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Riß durchs Festland Roman von Pörksen, Uwe (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.10.2013
  • Verlag: Boyens Buchverlag
eBook (ePUB)
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Riß durchs Festland

Es ist die Momentaufnahme einer Idylle - und gleichzeitig der letzte Akt eines Dramas, das von Nationalismus und Feindschaft, von kleinen und großen Kriegen, von Ressentiments, Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit gezeichnet ist. Nur ein einziges Foto hat sich erhalten. Es zeigt drei Paare der weit verzweigten Pastorenfamilie Prahl beim Verlassen der Nicolaikirche in Eckernförde. Sie feiern an diesem Tag gemeinsam die goldene, die silberne und die grüne Hochzeit. Es ist ein rauschendes, ein auf den ersten Blick ganz und gar privates, unbeschwertes Fest, das da am 31. August des Jahres 1930 stattfindet. Und doch wird in ihrer Vorgeschichte im Mikrokosmos des Privaten und in dem Geflecht der Stimmen und Schicksale, der vielen Familienerüberlieferungen und Dokumente ein Panorama der Landes- und Zeitgeschichte erfahrbar. Die Auseinandersetzungen und Grenzlandkämpfe zwischen Dänen und Deutschen, das Erwachen des Nationalismus, die Verfolgung national Andersgläubiger, die Toten der fünf Kriege - dies sind, so zeigt der detailgenaue Blick des Schriftstellers Uwe Pörksen, die Signaturen einer Epoche, die das Leben der Feiernden geprägt hat und bis zu ihrer letzten Stunde prägen wird. Der Freiburger Germanist und Schriftsteller Uwe Pörksen - selbst in Schleswig-Holstein aufgewachsen - erzählt in diesem dokumentarischen Roman die Geschichte eines Festes und die Geschichte eines Landes. Uwe Pörksen, geboren 1935 in Breklum bei Husum geboren, lebt seit 1968 in Freiburg, wo er von 1976 bis 2000 als Universitätsprofessor für Deutsche Sprache und Ältere deutsche Literatur gearbeitet hat. In den frühen siebziger Jahren begannen literarische und essayistische Veröffentlichungen. 1979 erschien sein Roman 'Weißer Jahrgang', der ein Bild der Skeptischen Generation der 50er und frühen 60er Jahre vermittelt.In den achtziger Jahren erschienen Erzählungen, darunter ein Kurzroman 'Die Missunder Uhr', der den 68er Aufstand in einem Schleswig-Holsteinischen Landerziehungsheim spiegelt, 1991 'Schauinsland', der Roman einer politisch lebendigen Stadt, Freiburgs. Von seinen Essays sind die Bücher 'Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur', 'Weltmarkt der Bilder. Eine Philosophie der Visiotype' und 'Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede' bekannt geworden. Uwe Pörksen ist Mitglied der Darmstädter und der Mainzer Akademie, des PEN Club und der Nationalakademie Leopoldina. Die Darmstädter Akademie zeichnete seine Antwort auf die Preisfrage 'Spricht die Jugend eine andere Sprache?' aus; er erhielt den Hermann-Hesse-Preis der Stadt Karlsruhe und den Sprachpreis der Henning-Kaufmann-Stiftung.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 512
    Erscheinungsdatum: 01.10.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783804230064
    Verlag: Boyens Buchverlag
    Größe: 2041 kBytes
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Riß durchs Festland

Vorspiel
Es gibt nur das eine Foto
31. August 1930. 15 Uhr. Ein grauer Himmel über Eckernförde, leichter West Nord West. Vor dem Haus der Kieler Straße 73 hat ein Fotograf seine Voigtländer postiert, haben sich ein paar Gäste und Neugierige versammelt, steht an der Seite Schwester Emma Schlotter mit dreißig sonntäglich gekleideten Vorschülern.
Gold, Silber, Grün. Lornsens großer Familientag.
Gold zuerst. In der Reihenfolge, wie Menschenkinder über den Erdball wandern, kommen die drei Paare die Eingangstreppe herab. Bleiben stehen. Die beiden Alten auf der unteren Stufe halten nahe dem Rand. Der Wind drückt der Goldenen Braut den Schleier, als sie aus dem Schutz des Eingangs herausgetreten ist, an die rechte Wange und Schulter, ein goldener Myrtenblätterkranz auf ihrem Haar hält ihn fest, während er sich zur Seite des Bräutigams hinüber luftig bauscht. Aber Prahl! Hans Schlaikier Prahl ist eine Wucht, eine raumfüllende Erscheinung. Die Hände hat er auf dem Rücken wie stets, der Bauch wölbt sich vor dem geöffneten schwarzen Gehrock, als wolle er heute der Uhrkette besondere Gelegenheit geben, sich zur Geltung zu bringen. Am Revers trägt er sein goldenes Myrtengesteck, darunter zwei Ordenskreuze am Band. Ist der Danebrog dabei? Das große musikalische Ohr. In den zwei aus Tränensäcken und Brauen gebildeten dunklen Kreisen die halbgeöffneten Augen. Was hat er? Ist Herr Bartsch schuld, der unter einem Tuch verborgen den Blick auf seine graue Glasscheibe richtet, die herabgestiegenen Paare mit ausladenden Armen und launigen Worten dirigiert und postiert? Jetzt bittet er Prahls Frau, eine Stufe höher zu steigen: "damit Sie Ihrem Herrn Gemahl bis an die Schulter reichen. Und Frau Propst Lornsen bitte auch eine Stufe höher." Prahl sieht nicht zu dieser bemühten Person und den vergnügten Zuschauern herüber, sondern vor sich hin auf die Pflasterstraße in Richtung St. Nicolai, vielleicht auch ein wenig weiter.
An seiner Seite die Frau, von der nie gesprochen wird. Gönke Helene Prahl, geborene Hokkerup-Lorenzen. Klein, zusammengefaßt und fest steht sie da, eine feine ländliche Madonna, sieht in sich hinein und zurück. Sie hat den weißen Schleier über den rechten Arm gelegt und hält ihn mit ihrem Strauß fest, wartet, drängt nirgendhin. Ein Bild der Innigkeit. Ganz in Schwarz, wie immer seit 1916 und 1917, aber in einem schneeweiß gestärkten Kragen und Brustlatz. Die Haut dieser Gebärerin und Erzieherin von neun Kindern hat keine Runzel, ist glatt und schier. Und sie steht so gerade, daß die Kante des in rechteckigen Quadern aufsteigenden Eingangsportals sich unter ihrer hellen Stirn exakt in der Linie ihres Nasenrückens fortsetzt.
Unter Prahls Schuhspitze, die etwas von dem grauen Himmel spiegelt, liegt eine Blüte, die aus der Girlandenmitte über der Tür heruntergefallen ist. Kein sehr gemütliches Wetter, es stimmt nicht ganz zum Folgenden. Emma Schlotter tritt vor die feuchten Münder ihrer Vorschüler und gibt mit eckigen Ellenbogen den Einsatz. Die Diakonisse, kleine Haube, hat das Lied seit dem Frühjahr mit allen fünfzehn Strophen eingeübt, bis es zum Ohrwurm wurde, und jetzt singen die Kleinen es mit viel Schißlaweng: ,Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben.'
Der Mann unter der Voigtländer taucht auf und bittet die Dirigentin, indem er die Hand auf den Mund legt und zwischen Daumen und Zeigefinger einen kleinen Zwischenraum läßt, um kurze Unterbrechung. Schwester Emma läßt weitersingen bis

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