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Mit den Augen des Westens von Conrader, Joseph (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.11.2016
  • Verlag: Re-Image Publishing
eBook (ePUB)
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Mit den Augen des Westens

Rasumow, der unglückliche Held dieser zum Teil auf historischen Vorkommnissen fußenden Geschichte, der nichts als Russe ist, muß selber zum Verstehenden werden; darauf weist bereits die Bedeutung seines Namens im Russischen und im Polnischen. 'Ein gewöhnlicher junger Mensch', der, unehelicher Sohn eines Fürsten, ohne jede menschliche Bindung, nur auf sein Studium, seine Karriere bedacht ist. Der Fanatiker Haldin, der einen Minister ermordet hat, macht ihn in naivem Vertrauen zum Mitwisser, beansprucht seine Hilfe und besiegelt damit beider Geschick. Rasumow, besorgt um die Ordnung des öffentlichen und des eigenen Lebens, verrät ihn und ist nun selbst aus aller Ordnung geworfen. Er wird im Dienst der Gegenspionage nach Genf geschickt und dort von den Verschwörern im Exil als einer der ihren angesehen. Im Innersten erschüttert von der Begegnung mit Natalic Haldin, der Schwester des Verratenen, die an die Frieden und Versöhnung stiftende Kraft der Revolution glaubt, offenbart er sich ihr und den Verschwörern, erduldet er grausame Rache, erlangt er Sühne.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 324
    Erscheinungsdatum: 22.11.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783961126736
    Verlag: Re-Image Publishing
    Größe: 408 kBytes
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Mit den Augen des Westens

Kapitel 1

Der Anfang von Rasumoffs Erinnerungen ist mit einem Ereignis verknüpft, wie es für das moderne Rußland charakteristisch ist: mit der Ermordung eines hervorragenden Staatsmannes und noch charakteristischer für die moralische Korruption einer unterdrückten Gesellschaft, in der die edelsten Triebe des Menschen, der Freiheitsdrang, glühende Vaterlands- und Gerechtigkeitsliebe, das Mitleid und sogar die feste Treue schlichter Gemüter der Willkür von Haß und Furcht preisgegeben sind, den unzertrennlichen Begleitern eines nicht hinreichend gefestigten Despotismus.

Das erwähnte Ereignis ist das gelungene Attentat auf Herrn von P., den Präsidenten der berüchtigten Unterdrückungskommmission, die vor einigen Jahren vom Staatsminister eingesetzt und mit außerordentlicher Macht bekleidet worden war. Die Zeitungen schrieben mehr als genug über jene fanatische schmalbrüstige Erscheinung in goldverschnürter Uniform, mit einem Gesicht wie altes Pergament, ausdruckslosen, bebrillten Augen und dem Großkreuz des Prokopius-Ordens um den faltigen Hals. Eine Zeitlang verging, wie man sich erinnern wird, kein Monat, ohne daß sein Bild in irgendeiner der illustrierten Zeitschriften Europas erschienen wäre. Er diente der Monarchie, indem er Männer und Frauen, junge und alte, ins Gefängnis, in die Verbannung oder zum Galgen schickte, mit ewig gleichem, unerschütterlichem Eifer. In seiner mystischen Verehrung des autokratischen Prinzips hatte er es sich zum Ziel gesetzt, im Lande jedwede Spur davon auszutilgen, was an Freiheit im öffentlichen Leben erinnern konnte, und bei seiner rücksichtslosen Verfolgung der neuen Generation schien er es darauf abgesehen zu haben, sogar die Hoffnung auf Freiheit zu vernichten.

Man erzählt sich, daß dieser vielfach verwünschte Mann nicht Einbildungskraft genug hatte, sich über den Haß klar zu werden, den er erweckte. Es klingt kaum glaublich; und doch ist es eine Tatsache, daß er recht wenig Maßnahmen für seine persönliche Sicherheit traf. In dem Leitartikel einer gewissen bekannten Staatszeitung hat er einmal erklärt, daß "der Freiheitsgedanke in dem Werk des Schöpfers niemals existiert habe. Aus einer Vielheit menschlicher Entschlüsse könne immer nur Auflehnung und Unordnung sich ergeben, und diese seien Sünde in einer Welt, die für Gehorsam und Ordnung geschaffen sei. Nicht Vernunft, sondern Autorität sei der Ausdruck der göttlichen Absicht. Gott sei der Selbstherrscher des Weltalls ... " Es mag sein, daß der Mann, der diese Erklärung abgab, glaubte, der Himmel selbst müßte ihn in seinem rücksichtslosen Kampf für die Autokratie auf dieser Welt beschützen.

Zweifellos rettete ihn die Wachsamkeit der Polizei zu verschiedenen Malen. Fest steht aber auch, daß die zuständigen Behörden ihm keine Warnung hatten geben können, als das ihm zugedachte Geschick sich erfüllte. Sie hatten keine Kenntnis von irgendeiner Verschwörung gegen des Ministers Leben; durch ihre üblichen Kanäle war keine Kunde davon gesickert, man hatte keine Anzeichen bemerkt, keine verdächtigen Regungen oder gefährliche Personen.

Herr von P. fuhr in einem offenen, zweispännigen Schlitten nach der Bahnstation, mit Lakai und Kutscher auf dem Bock. Es hatte die ganze Nacht geschneit, und die Straße war zu dieser frühen Stunde noch nicht frei gemacht, so daß die Pferde schwer vorwärts kamen. Der Schnee fiel immer noch in dichten Flocken. Doch der Schlitten mußte genau beobachtet worden sein. Als das Gefährt nach links ausbog, um eine Ecke zu nehmen, bemerkte der Lakai einen Bauern, der langsam auf dem Bürgersteig hinschritt, die Hände in den Taschen seines Pelzrockes und die Schultern im Schneegestöber hochgezogen. Als der Schlitten ihn überholte, fuhr der Bauer plötzlich herum und erhob den Arm. Im Augenblick erfolgte ein furchtbarer Schlag, eine Detonation, die durch das Schneetreiben gedämpft wurde. Beide Pf

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