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Nele & Paul Roman von Birbæk, Michel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.04.2018
  • Verlag: Blanvalet
eBook (ePUB)
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Nele & Paul

Es roch nach Frau. Ich schlug die Augen auf und lächelte. Bis ich sah, wo ich war. Ein fremdes Schlafzimmer. Über mir hing eine Wanduhr, deren Ticken mich die ganze Nacht genervt hatte. Auf der Kommode neben dem Bett lag kein Zettel. Es duftete nicht nach Kaffee. Niemand küsste mich wach. Niemand legte sich noch mal zu mir. Niemand verpasste mir einen süßen Blick wegen letzter Nacht. Nachts ließen One-Night-Stands einen bisweilen vergessen, dass es nicht die Frau des Lebens war, die da so schön seufzte. Doch das Morgenlicht rückte das Verhältnis zurecht. Bloß zu Besuch. Ich rollte mich aus dem Bett, griff nach meiner Hose und dachte an Nele. Das ist das Problem mit der großen Liebe - sie versaut einen für die kleinen. Michel Birbæk, geboren in Kopenhagen, lebt seit vielen Jahren in Köln. Als Sänger war er fünfzehn Jahre mit Rockbands unterwegs. Danach arbeitete er unter anderem als Kolumnist für mehrere Frauenmagazine und seit zwanzig Jahren als Drehbuchautor für einige der erfolgreichsten deutschen TV-Serien. Seine bisherigen fünf Romane haben sowohl die Kritiker, als auch eine große Fanbase erobert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Erscheinungsdatum: 16.04.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641226701
    Verlag: Blanvalet
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Nele & Paul

zehn

Das Thermometer zeigte siebenunddreißig Grad. Es waren Gewitter angesagt, aber der Himmel blieb blau, und der Wind hatte nachgelassen. Eine schwere Schwüle lag über allem, als sei die Welt aus Sirup. Das Bürofenster stand sperrangelweit offen, dennoch drang kein Lüftchen zu uns herein. Ich blätterte in einem Frauenmagazin und versuchte, mich nicht totzugähnen. An manchen Tagen konnte man die Anrufe kaum entgegennehmen, und dann gab es Tage wie heute. Seit fünf Stunden hatte sich im ganzen Landkreis kein Unfall zugetragen, niemand hatte sich geprügelt, jemanden verletzt oder sonst wie geschädigt. Eine Nachricht, die nie in den Medien auftauchen würde.

"Hör dir das an ...", sagte Rokko und fächelte sich mit einer Zeitung Luft zu, während er auf seinen Monitor starrte. "Klassefrau sucht Klassemann für Klassesachen. Kein B und B. Keine Spinner, Frustrierten und ... oh, schade." Er warf mir einen bedauernden Blick zu. "Keine Muttersöhnchen."

"B und B?", fragte ich.

"Bauch und Bart", sagte er und ließ seinen Finger über den Monitor gleiten. Bei jeder Bewegung spielten die Muskeln unter seiner Haut. "Hm, das könnte passen: Ich, dick, 63, Freude am Essen und Kochen, suche dich, lustig, mit Spaß am Zuhören ... Zuhören kannst du ja."

Er grinste, und wie zum Beweis blinkte die Telefonanlage und mit ihr die Lichterkette, die wir letztes Jahr Weihnachten angeschlossen hatten. Die Nummer einer Telefonzelle im Nachbardorf. Ich ging ran.

"Polizeinotruf."

"Ich bin mit dem Fahrrad gestürzt. Ich glaube, ich habe mir den Arm gebrochen."

"Ich schicke Ihnen einen Krankenwagen. Ich sehe, Sie stehen in einer Telefonzelle, bleiben Sie bitte da, bis der Krankenwagen eintrifft. Wie ist Ihr Name?"

"Das können Sie sehen?"

"Nein, darum frage ich ja."

"Was?"

"Ihren Namen, den kann ich nicht sehen. Dass Sie in einer Telefonzelle stehen, wird angezeigt."

"Wirklich?"

Die Wunder der Technik schienen ihn mehr zu interessieren als seine Verletzung. Schließlich verriet er mir seinen Namen, ich schickte ihm den Rettungswagen und eine Streife. Kaum hatte ich aufgelegt, blinkte die Lichterkette wieder. Eine Festnetznummer aus dem Ort. So war es oft. Stundenlang nichts, dann alle auf einmal.

"Polizeinotruf."

Ein Kind kicherte unterdrückt.

"Ich will fiiiickennn!"

Ich drückte den Anruf weg und lehnte mich wieder zurück. Bei Hitze und Vollmond nahmen die Anrufe der Verrückten zu. Das war wie Ebbe und Flut. Kinder waren davon allerdings ausgenommen, die kannten zu keiner Zeit Pardon.

"Spinner?", fragte Rokko, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.

"Kind."

Ich las einen Artikel über die Probleme moderner Großstadtfrauen, einen Mann zu finden, und versuchte, mich dabei möglichst wenig zu bewegen. Die Hitze war überall, und wenn man sich zu schnell bewegte, spürte man sie auf der Haut wie nach einem Saunaaufguss. Als ich aufstand, löste mein Rücken sich mit einem Klettgeräusch von der Rückenlehne des Bürostuhls.

"Was aus dem Kühlschrank?"

Rokko winkte ab, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Ich ging raus auf den leeren Flur. Vorne am Empfang plärrte ein Radio, ein Ventilator lief, sonst war nichts zu hören. Die Dienstküche war ein vier Quadratmeter großes Loch ohne Fenster, dafür mit einer Espressomaschine, die wir beim Polizeibingo gewonnen hatten. Ich holte eine Flasche Wasser aus meinem Kühlschrankfach und trank einen halben Liter auf ex. Man sollte meinen, dass man sich an Temperaturen gewöhnte, aber auch nach zehn Wochen Hochsommer schwitzte man die Flüssigkeit genauso schnell wieder aus, wie man sie aufnahm. Ich trank noch einen Schluck und lauschte der Trägheit im Revier. Das Radio spielte die allergrößten Hits der wirklich allergrößten Hits, zwischendurch hörte man leisen Funk und gelegentlich eine Antwort von Karl-Heinz, der die Wagen koordinierte, sonst war alles ruh

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