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Paula von Allende, Isabel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.08.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Paula

"Hör mir zu, Paula, ich erzähle dir eine Geschichte, damit du nicht so verloren bist, wenn du wieder aufwachst." Das Unfaßbare geschah im Dezember 1991, als lsabel Allendes Tochter Paula plötzlich schwer erkrankte und kurz darauf ins Koma fiel. Eine heimtückische Stoffwechselkrankheit hatte die lebensfrohe junge Frau jäh niedergeworfen, im Herbst 1992 starb sie. Das Schicksal ihrer Tochter wurde für lsabel Allende zur schwersten Prüfung ihres Lebens. Um die Hoffnung nicht zu verlieren, schrieb sie, der Tochter zur Erinnerung um sich selbst zur Tröstung, "das Buch ihres Lebens - in doppelter Hinsieht" (Bayerischer Rundfunk), ihr persönlichstes und intimstes Buch "eine Hymne auf das Leben" (stern)

Isabel Allende, 1942 in Chile geboren, ging nach Pinochets Militärputsch 1973 ins Exil. Die Erinnerungen ihrer Familie, die untrennbar mit der Geschichte ihres Landes verwoben sind, verarbeitete sie in dem Weltbestseller Das Geisterhaus . Allende zählt zu den meistgelesenen Autorinnen weltweit, ihr gesamtes Werk erscheint auf Deutsch im Suhrkamp Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 488
    Erscheinungsdatum: 02.08.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518735152
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1507kBytes
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Paula

H ör mir zu, Paula, ich werde dir eine Geschichte erzählen, damit du, wenn du erwachst, nicht gar so verloren bist.

Die Familienlegende beginnt im Anfang des vorigen Jahrhunderts, als ein stämmiger baskischer Seemann an der Küste Chiles an Land ging, den Kopf voller hochfliegender Pläne, um den Hals das schützende Medaillon seiner Mutter – aber wozu so weit zurückgehen, es genügt zu wissen, daß er der Stammvater wurde eines Geschlechtes von kraftvollen Frauen und Männern mit festen Armen für die Arbeit und gefühlvollem Herzen. Einige Zornmütige darunter starben mit Schaum vor dem Mund, aber vielleicht war der Grund dafür nicht Wut, wie böse Zungen behaupteten, sondern eine umlaufende Seuche. Sie kauften fruchtbares Land in der Umgebung der Hauptstadt, das mit der Zeit an Wert gewann, sie wurden kultiviert, bauten Herrenhäuser mit Parks und Alleen, verheirateten ihre Töchter mit reichen alteingesessenen Spanierabkömmlingen, ließen ihre Kinder auf strengen Klosterschulen erziehen, und so wuchsen sie im Lauf der Jahre in eine stolze Gutsbesitzeraristokratie hinein, die über ein Jahrhundert im Lande tonangebend war, bis im Sturmwind der neuen Zeit Technokraten und Geschäftsleute die Führungsrolle übernahmen. Einer dieser Grundherren war mein Großvater.

Er stammte aus vornehmer Familie, aber sein Vater starb früh durch einen nie aufgeklärten Gewehrschuß. Die Einzelheiten dessen, was in dieser unseligen Nacht geschah, wurden vertuscht, vielleicht war es ein Duell, ein Racheakt oder ein Unfall aus Liebe, jedenfalls blieb seine Familie mittellos zurück, und weil mein Großvater der Älteste war, mußte er die Schule aufgeben und sich eine Stellung suchen, um für seine Mutter sorgen und seine jüngeren Geschwister auf Schulen schicken zu können. Lange Zeit später, als er ein vermögender Mann geworden war, vor dem die anderen den Hut zogen, bekannte er mir, die schlimmste Armut sei die, die man hinter Kragen und Krawatte verstecken müsse.

Er trat immer makellos gekleidet auf, in den Sachen seines Vaters, die für ihn passend gemacht worden waren, mit engen Kragen und die Anzüge wohlgebügelt, um den fadenscheinigen Stoff zu kaschieren. Diese Zeit der Entbehrungen festigte seinen Charakter, er glaubte, das Dasein sei nur Mühe und Arbeit und ein ehrbarer Mann könne nicht durch diese Welt gehen, ohne seinem Nächsten zu helfen. Schon damals hatte er diesen Ausdruck von Sammlung und Redlichkeit, die ihn kennzeichneten, er war aus dem gleichen felsharten Stoff wie seine Vorfahren, und wie viele von ihnen stand er mit den Füßen auf festem Boden, aber ein Teil seiner Seele entwischte immer wieder in den Abgrund seiner Träume.

Deshalb verliebte er sich auch in meine Großmutter, die Jüngste in einer Familie mit zwölf Geschwistern, alles exzentrische, köstliche Verrückte – wie Teresa, der am Ende ihres Lebens Heiligenflügel zu wachsen begannen, und als sie starb, vertrockneten in einer Nacht alle Rosensträucher im Japanischen Garten, oder wie Ambrosio, dieser fabelhafte Teufelskerl und Weiberheld, der sich in seinen großmütigen Augenblicken auf der Straße die Kleider auszog, um sie den Armen zu schenken. In meiner Kindheit hörte ich ständig Reden über die Gabe meiner Großmutter, die Zukunft vorherzusagen, Gedanken zu lesen, mit den Tieren zu sprechen und Gegenstände mit dem Blick zu bewegen. Es wurde erzählt, sie hätte einmal einen Billardtisch durch den Salon rutschen lassen, aber in Wirklichkeit war das einzige, was ich in ihrer Gegenwart sich bewegen sah, eine unbedeutende Zuckerdose, die zur Teestunde über den Tisch zu wandern pflegte. Diese Fähigkeiten weckte

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