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Nacht über Lissabon Roman von Brizuela, Leopoldo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.11.2010
  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
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Nacht über Lissabon

Lissabon in einer Novembernacht 1942. Portugal hat ein britisches Ultimatum erhalten, in den Krieg einzutreten, doch der Machthaber Salazar zögert, noch liebäugelt er mit der faschistischen Achse. Angst vor dem Einmarsch der Nazis oder der Bombardierung durch die Alliierten bemächtigt sich der Stadt, die von Fremden wimmelt: Diplomaten in geheimer Mission, Spione beider Seiten, jüdische Flüchtlinge aus ganz Europa. Deren Hoffnung richtet sich auf die Boa Esperança, das letzte Schiff, das die Rettung vor der Deportation in die Konzentrationslager verspricht. In dieser angespannten Lage, wo jeder jeden verdächtigt, bangt der argentinische Konsul um die Ankunft einer großen Hilfslieferung aus Buenos Aires - er weiß nur zu gut, welch gefährlichen Auftrag er damit verfolgt und warum er sich darauf eingelassen hat. Und ist es nicht der blutjunge, undurchsichtige Ricardo de Sanctis, "Auserwählter" des Lissabonner Kardinals, der in Wahrheit die Fäden zieht? Unterwegs in der Nacht ist auch der von seinen eigenen Dämonen getriebene Sekretär der Gesandtschaft; er soll seine Landsleute, die Tangokünstler Enrique Santos Discépolo und seine Ehefrau Tania, sicher durch die von Gerüchten aufgewühlte Stadt begleiten. Aber die beiden haben ihre eigenen Pläne, die nicht ans Licht wollen. Noch vor Mitternacht verlassen sie das Fadolokal Gondarém am Hafen, wo sich gegen alle Furcht die Lebenslust aufbäumt. Sie alle, Akteure und Mitgerissene, tragen in dieser Nacht ihre Geheimnisse mit sich, ihre Ängste und Begierden, suchen Ohren für ihre Bekenntnisse, ringen mit ihren alten Geschichten. Schließlich explodiert auf der Boa Esperança eine Bombe, und die Ereignisse überstürzen sich.

Leopoldo Brizuela, geboren 1963 im argentinischen La Plata, arbeitet als Schriftsteller, Journalist und Übersetzer. Er ist Autor mehrerer preisgekrönter Romane und Erzählbände; 1999 wurde er für seinen Roman Inglaterra mit dem argentinischen Literaturpreis Premio Clarín ausgezeichnet. Er lebt in La Plata.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 724
    Erscheinungsdatum: 16.11.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458732907
    Verlag: Insel Verlag
    Originaltitel: Lisboa. Un melodrama
    Größe: 1780 kBytes
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Nacht über Lissabon

Erwarte mich am Kai

Der Konsul geht allein zum Geheimtreffen.
Eine verhängnisvolle Begegnung. Wer bist du?
1

Bairro Alto, 17. November. Um drei Minuten nach sechs, während die Glocken noch läuteten und der abendliche Lärm der Vögel über die Straßen wehte, während die Bewohner noch zu den Kneipen und Kiosken eilten, um im Radio das Kommuniqué der Regierung zu hören, vernahm Konsul Eduardo M. Cantilo, als er die Aussichtsterrasse von São Pedro de Alcântara betrat, plötzlich das Pfeifen eines Zuges und ging gleich hinüber zur Brüstung hoch über der Stadt. Er kam gerne hierher, und auch wenn es ihm nicht geheuer war, von seinem minutengenau festgelegten Plan abzuweichen, ermunterte ihn der Gedanke, dazustehen wie all die älteren Leute, die sich nach einem dumpfen Tag des Luftalarms, der Warteschlangen vor den Zuteilungsstellen und der hartnäckigen Gerüchte über ein britisches Ultimatum an Portugal im Anblick des Lissabonner Panoramas eine Atempause gönnten. Die letzten Sonnenstrahlen strichen über die Rücken der Hügel, vergoldeten die Festungsmauern des Castelo de São Jorge, die sich aus einem Mosaik verwinkelter Dächer erhoben, und von der Baixa wuchs schon die Nacht herauf, wo nichts als das Satteldach der Abfahrtshalle am Bahnhof Rossio zu erkennen war, eine Arche aus Licht, die unter dem Gebrüll von Lokomotiven, Lautsprechern und Hochrufen vibrierte. Ja, es war der Zug aus Madrid, der endlich eintraf. So viele Stunden hatte der Konsul am Morgen auf ihn gewartet, gegen alle Proteste, bösen Ahnungen und Schwarzsehereien der Angehörigen der argentinischen Gesandtschaft, dass allein der Gedanke, wie sein Sekretär nun die Gäste aus Spanien am Bahnsteig empfing, ihn vor Erleichterung erschauern ließ. Und zugleich erschrak er: Jetzt blieb ihm nur noch ein Auftrag zu erfüllen. Lissabon, Lissabon, dachte er, als flehte er um Hilfe, wenn ich dir in dieser Nacht verlorengehe, sollen deine Geheimnisse dich retten.

Hinter ihm hielt ein Auto. Er drehte sich um und tat, als wollte er im Licht der gerade aufleuchtenden Laterne nach der Uhrzeit sehen. Auf den vorderen Sitzen eines roten Wagens, der an der Ecke des Diário de Notícias parkte, saßen zwei Männer und starrten mit einer Durchtriebenheit zu ihm herüber, dass es ihm, zumal zu dieser Stunde, ein deutliches Zeichen von Gefahr zu sein schien. Aber, ermahnte er sich, was wusste er schon von Autos, von Spionen, was wusste er überhaupt? Statt sich weiter für den Wohltäter Portugals zu halten, den Benfeitor , als den die Zeitungen ihn ausgerufen hatten, statt sich als die Hauptperson dieses ganzen Rummels zu fühlen, musste er sich damit abfinden, dass er nicht mehr als ein Werkzeug war, ein einfaches Rädchen in einem Getriebe, das er kaum verstand.

Immerhin, sagte sich der Konsul, war es schon neun Minuten nach sechs, und bisher hatte er Schritt für Schritt alles mühelos bewältigt. Seit er zum Entsetzen von Oberst Sijarich am Bahnhof verkündet hatte, er werde den Anweisungen des Patriarchen folgen und allein zu dem Geheimtreffen gehen, hatte er für sich beschlossen, zu seinem Schutz die Nähe der zahlreichen Gendarmen zu suchen, die in Erwartung nächtlicher Unruhen aus ganz Portugal in die Stadt beordert worden waren. So hatte er, als er sein Haus verließ, demonstrativ den Polizisten an der Praça do Príncipe Real gegrüßt, auch wenn der bestimmt nur dort postiert war, um zu kontrollieren, wer bei ihm aus und ein ging. Danach hatte er sich mit dem Gendarmen aus Ribatejo unterhalten, der den Zugang zur Rua da Rosa mit ihren Bord

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