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Sandberg Roman von Bator, Joanna (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.12.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Sandberg

Auf dem Sandberg, einer Siedlung am Rande einer polnischen Kleinstadt regieren die Frauen. Sie träumen von einem Schwiegersohn aus Castrop-Rauxel, denn wenn sie selbst schon nicht das große Los gezogen haben, sollen wenigstens ihre Töchter glücklich werden. Aber die haben eigene Vorstellungen von Glück ... Joanna Bator erzählt von den Träumen, Ängsten und Hoffnungen einer von Krieg und Flucht traumatisierten Generation und von der Rebellion und Freiheitssehnsucht ihrer Kinder.

Joanna Bator, 1968 geboren, publizierte in wichtigen polnischen Zeitungen und Zeitschriften und forschte mehrere Jahre lang in Japan. Die deutsche Übersetzung ihres Romans Sandberg durch Esther Kinsky war ein literarisches Ereignis. Seither gilt Joanna Bator als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Literatur. Für Dunkel, fast Nacht (2012) wurde sie mit dem NIKE, dem wichtigsten Literaturpreis Polens, ausgezeichnet. Joanna Bator ist Hochschuldozentin und lebt in Japan und Polen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 492
    Erscheinungsdatum: 10.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518793305
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Piaskowa Góra
    Größe: 1715kBytes
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Sandberg

1 Unter dem Boden von Wa?brzych ist Kohle, und oben drauf Sand, und Menschen, die es aus der weiten Welt hierher, an die Stelle der Vertriebenen verschlagen hat. In den einstmals deutschen Häusern wandern die Bücher mit Frakturschrift zum Feuermachen in den Ofen. Der Schneider, der nicht im geringsten einem polnischen krawiec gleicht, fliegt zum Fenster hinaus, das Wasser verwandelt sich beim Kochen in woda . Durch die Adolf-Hitler-Straße, die inzwischen Wladimir-Lenin-Straße heißt, drängen sich die Fuhrwerke, werden Koffer geschleift, Kinder, Hunde und Greisinnen in geblümten Kopftüchern weitergezerrt. Der erste Schub kommt gleich nach dem Krieg und stinkt noch nach Pulverdampf. Hitler kaputt! schreien die Halbwüchsigen den letzten Deutschen und denen, die so aussehen, entgegen. Andere Ausländer stellen noch keine Bedrohung dar, weil vorläufig noch keiner hier zu Hause ist. Man fängt erst an einzuteilen: wer Gold hat und wer keines, wer mit Gott ist und wer gegen ihn, den einen und einzigen, der das auch bleiben soll. Die Ankömmlinge werfen ihr Gepäck ab und hauen, eins, zwei, drei, Stöcke in die Erde. Hier zimmern sie was aus Brettern, Pappe und Planen, dort stecken sie sich ein Stück Land ab für Kartoffeln und Karotten, zäunen es mit Schnur ein und nageln es zu, das ist jetzt ihres, und soll sich bloß keiner unterstehen. Sie rüsten sich mit Knüppeln aus und mit Schimpfwörtern, wenn ihnen einer dumm kommt, dann setzt es aber was!

Die wiedergewonnenen Gebiete von Wa?brzych wecken vor allem in jenen Hoffnung, die nie was Eigenes gehabt haben. Sie sind von nirgends her, aber sie wollen es zu etwas bringen, um von woher zu sein. Zuerst nehmen sie die alten, ehemals deutschen Häuser in Besitz, doch schon bald reichen die nicht mehr aus. Zwanzig Jahre nach dem Krieg schließt sich um die alten Stadtteile von Wa?brzych, die wohl jede "Ordnung", nicht jedoch einen gewissen Charme eingebüßt haben, ein Betonring neuer, in aller Eile für die Neuankömmlinge errichteter Siedlungen. Auf dem Sandberg werden an die Dreißigtausend Platz finden, alle schön in die einheitlichen Fächer der Hausschachteln gestopft. Zu den Neuankömmlingen gehört auch Jadzia Ma?lak. Sie hat stachelbeergrüne Augen, die von der langen Reise müde sind, einen Pappkoffer, einen Korb mit Eiern vom Dorf und einen Mantel mit zweierlei Ärmeln. In der Menge nimmt man sie kaum wahr, denn viele Frauen sehen so ähnlich aus wie sie.

Mit Jadzia Ma?laks Augen betrachtet ist Wa?brzych eine große Stadt. Der Bahnhof, an dem sie angekommen ist, heißt beispielsweise Stadtbahnhof, außerdem gibt es noch den Hauptbahnhof und die Bahnhöfe Fabryczny und Szczawienko. Weder Jadzias Mutter, Zofia Ma?lak, noch ihre Großmutter Jadwiga Str?k haben was von der Welt gesehen, höchstens sind sie mal in Skierniewice auf dem Markt oder auf Pilgerfahrt in Tschenstochau gewesen, und Jadwiga wird auch mit Sicherheit nichts mehr von der Welt sehen, denn sie liegt im gelben Sand begraben auf immer und ewig Amen. Von Wa?brzych haben sie nie etwas gehört, denn Wa?brzych hat es bis vor kurzem noch gar nicht gegeben, kein einziger Zug ist dorthin gefahren, aus Zalesie jedenfalls ganz bestimmt nicht. Durch Zalesie donnern die Schnellzüge, und bevor sich das Dorf noch in den Zugfenstern spiegeln kann, sind sie schon vorbei.

Jadzias Mutter sagte immer, die Teufel würden unartige Kinder im Zug in die Hölle fahren. Tateram-taram! machte sie das Geräusch des Zuges nach; tateram-taram! Züge voll mit schmutzigen Kindern, tateram-taram durch die zu einem Rohr zusammengelegten Hände. Zofias Teufel stanken nach verbranntem Fleisch und hatten wulstige Lippen, die immer feucht waren. Wulstig wie bei den s

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