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Nichts, nichts Erzählungen von Strobel, Bernhard (eBook)

  • Verlag: Droschl, M
eBook (ePUB)
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Nichts, nichts

Als Bernhard Strobels erster Erzählband 'Sackgasse' erschien, war von 'einem erstaunlichen Debüt' (Stuttgarter Zeitung) die Rede, von einem 'Autor, der findet, dass Menschen in den Randzonen der Gesellschaft interessanter sind als die Schicken und Schönen dieser Welt' (Kurier), von einer 'Meisterschaft im Weglassen, oder besser Nicht-Sagen, das etwas anderes, weil Schwierigeres ist als das kalkulierte Verschweigen' (Antonio Fian). Auch in diesem zweiten Band bleibt Strobel seinem Sujet treu: keine Wohlfühlliteratur und kein Lifestyle, nicht die mit geschickter Glätte komponierten und dem gehobenen Entertainment verpflichteten Sätze der Literaturinstitute, sondern Rauheit und Verzicht auf Eleganz, und dazu die karge Welt der Verlierer: ältere Mütter, die sich im Internet prostituieren, Alzheimer-Kranke, Aussteiger, die sich in Waldhütten weitab von Dörfern und Städten einnisten und dort mit politischen Flüchtlingen konfrontiert werden. Strobel bedient aber nicht unseren voyeuristischen Blick auf das Elend und arrangiert es nicht zu schaurig-schönen Szenarien, sondern wendet sich dem sprachlosen Umfeld dieser 'Helden' zu. Hier herrschen Kommunikationslosigkeit und ungerichtete, dumpfe Wut. Mit knappen, kargen Mitteln und äußerst zielsicher schildert Strobel eine Welt, die nur mehr mühsam ihre Fassade wahrt - jeden Moment kann alles unter der ausbrechenden Aggressivität implodieren. Und doch: So wie es in einer Geschichte heißt, 'Sie kannte mich gut genug, um zu wissen, dass mir dann und wann der rote Faden des Alltags abhanden kam', so heben sich diese Erzählungen alle an irgendeiner Stelle vom planen Abbildrealismus ab und ein grotesker Witz kommt zum Vorschein, eine nahezu surrealistische Überbelichtung der Szenerie, ein manchmal grausamer Humor.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 128
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783854209263
    Verlag: Droschl, M
    Größe: 1924 kBytes
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Nichts, nichts

Ein Herr unserer Zeit

Durch das Küchenfenster sehe ich die Türme der städtischen Klinik. Ich bin oft dort, um mir die Zeit zu vertreiben. Und wenn ich auch nicht jeden Tag hingehe, so doch fast jeden, um im Kaffeehaus nahe dem Haupteingang mein Bier zu trinken und meine Zeitung zu lesen.

Es ist nicht jedem begreiflich, dass ich ausgerechnet dort meine liebsten Stunden verbringe. Ich verlange nicht, dass man mich versteht. Der Geruch des Kranken, der andere abzustoßen pflegt, macht mir nichts aus. Im Gegenteil, ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dass es mir schwer fällt, um nicht zu sagen unmöglich ist, darauf zu verzichten. Ich gehe auch ausschließlich dort zur Bank, um das bisschen Geld zu verwalten, das mein Sohn mir zur Monatsmitte von seinem spärlichen Gehalt als Sozialpädagoge überlässt. Außerdem gibt es einen Supermarkt, ein Postamt, eine Blumenhandlung und sogar einen Frisör, alles im Umkreis weniger Quadratmeter, wie im Einkaufszentrum. Ich genieße die Vorzüge der Nahversorgung; die große Welt ist nichts für mich.

Ich führe ein unaufregendes Leben, und solange ich nicht daran gehindert werde, meinen Gewohnheiten, oder anders gesagt, meinen Zwängen nachzugehen, bin ich ein ausgeglichener Mensch. Doch eines Tages nach all den Jahren geschah etwas, das meine Lebensgewohnheiten, die wenigen, die mir geblieben sind, wüst durcheinanderwirbelte: Ich verschlief.

Es war weit nach zehn Uhr. Ich pflege in der Regel nicht später als acht, meistens halb acht aus dem Bett zu steigen, und nun stand ich vor dem Fenster meiner kleinen Küche und blickte verdrossen hinunter zum Eingang des Klinikcafés: Es ist zu spät, dachte ich, um diese Zeit kriegst du bestimmt keinen anständigen Platz. Und richtig, als ich nach einer Viertelstunde eintraf, waren alle Tische besetzt. Ich war enttäucht, und obgleich es mich nicht unvorbereitet traf, fühlte ich eine bittere Unruhe in mir aufkommen. Mein Plan für diesen Tag war dabei, sich in Luft aufzulösen; das machte mich nervös, ich hatte nur diesen.

Nach kurzer Zeit schaffte ich es jedoch, mich zu beruhigen, und während ich zum Ausgang schlenderte, überraschte mich eine Stimme, die sagte:

"Wenn du möchtest, kannst du dich zu mir setzen."

Es war Andrea, die beste Freundin meiner vor langer Zeit verstorbenen Frau. Ich war irritiert. Sie deutete auf den Platz ihr gegenüber. Ich zögerte, es war kein guter Tisch, er stand mitten im Raum, und ich lasse nur ungern fremde Blicke in meinem Rücken zu. Schließlich setzte ich mich. Sie war mir schon früher aufgefallen, ihr rechtes Bein war steif und verlangte nach einer Krücke, ich hatte es beobachtet, als sie das Lokal verließ, es mochte keine Woche her gewesen sein. Sie hatte jetzt rotes Haar, und ihre gesamte Erscheinung hatte sich stark gewandelt. Oder die Erinnerung trügt mich, das soll ja vorkommen.

"Du hast so bedauernswert ausgesehen", sagte sie.

"Dann willst du vielleicht mein Rettungsring sein?" sagte ich vorlaut, und ich kann mich nur wundern, woher ich den Mut dazu nahm. Sie fand das amüsant, und es war mir unangenehm, dass ihr kurzes, lautstarkes Lachen die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf uns lenkte. Es liegt mir nicht, im Mittelpunkt zu stehen, und ich merkte, wie ich buchstäblich immer kleiner wurde. Da ich mir aber im Klaren darüber war, wie absurd es auf sie wirken musste, dass ich mich nach langer Entschlussphase doch zu ihr gesetzt hatte, nur um mich daraufhin möglichst schnell unsichtbar zu machen, und weil das Schweigen, das sie, die ich doch redseliger in Erinnerung hatte, außerdem hatte sie knallrot gefärbtes Haar, sodass ich davon ausgegangen war, es würde ihr keine Mühe bereiten, aus sich herauszugehen ... Dies alles führte dazu, dass ich großen Druck verspürte, etwas zu sagen. Mir fiel nichts Besseres ein, als nach ihrem Bein zu fragen.

"Ich soll eine neue Hüfte bekommen", antwortete sie.

"Dann darf man ja gratulieren."

"Ah, du bist

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