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Ruth von Andreas-Salomé, Lou (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.04.2016
  • Verlag: Nexx
eBook (ePUB)
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Ruth

Ruth ist die Geschichte einer jungen Waisen, die zu Beginn bei nahen Verwandten lebt. Mit zarten sechzehn Jahren erregt sie das Interesse des Lehrers Erik, der sie bei sich zuhause aufnimmt und sich in sie verliebt. Die emotional erzählte Geschichte soll biografische Züge haben und gilt als das wichtigste Werk der Schriftstellerin. Lou Andreas-Salomé (1861-1937) war eine weitgereiste Schriftstellerin, Erzählerin, Essayistin und Psychoanalytikerin aus russisch-deutscher Familie mit hugenottischen Vorfahren. Sie war mit Nietzsche befreundet und lebte später mit Rilke zusammen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 05.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783958705586
    Verlag: Nexx
    Größe: 497 kBytes
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Ruth

2. Kapitel

Erik saß bei Ruths Onkel und Tante im Empfangssalon, hielt Hut und Handschuhe auf den Knien und blickte nachdenklich darauf nieder, während er dem Gespräch der beiden zuhörte.

"Ich finde, mit deiner Reise stimmt es gut zusammen, Mathilde," sagte der Onkel jetzt, "denn während du mit Liuba in Wiesbaden bist, ist Ruth grade so ganz unbeaufsichtigt hier. Ich weiß ohne dies nicht, was die Kleine mit den langen Ferien anfangen soll, da in diesem Jahr die meisten Bekannten nicht aufs Land, sondern ins Ausland gehen."

Erik besaß ein scharfes Auge für die Außenseite von Menschen und wurde stark durch sie beeinflusst. Der Onkel mit seinem aschblonden, schon etwas graugemischten Haar und Bart, mit den schmächtigen Schultern seiner elegant gebauten Gestalt und den frauenhaft feinen Händen gefiel ihm recht gut. In Ton und Haltung erinnerte er ein wenig an Ruth. Dagegen empfand Erik gegen die Tante eine ausgesprochene Antipathie.

"Solche Besuche bei allerlei Bekannten auf dem Lande wären auch jetzt durch aus keine geeignete Beschäftigung für Ruth," bemerkte er aufblickend; "sie muss zu tun haben, - wirkliche Arbeit und Anstrengung muss sie haben. Selbst körperliche oder geistige Überanstrengung wäre noch besser als Mangel an Beschäftigung. In diesen Jahren braucht man starke Nahrung, und Ruth braucht sie am meisten."

"Siehst du; was sage ich immer?" fiel die Tante ein, und nickte ihrem Mann bedeutsam zu; "ich sage immer: man lässt sie viel zu viel gewähren. Aber du hast das immer am bequemsten gefunden."

"Lieber Gott! was wolltest du denn auch mit solchem kleinen Frauenzimmer anfangen," versetzte der Onkel begütigend, "man konnte sie doch nicht etwa anstellen, Stuben zu scheuern?"

"Nein, weißt du, lieber Louis! das brauchst du nur wirklich nicht vorzuhalten, - es ist ja grade, als ob ich Ruth Dinge verrichten ließe, die sich nur für den niedrigsten Dienstboten schicken!" sagte seine Frau, die scherzende Übertreibung unerbittlich ernst nehmend, "aber sich ein wenig im Häuslichen umsehen, - das hätte Ruth ganz wohl können. Liuba wird ja auch dazu angehalten. Es ist doch nun einmal der Beruf der Frau."

Erik betrachtete mit schlecht verhehltem Spott in den Augen die große, stattliche Erscheinung der Tante, für deren ganzes Wesen ihm charakteristisch erschien, dass die gewohnten guten Formen des äußern Benehmens einen gewissen Mangel an natürlicher Grazie nicht zu verdecken vermochten.

"Was das anbetrifft," unterbrach er sie ungeduldig, "so brauchen Sie sich dieser Versäumnis wegen nicht weiter anzuklagen. In einem so von allen Seiten bedienten Hause bleibt die sogenannte 'häusliche Hilfe', bestehe sie nun im Blumenbegießen oder Kaffeekochen, im besten Fall eine gleichgültige Spielerei, - im schlimmeren Fall weckt sie die Einbildung, man habe etwas geleistet. Dagegen hätt' ich gegen das Stubenscheuern nicht viel einzuwenden."

Der Onkel lachte erfreut auf. "Jetzt haben Sie es aber mit meiner Frau gründlich verdorben!" drohte er scherzend, "aber ich muss bekennen, dass ich gar nicht begreife, warum Sie alle beide so versessen drauf sind, Ruth ins Joch zu spannen. Natürlich hab' ich nicht das Geringste gegen den Unterricht, den Sie vorhin als wünschenswert vorschlugen, - im Gegenteil, es freut mich für die Kleine. Aber ich möchte Sie doch bitten, das mit dem Stubenscheuern auch nicht einmal symbolisch auszuführen. Nicht ins Geistige zu übertragen. Machen Sie es nur nicht zu ernsthaft. Ruth ist es so gewohnt, umherzulaufen und in ihrer Faulheit vergnügt zu sein."

"Ich glaube, Sie täuschen sich," entgegnete Erik in bestimmtem Ton. "Ruth ist weder faul noch vergnügt. Sie ist es gewohnt, sich in einem selbstgemachten Traumdasein vollständig zu erschöpfen. Sie ist dadurch zum Teil ihrem Alter vorausg

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