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Mond der Kindheit von Bringsværd, Tor Åge (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.01.2016
  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
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Mond der Kindheit

In den Dünen inmitten einer Oase in der Wüste Gobi sitzt ein alter Mann und erinnert sich an seine Kindheit. Als Teil des Kinderkreuzzugs zog er als Junge von Köln nach Israel um von dort aus weiter durch die Welt zu ziehen. Seine Reise bringt ihn schliesslich in die Mongolei, von wo er als Gefangener des Dschingis Kahn in die Wüste Gobi floh. Die Schilderungen des Protagonisten sind fiebernd und sprunghaft - wie es auch reale Gedanken sind - was dem Buch Realitätsnähe verleiht. In einer faszinierenden Bildsprache vermittelt der Autor geschichtliche Fakten, philosophische Weltkonzepte und eine märchenhafte Geschichte. Ein gelungener Roman, der durch die facettenreiche Darstellung einer sagenhaften Welt überzeugt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 216
    Erscheinungsdatum: 21.01.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788711465950
    Verlag: Saga Egmont
    Größe: 1043 kBytes
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Mond der Kindheit

I

Ich weiß, daß ich mit den Händen rede, nicht mit dem Mund. Und daß du mit den Augen zuhörst, nicht mit den Ohren. Doch für mich ist das gesprochene Wort immer am wichtigsten gewesen. Ich weiß nicht, ob Tusche und Seide genügen. Ich weiß nicht, ob ich die Menschen dazu bringen kann, über Buchstaben zu lachen und zu weinen. Deshalb sage ich lieber: Hörst du, daß ich dir etwas zuflüstere? Denn du hast das Siegel erbrochen, hast den Deckel zur Seite geschoben ... Und ich habe meine Stimme auf dem Boden dieses Tonkruges versteckt.

Kann ich es so sagen?

Ja.

Zum erstenmal seit langem kann ich sagen, was ich will.

Dschingis Khan fragte einmal seine Offiziere: "Was auf der Welt vermag einem Mann größten Genuß und höchstes Glück zu geben?"

Sie antworteten ihm: "Die weite Steppe, ein klarer Tag, ein schnelles Pferd unter sich." Und nach kurzer Besinnung: "Und ein Falke auf der Hand, um Hasen aufzuschrecken."

Aber Dschingis Khan schüttelte den Kopf. "Nein", sagte er zu ihnen. "Deine Feinde zermalmen, sehen, wie sie dir zu Füßen fallen, ihnen alles nehmen, was sie besitzen, auf ihren Pferden reiten. Die Gesichter, die ihnen teuer waren, in Tränen aufgelöst sehen. In den Armen ihrer Frauen und Töchter ruhen. Das ist das Beste!"

Solche Bilder sehe ich. Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf.

Ich erinnere mich an ein Kloster. Es lag in einem engen Tal zwischen großen Granit- und Schieferfelsen. Den Namen habe ich vergessen. Und den Ort würde ich nie wiederfinden. Wir wurden mit Wimpeln, Fahnen, Trommeln und Gongschlägen willkommen geheißen. Die große Gebetsmühle war elf Fuß hoch und hatte einen Umfang von vier Faden. Zwei Mönche saßen da und drehten sie, von Sonnenaufgang bis Mitternacht - jahraus, jahrein. Bei jeder Umdrehung läutete ein Glöckchen. Die Mühle machte zehntausend Umdrehungen pro Tag und war mit Millionen von Gebeten gefüllt, geschrieben auf dünnes Papier. Hier sah ich auch zum erstenmal das, was die Tibeter dupkang nennen. Das ist eine Eremitenhöhle. Sie lag oberhalb des Klosters, und wir mußten einen steilen Hang hinaufklettern. Der Eingang war zugemauert, und die Höhle hatte keinen anderen Zugang. Es gab nur einen kleinen Spalt knapp über dem Boden, durch den man einen Eßnapf schieben konnte. In dieser Höhle lebte seit sechzehn Jahren ein Lama. Und während all dieser Zeit hatte er nicht ein einziges Wort mit irgend jemandem gewechselt. Er hatte sich für das unwiderruflichste, für das schrecklichste aller Mönchsgelübde entschieden: für den Rest seines Lebens lebendig begraben zu sein. Jeden Morgen wird eine Schale mit tsampa und vielleicht einem Klecks Butter zu ihm hineingeschoben. Wasser bekommt er von einer Quelle im Innern der Höhle. Jeden Morgen wird die leere Schale herausgezogen und wieder gefüllt. Jeden siebten Tag bekommt er ein Quäntchen Tee und zweimal im Monat einige Holzspäne, die er mit Hilfe seines Feuersteins zum Brennen bringt. Ansonsten sitzt er in völliger Dunkelheit. Kein Schatten bewegt sich. An der Änderung der Temperatur erkennt er den Wechsel der Jahreszeiten. Aber er weiß nicht, wann die Sonne aufgeht und wann sie untergeht. Seine einzige Gesellschaft sind Käfer und Spinnen. Das einzige, was er hört, ist der Klang seiner eigenen Stimme. Die Kleider faulen ihm vom Leib. Die Haut wird fahl, das Haar lang und strähnig. Die Nägel wachsen zu stumpfen Messern. Allmählich erlischt das Augenlicht, bis er eines Tages völlig blind ist. Aber unablässig erfleht er in Gebeten und Träumen das Nirwana. So ist seine Sehnsucht nach dem Tod. So groß ist seine Verzweiflung über das Leben ... Jeder andere Mönch, der versuchen würde, mit ihm zu sprechen, wäre auf ewig verdammt. Und spräche der Eremit selbst mit einem seiner dienenden Brüder, dann wären all die Jahre, in denen er eingemauert meditierte, umsonst gewesen. Das glauben sie jedenfalls.

Finden die Brüder die Schale eines Morgens unberührt vor, wisse

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