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Porträt in Sepia Roman von Allende, Isabel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.07.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Porträt in Sepia

Aurora del Valle, aufgewachsen im pompösen Haus ihrer Großmutter, hat eine bewegte Kindheit und Jugend zwischen dem Europa der Belle Époque, Kalifornien und Chile hinter sich. Je mehr sie aber von der Welt kennenlernt, umso deutlicher wächst in ihr das Bedürfnis, aus eigener Kraft zu leben. Eine Kamera, die sie als Kind geschenkt bekommt, wird ihr zum Mittel der Suche nach ihrer persönlichen Wahrheit. Als sie auf einem Foto, das sie selbst gemacht hat, mit dem Verrat des Mannes konfrontiert wird, den sie liebt, entschließt sie sich, das Geheimnis ihrer Vergangenheit zu erforschen.

Isabel Allende, 1942 in Chile geboren, ging nach Pinochets Militärputsch 1973 ins Exil. Die Erinnerungen ihrer Familie, die untrennbar mit der Geschichte ihres Landes verwoben sind, verarbeitete sie in dem Weltbestseller Das Geisterhaus . Allende zählt zu den meistgelesenen Autorinnen weltweit, ihr gesamtes Werk erscheint auf Deutsch im Suhrkamp Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 582
    Erscheinungsdatum: 06.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518743591
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Retrato in Sepia
    Größe: 4966kBytes
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Porträt in Sepia

Zweiter Teil

1880-1896

Es gibt ein Foto von mir, auf dem bin ich drei oder vier Jahre alt, das einzige aus jener Zeit, das die Wechselfälle des Schicksals und den Beschluß Paulinas, meine Herkunft zu verwischen, überlebt hat. Es ist ein abgegriffenes Stück Pappe in einem Reiserahmen, einem dieser alten Etuis aus Samt und Metall, die noch vor wenigen Jahrzehnten so modern waren und die heute niemand mehr benutzt. Auf dem Foto sieht man ein sehr kleines Wesen, zurechtgemacht wie eine chinesische Braut mit einer langen Tunika aus besticktem Satin und darunter einer Hose in einem anderen Ton; an den Füßen trägt es feine, auf weißen Filz gearbeitete Pantöffelchen, geschützt durch dünne Holzsohlen; das dunkle Haar ist zu einem für sein Alter zu großen Knoten aufgebauscht und wird von zwei dicken Nadeln aus Gold oder Silber gehalten, die eine kurze Blumengirlande verbindet. Das kleine Mädchen hat einen geöffneten Fächer in der Hand, und es könnte sein, daß es lacht, aber man kann die Gesichtszüge kaum erkennen, das Gesicht ist nur ein heller Mond und die Augen zwei schwarze Fleckchen. Hinter der Kleinen erkennt man das gewaltige Haupt eines Papierdrachen und die flimmernden Funken eines Feuerwerks. Das Foto wurde während der Feier zum chinesischen Neujahrsfest in San Francisco aufgenommen. Ich erinnere mich nicht daran und erkenne nicht das Kind auf diesem einzigen Bild.

Meine Mutter Lynn Sommers dagegen erscheint auf verschiedenen Fotos, die ich beharrlich und dank guter Verbindungen vor dem Vergessen gerettet habe. Vor einigen Jahren lernte ich in San Francisco meinen Onkel Lucky kennen und machte mich daran, alte Buchhandlungen und Fotoateliers zu durchforsten und nach Kalendern und Postkarten zu suchen, für die sie Modell gestanden hatte; hin und wieder bekomme ich heute noch welche geschickt, wenn Onkel Lucky sie irgendwo auftreibt. Meine Mutter war sehr hübsch, das ist alles, was ich über sie sagen kann, denn auch sie erkenne ich auf diesen Bildern nicht. Natürlich erinnere ich mich nicht an sie, schließlich starb sie, als ich geboren wurde, aber das Mädchen auf den Kalendern ist eine Fremde, ich habe nichts von ihr, es gelingt mir nicht, sie als meine Mutter zu sehen, nur als ein Spiel von Licht und Schatten auf dem Papier. Sie sieht auch nicht aus, als wäre sie die Schwester von Onkel Lucky, er ist ein kurzbeiniger, großköpfiger Chinese, sieht recht gewöhnlich aus, ist aber ein sehr guter Bursche. Ich ähnele mehr meinem Vater, habe seinen spanischen Typ geerbt; von der Rasse meines ungewöhnlichen Großvaters Tao Chi'en habe ich leider nur sehr wenig mitgekriegt. Wenn die Erinnerung an diesen Großvater nicht die klarste und dauerhafteste meines Lebens wäre, meine älteste Liebe, an der alle Männer scheitern, die ich gekannt habe, weil keiner von ihnen ihm gleichzukommen vermochte - ich würde nicht glauben, daß ich chinesisches Blut in den Adern habe. Tao Chi'en lebt immer in mir. Ich kann ihn vor mir sehen, hochgewachsen, würdevoll, immer untadelig gekleidet, grauhaarig, runde Brille und ein Blick voll grenzenloser Güte in seinen mandelförmigen Augen. Wenn ich sein Bild heraufbeschwöre, lächelt er immer, bisweilen höre ich ihn, wie er mir auf chinesisch etwas vorsingt. Er umgibt mich, begleitet mich, leitet mich, und das sollte, so wünschte er es von ihr, auch meine Großmutter nach seinem Tode tun. Es gibt eine Daguerreotypie von diesen beiden Großeltern aus der Zeit, als sie noch jung und noch nicht miteinander verheiratet waren: Sie sitzt auf einem Stuhl mit hoher Lehne, und er steht hinter ihr, beide nach dem amerikanischen Brauch von damals gekleidet, und sie blicken mit einem Hauch von Furcht frontal in die Kamera. Dieses Bild, das ich endlich aufspüren konnte, steht auf meinem Nachttisch und ist das letzte, was ich jeden Abend sehe, bevor ich das Licht lösche, aber ich hätte es gern in me

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