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Nur in der Fremde fühle ich Fernweh oder Die grüne Bank am Deich von Schuett, Rolf Friedrich (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.04.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Nur in der Fremde fühle ich Fernweh

Ein alter und ein junger Mann reden über Gott und die Welt und die Seele, auch über Adalbert Stifter, einen der größten deutschsprachigen Schriftsteller. Und sie erinnern sich, der eine an sein längeres, der andere an sein kürzeres Leben - ein Leben in Bibliotheken und im Buch der Natur, nicht in Staat und Gesellschaft. Eines Tages kommt eine junge Frau dazu, das ist fast alles. "Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten und Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts" (Th. Fontane) in diesem ruhigen Roman, der die Idylle rehabilitieren will, die heute verrufenste aller Gattungen, zugleich eine der ältesten literarischen Gattungen. Nichts als die Kirche der Christen und das antike Arkadien der Bukoliker Theokrit und Vergil bis Geßner haben zweitausend Jahre überdauert, um dann im 20. Jahrhundert völlig verdammt und vergessen zu werden. Das ist die sozialkritische Provokation dieses Romans, ein noch unzeitgemäßes Plädoyer für Studierstubenhocker in kontemplativsten Elfenbeintürmen, nicht für komische Käuze im hektischen Koma der Taten und Untaten, Aktionen und anderen Beschäftigungstherapien moderner Um-und-dumm-Wühler. Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie. Systemanalytiker in der Atom- und Raumfahrtindustrie.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 300
    Erscheinungsdatum: 26.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783741217814
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 530kBytes
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Nur in der Fremde fühle ich Fernweh

Bernhard bat Herrn Friedrich Teste um Romantitel, deren Lektüre er besonders empfehlen könne. Der Ältere besann sich nicht lange, kramte in einem seiner Koffer und reichte ihm als erstes den dickleibigen "Nachsommer" von Adalbert Stifter mit den Worten: "Am besten im Vorfrühling zu lesen."

Damit war der Jüngere für einige lange Lesewochen wohlversorgt.

"Mein Vater war kein Kaufmann, sondern ein gekaufter Arbeitssklave. Er bewohnte die Dachmansarde in einer Mietskaserne, die dem Kaufmann Drendorf gehörte."

So könnte ein nachsommerlicher Roman der Jahrtausendwende beginnen.

"Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter", vor dem der junge mittelstandesbewußte Heinrich Drendorf bei seinem späteren adligen Mentor Risach Schutz sucht, "den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja, ich halte sie für kleiner", beginnen die "Bunten Steine". "So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes... Den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört,... halte ich nicht für größer, sondern für kleiner..."

"Eins ist es vor allem, was unsere Zeitgenossen vom "Nachsommer" trennt", sagte Herr Friedrich Teste und zitierte aus dem Roman: "Wem das nicht heilig ist, was ist, wie kann der Besseres schaffen, als was Gott geschaffen hat?"

"Der junge bürgerliche Held sucht Schutz vor einem Gewitter bei einem wetterkundigen Adligen, der weiß, daß es gar kein "prächtig einherziehendes Gewitter" geben wird. Blitzschlag und Donnerwetter, die gar nicht kommen, führen aber den Schüler zu seinem Lehrer. Der weise Greis, der gleichwohl weniger von Philosophen als von Möbelschreinern hält, fährt in keine Krisen und Konflikte ein, sondern in ein weiches Austro-Arkadien. Der Garten Eden entsteht hier durch Gartenbaukultur. Der moderne Leser, der lieber Vorfrühling als Nachsommer sucht, fällt auf die vermeintlich falsche Idylle aber wohl nicht herein. Er wittert versteckte Gewitter hinter allzu säuselnden Lüften, er sucht den mühsam unterdrückten Gefühlssturm hinter den verdächtig ruhig rieselnden Bächen, er kann die grünende Erde vom verwüstenden Erdbeben nicht trennen und sieht im glänzenden Himmelblau nur eine Fassade, die über unterirdische Vulkane hinwegtäuschen soll. Stifters schönes "Schimmern der Gestirne" ist nicht mehr Kants erhaben "gestirnter Himmel über uns", und das strenge "moralische Gesetz in uns" ist zum "ganzen Leben voll Gerechtigkeit" biedermeierlich ermäßigt, sagen wir. Haben wir damit Recht?"

Friedrich Teste goß sich eine neue Tasse vom grünen Tee ein.

"Wer Stifters "Nachsommer" liest, kann sich des Eindrucks kaum erwehren, daß hier in aller Seelenruhe eine Seite der Welt nur ans Licht gezogen werde, um ihre dunkle Kehrseite nicht erwähnen zu müssen. Ein naturalistisch gewitzter Leser von heute wird weder dem Autor noch seinem Helden mehr eine solche Spielart von Entwicklung zutrauen und abnehmen. Ein solcher Grad an harmonistischer Konfliktlosigkeit beim Hineinwachsen in eine Kultur erscheint uns heute einfach zu unglaubhaft, um keine versteckten Hintergedanken vermuten zu dürfen. Lassen wir einmal beiseite, daß der dort ausgebreitete Bildungskanon seltsam vorgestrig anmutet, von den Zeitläuften überholt, und wir können nicht einmal glauben, daß jemals irgendwo ein Erwachsenwerden so verlaufen sein soll oder auch nur als wünschenswert plakatiert worden sein könnte. Wir vermuten eine Ironie des Autors, wenn wir keine handwerkliche Schwäche unterstellen sollen. Die Welt des "Nachsommers" dünkt vielen von uns eher ein Alptraum als ein Wunschtraum, un

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