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Open City Roman von Cole, Teju (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Open City

Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks - und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit. Für seinen faszinierenden Roman über einen Flaneur des 21. Jahrhunderts ist Teju Cole international von Presse und Lesern gefeiert und mit Autoren wie Sebald, Camus oder Naipaul verglichen worden. Getragen vom Fluss seiner bewegenden, klaren Sprache, erzählt "Open City" eine Geschichte von Erinnerung, Entwurzelung und der erlösenden Kraft der Kunst.

Teju Cole, geboren 1975, wuchs in Nigeria auf und kam als Jugendlicher in die USA. Er ist als Kunsthistoriker, Schriftsteller und Fotograf tätig und hat eine Stelle als Distinguished Writer in Residence am Bard College inne. Teju Cole lebt in Brooklyn, New York.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 334
    Erscheinungsdatum: 17.09.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518789001
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Open City
    Größe: 3419 kBytes
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Open City

1

Als ich also im vergangenen Herbst begann, abendliche Streifzüge durch die Stadt zu unternehmen, erwies sich Morningside Heights als guter Ausgangspunkt. Der Weg, der ausgehend von der Cathedral of St. John the Divine den Morningside Park durchquert, führt in nur fünfzehn Minuten zum Central Park. In die andere Richtung, nach Westen, sind es ungefähr zehn Minuten zum Sakura Park, und wenn man sich von dort nach Norden wendet, immer am Hudson River entlang, der aber wegen des Straßenlärms jenseits der Bäume nicht zu hören ist, kommt man nach Harlem. Diese Spaziergänge, ein Kontrapunkt zu meinen geschäftigen Tagen im Krankenhaus, wurden länger und länger und führten mich von Mal zu Mal weiter fort. Oft fand ich mich spätabends in großer Entfernung von zu Hause wieder und war gezwungen, die U-Bahn zurück zu nehmen. So drang New York City zu Beginn des letzten Jahres meiner Facharztausbildung zum Psychiater im Schritttempo in mein Leben ein.

Kurz bevor ich meine ziellosen Wanderungen aufnahm, hatte ich mir angewöhnt, Zugvögel zu beobachten, und heute frage ich mich, ob zwischen beidem ein Zusammenhang bestand. An Tagen, an denen ich früh genug zu Hause war, blickte ich aus dem Fenster wie ein Augur, der den Himmel nach Zeichen absucht, und hoffte, das Wunder der natürlichen Immigration zu erleben. Jedes Mal, wenn ich Gänse erspähte, die in Formationen über den Himmel schossen, fragte ich mich, wie unser Leben hier unten wohl aus ihrer Perspektive aussah. Würden sie sich jemals solchen Überlegungen hingeben, dann müssten ihnen, stellte ich mir vor, die Wolkenkratzer als ein Wald dicht aneinandergedrängter Tannen erscheinen. Oft genug sah ich, wenn ich den Himmel absuchte, nur Regen oder den diffusen Kondensstreifen eines Flugzeugs, der das Bild im Fensterrahmen zerteilte, und dann zweifelte etwas in mir, ob diese Vögel mit ihren dunklen Flügeln und Hälsen, ihren blassen Körpern und unermüdlichen kleinen Herzen wirklich existierten. Sie waren so unglaublich, dass ich meiner Erinnerung kaum traute, wenn sie nicht da waren.

Gelegentlich flogen Tauben vorbei, auch Spatzen, Zaunkönige, Pirole, Tangare und Mauerschwalben, aber es war schwierig, anhand der winzigen und meist farblosen Flecken, die vereinzelt am Himmel vorüberzischten, die Vögel zu identifizieren. Manchmal, während ich auf die seltenen Gänsegeschwader wartete, hörte ich Radio. Normalerweise mied ich amerikanische Sender, die für meinen Geschmack zu viele Werbeunterbrechungen machten – Beethoven gefolgt von Skijacken oder Wagner nach Landkäse –, und suchte stattdessen nach Internetradiosendern aus Kanada, Deutschland oder den Niederlanden. Auch wenn ich die Ansager oft nicht verstand, weil meine Kenntnis ihrer Sprachen dürftig war, entsprach das Programm meiner Abendstimmung sehr genau. Da ich damals schon seit über vierzehn Jahren begeistert Klassikradio hörte, kannte ich einen Großteil der Musik, aber einiges war auch neu für mich. Es gab sogar seltene Momente des Staunens, zum Beispiel, als ich auf einem Hamburger Sender ein bezauberndes Stück für Orchester und Alt-Solo von Schtschedrin hörte (vielleicht war es auch von Ysaÿe), das ich bis zum heutigen Tag nicht habe zuordnen können.

Ich mochte das Murmeln der Ansager, ihre Stimmen, die aus Tausenden von Kilometern Entfernung gedämpft zu mir sprachen. Ich drehte die Computerlautsprecher leise und schaute hinaus, geborgen im Klang dieser Stimmen, und plötzlich lag der Gedanke an die Analogie zwischen mir in meinem kargen Apartment und dem Radiomoderator in seiner Studiozelle nahe, auch wenn dort, irgendwo in Europa, gerade tiefste Nacht herrschte. Jene k

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