etwas nicht stimmt. Daß der Trick mit der Selbstgeburt nichts anderes ist als Selbstbetrug.

Ich warte auf das ersehnte Zeichen.

Er schweigt. Ich drohe. Daß ich den Sarg des Großvaters öffnen werde. Daß Großvater auferstehen und den Mund auftun würde, über kakanische Familienabgründe hinweg.

Sie wendet sich ab.

Verläßt den Dorotheenstädtischen Friedhof. Hat sie wirklich erwartet, daß von Vaterseite etwas käme?

Es gibt immer weniger Berührungspunkte zwischen ihrem Vater und ihr.

Sie hat angenommen, wenn sie oft genug über ihren Vater schreibt, wird sich das Geheimnis enthüllen. Fehlanzeige. Doch je älter sie wird, desto dringlicher wird es ihr, Bescheid zu wissen.

Ich gehe weiter und finde mich auf dem Stelenfeld wieder, erbaut vom jüdischen Architekten Daniel Libeskind. Betrachte die Kinder, die von Stele zu Stele springen oder Verstecken spielen, die Jugendlichen, die einen Joint rauchen. Zwei Busse halten, einer mit deutschen, einer mit jüdischen Besuchern, die ernste Gesichter aufsetzen; hinter einer Stele sehe ich den Penner, der verstohlen pinkelt. Als die Busse abfahren, ist es ruhig.

Die Anonymität bedrückt.

Dazwischen leerer Raum. Spalten. Sie steigt von der Stele hinab.

Im Hotel, an der Rezeption, verlange ich die Rechnung. Ich gehe in mein Zimmer, packe Kleider, Laptop und Arbeitsmaterial ein und fahre zum Bahnhof. Ich buche einen Platz im Liegewagen nach Krakau.

Eigentlich wollte ich zwei Wochen in Berlin bleiben.

Ich gebe dem Schaffner zehn Euro und bekomme ein Abteil für mich allein. Ich schlafe im Liegewagen eine Stunde wie tot.

Wie komme ich in diesen Schlafwagen?

Dann begreife ich, warum ich hier bin. Ich muß den Weg zur Wahrheit finden.

Mich herantasten. Mich fragen, wie andere mich stets fragten.

Mein Großvater ist in Auschwitz geboren.

Gestorben?

Nein, geboren.

Im KZ ?

Nein, in Auschwitz.

Das g

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