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Santa Rita Roman von Wieringa, Tommy (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.08.2019
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
16,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 19.08.2019 per Download lieferbar

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Santa Rita

Stadt, Land, Schluss. Zeit seines Lebens hat Paul Krüzen mit seinem Vater auf dem Hof an der deutsch-niederländischen Grenze gewohnt. Seinen Handel hat er nach und nach von Trödel auf Militaria umgestellt und verdient auch an den Neonazis. Als sein einziger Freund Hedwiges eines Nachts in seinem Haus brutal zusammengeschlagen und ausgeraubt wird, hat Paul sofort den Besitzer des Bordells jenseits der Grenze im Verdacht. Tommy Wieringas mitreißender Roman zeichnet das Schicksal der Verlierer in den abgehängten Gebieten mit großer Empathie nach: Was der jahrzehntelange Stillstand aus den Menschen macht und wie Angst und Zweifel plötzlich in Wut und Hass umschlagen. Tommy Wieringa, 1967 geboren, ist einer der erfolgreichsten niederländischen Schriftsteller. Er schreibt Romane, Erzählungen, Essays und Reisereportagen. Bei Hanser erschienen Joe Speedboat (Keine Zeit für Helden - Roman, 2006), Der verlorene Sohn (Roman, 2010), Eine schöne junge Frau (Roman, 2015), Niemandes Herr, niemandes Knecht (Hanser-Box, 2015) und Dies sind die Namen (Roman, 2016). Für Santa Rita (erscheint im Herbst 2019) erhielt er den BookSpot Literaturpreis sowohl in der Kategorie der Kritiker als auch der Leser.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 19.08.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446264960
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Originaltitel: De heilige Rita
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Santa Rita

1

Paul Krüzen spuckte in die Hände, packte den Griff und hob die Axt über den Kopf. Das Holzstück auf dem Hackklotz spaltete sich, zersplitterte aber nicht. Vögel, die in den Bäumen Schutz vor der Nacht gesucht hatten, flüchteten sich in die Dämmerung. Wild zwitschernde Amseln schossen durchs Unterholz. Paul ließ die Axt erneut niedersausen, wieder und wieder, bis das Stück Eiche entzweibrach. Danach wurde es einfacher. Die Stücke stoben nur so herum. Holzschnipsel überall, Lichtflecken auf dem Waldboden. Die Axt die Arbeit machen lassen, so hatte er es vor langer Zeit von seinem Vater gelernt, doch ihm machte es Spaß, Kraft auszuüben.

Ein paar blasse Sterne zeigten sich am Himmel. Viel weiter unten, auf der Lichtung im Wald, schwenkte der Dämon seine Axt. Er ließ sie knallen wie eine Peitsche. Holzscheite wirbelten durch die Luft. Die Buchen ringsum, kräftig und glatt wie Jungenarme, erschauderten von der Gewalt.

Das war sein Leben, er legte Holz hin und spaltete es. Das Hemd klebte ihm am Körper. Stiche im unteren Rücken. Jeder Hieb ein Treffer. Das tat er schon sehr lange, alles mit wohlüberlegter, beherrschter Eile. Der Schweiß, die Schmerzen mussten sein.

Er fuhr sich mit dem Deoroller über die Achseln und schlüpfte in ein frisch gewaschenes kariertes Hemd. "Ich mach los", sagte er zu seinem Vater, der im Lampenlicht las.

Der Abend war kühl, ein Hauch von Staudensellerie lag über dem Gras. Er fuhr mit offenem Fenster ins Dorf. Drei hohe Bremsschwellen gab es an der Straße. Schwellen und Kreisel sind ein Zeichen für Fortschritt, für eine erhöhte Lebensgeschwindigkeit, die ausgebremst werden muss, auch in Mariënveen, wo sich am Wochenende ab und zu junge Kerle totfuhren. Alle paar Jahre saß Paul dann kerzengerade im Bett von dem Schlag, den Sirenen und dem Jaulen der Kettensäge kurz darauf; der gespenstische Widerschein auf den Eichen in der Kurve. Am nächsten Morgen sah er dann, dass wieder mal einer was von der Rinde abgenagt hatte. In den letzten Jahren stellten die Angehörigen manchmal Blumen und Fotos auf.

Paul hielt vor Hedwiges Geerdinks Haus. Er klingelte und setzte sich wieder ins Auto, ließ die Tür offen. Er hatte keine Gedanken. Anfang Juni, der letzte Rest Licht am westlichen Horizont. Dann setzte sich Hedwiges neben ihn. "Guten Abend alle Mann", sagte er mit seiner hohen Stimme. Zwei Stimmen hatte sein Freund, man wusste nie, welche es werden würde: seine hohe Piepsstimme oder die tiefe, heisere Bruststimme. Wer es zum ersten Mal hörte, für den zerfiel er schlagartig in zwei Menschen: den hohen Hedwiges und den tiefen Hedwiges. Bakkers Hedwig, wie er im Dorf genannt wurde. Mäuschen Piep.

Paul zog die Beine ein, schlug die Tür zu und fuhr ins Dorf.

Bei Shu Dynasty, ehemals Bar-Feestzaal Kottink, stand Laurens Steggink mit einem Unbekannten am Billardtisch.

"Männer", grüßte er.

Paul setzte sich ans Kopfende der Theke in die holzverkleidete Nische. Er hatte gern Rückendeckung, wie ein Cowboy, damit er alle sah, die reinkamen. Hedwiges setzte sich auf den Barhocker neben ihm. Das Radio stand zwischen zwei Sendern, auf Rauschwellen erklang Die Sonne geht unter in Texas.

Mama Shu sagte "Hallo, Paul" und "hallo, Hedwig" und stellte eine Flasche Grolsch vor Paul und ein Glas Cola vor Hedwiges. Der Piratensender bedankte sich bei Imbissbuden, Lohnunternehmen, Sägewerken und Abrissfirmen für ihre Unterstützung. Paul wusste, wo er untergebracht war, in einer Scheune hinten beim Tien Ellenweg; manchmal war das dumpfe Bassdröhnen im weiten Umkreis zu hören.

Steggink beugte sich vor und spähte am Queue entlang. Er ließ sich Zeit. Er spielte gut Billard. Im Wehrdienst gelernt, in den langen, leeren Stunden im Mannschaftsheim in Seedorf.

Paul Krüzen war mit Hedwiges Geerdink und Laurens Steggink in eine Klasse gegangen.

Einmal hatten Steggink und er sich im Wald einen Unterschl

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