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Pakete an Frau Blech Roman von Bauerdick, Rolf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.03.2015
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
eBook (ePUB)
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Pakete an Frau Blech

Gerade hat Maik Kleine seinen väterlichen Freund, den exzentrischen Zirkusdirektor Alberto Bellmonti, mit viel Pomp zu dessen letzter Ruhestätte begleitet, da tauchen verstörende Meldungen über eine angebliche Stasi-Vergangenheit des Toten auf. Zusammen mit Szymbo, dem Kapellmeister, und Albina, der schwebenden Jungfrau, begibt Maik sich auf eine abenteuerliche Spurensuche - nicht ahnend, dass er sich nun auch seiner eigenen Familiengeschichte stellen muss: der Wahrheit über die schreckliche Tragödie, die in jener eisigen Winternacht 1978/79 in Leipzig seine beiden Geschwister das Leben und seine Mutter die Freiheit kostete.
Ein lebenspraller, von unbändiger Erzähllust getriebener Roman, der uns vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Vergangenheit in Welten entführt, die unterschiedlicher kaum sein können: vom Jesuitenkolleg in die Zirkusmanege, vom Heidelberger Apothekenmuseum in eine Stasi-Giftküche in Leipzig, vom Fünfsternehotel in einen Budapester Hinterhof. Großherzig, unterhaltsam und raffiniert!

Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, lebt im Münsterland. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Theologie wurde er Journalist. Er hat Reportagereisen in rund sechzig Länder unternommen; seine Text- und Bildreportagen erscheinen in europäischen Tageszeitungen und Magazinen u.a. in Stern, Brigitte, Spiegel, GEO, Playboy und wurden vielfach preisgekrönt, u.a. mit dem Natali-Award (für Menschenrechtsjournalismus) der Europäischen Union und beim Hansel-Mieth-Preis. "Wie die Madonna auf den Mond kam", sein viel beachtetes Debüt, erschien 2009, wurde in zwölf Sprachen übersetzt und 2012 mit dem Europäischen Buchpreis in der Kategorie "Roman" ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 09.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641156329
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
    Größe: 1714 kBytes
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Pakete an Frau Blech

1

BELLMONTIS ASCHE
Berlin; Mittwoch, 15. August 2007

Als ich die polierte Urne sah, wie zum Triumph in das strahlende Blau des Berliner Himmels gereckt, wusste ich: Alberto Bellmonti war sich treu geblieben, im Tod noch und selbst darüber hinaus. Wie er gelebt hatte, so ließ er sich zu Grabe tragen, mit der letzten pompösen Geste eines früh gealterten und zu früh gestorbenen Grandseigneurs, der das Gespür für das rechte Maß verloren hatte. Lange vor seinem Ableben hatte er in Amerika eine Combo mit schwarzen Blechbläsern verpflichtet. Keine zweitklassigen Freizeittrompeter, eine professionelle Marching Band aus New Orleans vielmehr, Virtuosen auf der Klaviatur der Sentimentalität, die für eine großzügige Gage, bar bezahlt per Vorkasse, auf Abruf parat standen. Als der Ernstfall eintrat, waren die Musikanten mit Posaunen, Trommeln und Tuba in ein Flugzeug gestiegen und in Tegel gelandet, um ihren Part des Kontraktes zu erfüllen. Leichtfüßig swingend, doch getragenen Schrittes führten sie unseren Trauerzug an, in der flirrenden Hitze eines heißen Augusttages, geschlagene acht Stunden, quer durch das Herz der ehemaligen Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Den Wunsch des Verblichenen einlösend bliesen die Musiker unerbittlich und ohne Anzeichen von Ermüdung nichts anderes als den molltriefenden Trauerblues St. James Infirmary.

Hinter der Blaskapelle trottete ein Elefantenbulle. Auf seinem Rücken, in einer Thronsänfte mit Baldachin, saß ein junger Tierbändiger. In seiner Kostümierung mit Turban, Krummdolch und einem Diadem aus falschen Rubinen schaute er unpässlich drein wie ein aus dem Figurenkabinett entwichener Maharadscha. Seine Hände umklammerten eine Urne aus blankem Messing. Sie barg Bellmontis Asche. Eskortiert wurden Elefant und Urnenträger von sechs Kaskadeuren auf schwarzen Motorrädern. Sie gehörten zu den Devils of the Doom, einer ukrainischen Artistentruppe, Gladiatoren der Neuzeit, die bei ihren Höllenfahrten in einem runden Stahlkäfig Kopf und Kragen riskierten. Während der Beerdigung ließen sie ihre Maschinen nur auf untertouriger Drehzahl tuckern, weil bei röhrendem Vollgas der Elefant wütend wurde und mit seiner Trompeterei die Musiker aus dem Takt brachte.

Wir folgten dem Elefanten in gebührendem Abstand. Die Zahl der Trauergäste war respektabel, aber noch überschaubar. Auffällig in jedem Fall: Schrille Gestalten missbrauchten die Beisetzung als Bühne ihrer Selbstdarstellung. Jongleure und Einradfahrer, Flick-Flack-Schläger und Feuerspucker, die Bellmonti sicher nie persönlich begegnet waren, ließen jede Pietät vermissen. Eine exzentrische Tänzerin mit Handrasseln, wallendem Haar und wallendem Gewand wollte Passanten sogar hartnäckig zum Mitmachen animieren, um gemeinsam in einer Reigenkette der Banalität des Todes zu spotten.

Die geladenen Gäste indes hatten sich nach Berlin aufgemacht, um Alberto Bellmonti die letzte Ehre zu erweisen. Artisten und Akrobaten, Illusions- und Varietékünstler, Gönner und Freunde des Verstorbenen kondolierten einander. Die Patrone der achtbaren, teils erloschenen Zirkusdynastien Krone, Knie, Althoff, Renz, Castelli und Sarrasani, alle in Frack mit Fliege nebst Gattin, beklagten den schmerzenden Verlust. Einige Gesichter wusste ich noch mit Namen zu verbinden, wenige mit einem Gefühl der Vertrautheit. Istvan natürlich, von den Brüdern Lakatos, Schleuderbrettakrobaten aus Budapest. Den wahnwitzigen französischen Clown Jaco Trudeau. Die Flying Varadis, einst erstklassig am Trapez, nun sichtlich gealtert.

Unter den Trauernden beeindruckte die gelähmte Dagmar Heise, deren Unglück die Zirkuswelt noch immer bewegte. In Wien zum Auftakt unserer Vorstellung am Neujahrnachmittag 1992 musste sie bei einer riskanten Parforcerittnummer auf einen galoppierenden Hengst springen. In den Stand. Während sie anlief, warf ein unerfahrener Garçon de piste einen Blick in die Manege. Er hatte den Vor

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