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Schattenfrauen Roman von Solf, Reinhild (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.03.2012
  • Verlag: LangenMüller
eBook (ePUB)
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Schattenfrauen

Selten wurde das Schicksal von Frauen in der DDR so eindringlich und authentisch geschildert wie in dieser Geschichte von sieben Frauen. Sie treffen sich 2009 auf dem gleichen Campingplatz an der Ostsee, auf dem sie vor Jahrzehnten in einem Ferienlager der FDJ zelteten. Seitdem waren einige in den Westen gegangen, die anderen in der DDR geblieben. Die Vergangenheit holt sie während dieses Treffens ein, denn eine unter ihnen hat die anderen verraten, ausspioniert und ins Gefängnis gebracht. Am Ende wird ein Mord geschehen, und es gibt keine Ausreden mehr. Hart, emotional, packend. Reinhild Solf, 1941 in Haldensleben geboren, besuchte die Max-Reinhardt-Schule für Schauspiel in Berlin. Nach Stationen in Hannover, Lübeck und Berlin war sie von 1983 bis 1989 im Ensemble des Schauspielhauses Zürich, dann am Stadttheater Basel. Sie trat in zahlreichen Fernsehrollen auf, so im ZDF-Vierteiler 'Wallenstein' und in der Verfilmung der 'Buddenbrooks'. Reinhild Solf lebt mit ihrem Mann, dem Regisseur Hans Hollmann, in Basel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 29.03.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783784481005
    Verlag: LangenMüller
    Größe: 862 kBytes
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Schattenfrauen

1

F ünfundvierzig Jahre später stehe ich wieder hier, du Ostsee! Ich bin mehr geworden und du weniger. Die vielen schmachtenden Erinnerungen an dich haben dich abgezehrt, aber du hast jedem Vergleich standgehalten, mit dem Roten Meer, der Nordsee, dem Mittelmeer und dem Indischen Ozean.

So wie die Toscana auch nur fast so schön ist wie die Magdeburger Börde.

Heimat. Heimat. Mein Auge ist trüb, mein Blick ist nicht mehr scharf, ohne Brille bist du ein Möwenteich. Mit Brille bist du, wie du warst vor fünfundvierzig Jahren, mein erstes Universum.

Wieder, wie vor fünfundvierzig Jahren, gare ich vor mich hin, wieder werde ich schroff gestört, wieder ist es Helga Sperber: Mänsch, Liese, komm schnell, die Waiba spieln varüggt!

Da sind sie schon, die Waiba.

... hier war es!

... nein, hier, ich habe mir die Kiefer gemerkt, sie sah aus wie eine Schlange, da steht sie noch, nach fünfundvierzig Jahren! Mein Gott!

... nein, dort auf dem Hügel! Wenn ich morgens das Zelt aufgeschnürt hatte, sah ich den dicken Brodner...

... Mänsch, unsern Lagerleiter, ja ...

... im zu engen Blauhemd pinkelnd an eine Kiefer gelehnt. Ich konnte es nicht fassen, dass er auch nachts das Blauhemd anhatte ...

.... nein, nein, unser Zelt war hier, wo ich jetzt stehe, hier auf dem kleinen Hügel ...

Rotraut Spindler sagt das, setzt sich und singt: Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!

Moni Hille rudert mit den Armen, sie steht in einer Senke, sichtbar nur Kopf und Hals: ... unser Zelt stand hier! Nach einem Gewitter war die Senke voll Wasser gewesen, wir lagen in einem Teich ...

Fee Vrohn kommt als letzte, keuchend: 64, 65, 66 ..., 66 Schritte ... - bleibt stehen, ... 67. 67! Genau, das einzige, was noch steht, ist das Klo! Wenn ich nachts musste und Angst hatte, zählte ich immer bis 67. Hier, wo ich jetzt stehe, ist 67!

Luise-Marie Teesenberg, Lehrerstochter, Diplomingenieurin, Brückenbauerin, Zigarette im Mundwinkel, schlendert in das Gelände und steht da. Steht nur da. Sie steht da und strahlt etwas aus, das anlockt. Honig. Luise-Marie Teesenberg, der Honig. Autoritärer Honig. Die anderen verlassen ihre Rechthaberplätze und trollen sich zu ihr. Das sind: Rotraut Spindler, Moni Hille, Ute Friebel, Fee Vrohn, Helga Sperber und ich.

Ich bin Liese Spahn.

Luise-Marie Teesenberg spricht langsam: Hört mal, wir waren vier Mal hier, von fünfzehn bis achtzehn, einmal im Jahr vierzehn Tage. Die Zelte standen doch nicht immer am gleichen Platz! Fünfundvierzig Jahre sind eine lange Zeit, hört auf zu kreischen, wir sind Rentnerinnen! Bitte!

Helga Sperber hatte vorigen Herbst den ehemaligen Zeltplatz im Kiefernwald entdeckt. Hört mal, schrieb sie uns, wo früher unsere Zelte standen, gibt es nun Holzhäuschen, große, mittlere, kleine, rote, grüne, gelbe, weiße. Eines, ein gelbes, hat sieben Betten, ein Sofa, eine Terrasse und eine Sauna.

Die Kunde erreichte uns, sieben FDJlerinnen, die damals gemeinsam eine Schule besucht hatten. Wir sind vier alte Wessis und drei alte Ossis. Wir gingen mit achtzehn auseinander, mit siebenundsechzig haben wir uns wiedervereinigt. Luise-Marie Teesenberg, Rotraut Spindler, Moni Hille, Ute Friebel, Helga Sperber, ich, Liese Spahn -

- und Fee Vrohn.

Fee Vrohn, du hast dich mit vierzehn Jahren in mich reingesetzt, bist vier Jahre drin geblieben und hast von mir Hirn gefressen. Du hast es nicht gewusst. Ich damals auch nicht. Ich weiß es jetzt. Dein Wie-du-warst hat mich dumm gemacht damals. Dein geflochtener Haarkranz, ein Kunstwerk, nie in Unordnung, deine Haut, nie ein Pickel, dein Lächeln nie traurig, dein Gang ohne Schwäche, immer aufrecht, deine Beine länger als alle anderen Beine, deine tiefe Stimme, vielversprechend. Beste Schülerin, Beste in Sport, beste Tänzerin mit schönstem Tanzstundenherrn.

Du konntest schnell laufen, ic

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