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Signor Hoffman Roman von Halfon, Eduardo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.09.2016
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Signor Hoffman

In acht Geschichten begibt sich Eduardo Halfon auf die Suche nach dem Gespenst der Identität. Sei es in einem nachgebauten faschistischen Internierungslager in Kalabrien, sei es bei der Hochzeit der streng orthodoxen Schwester in Israel. Oder bei einer Frau in Harlem, die als Gastgeberin von Jazznachmittagen einfach nur die Sonntage überleben will. Und in Polen, wo der Großvater aufwuchs, der dank eines polnischen Boxers Auschwitz überlebte. Voller Witz und Melancholie folgt Eduardo Halfon den Spuren seiner jüdischen Wurzeln. Eduardo Halfon, 1971 in Guatemala-Stadt geboren, ist einer der wichtigsten Schriftsteller der jüngeren lateinamerikanischen Literatur. Ab 1981 wuchs er in den USA auf. Nach seiner Rückkehr nach Guatemala unterrichtete er als Professor für Literatur an der Universidad Francisco Marroquín. Halfons Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. 2009 erhielt er für seinen Kurzroman La pirueta den Premio de Novela Corta José María Pereda, 2011 ein Guggenheim Fellowship für seine Arbeit an Der polnische Boxer und 2015 den Prix Roger-Caillois für Signor Hoffman. Bei Hanser erschienen Der polnische Boxer (Roman, 2014), Wie mein Zuhause zu verschwinden begann (Hanser Box, 2015) und Signor Hoffman (Roman, 2016). Eduardo Halfon lebt in Nebraska.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 26.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446254145
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Originaltitel: Monasterio/Signor Hoffman
    Größe: 1418 kBytes
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Signor Hoffman

SIGNOR HOFFMAN

Aus dem Zug sah man das endlose Blau des Meeres. Ich war noch immer ganz erledigt, unausgeschlafen vom nächtlichen Transatlantikflug nach Rom, aber beim bloßen Anblick des Meeres, dieses so endlosen und blauen Mittelmeers, vergaß ich alles, vergaß sogar mich selbst. Ich weiß nicht, warum. Ich fahre nicht gern ans Meer, ich schwimme nicht gern in den Wellen, ich gehe nicht gern am Strand spazieren, und schon gar nicht fahre ich gerne Boot. Ich mag das Meer als Bild. Als Idee. Als Gedanken. Als Parabel auf etwas Rätselhaftes und zugleich Offensichtliches; etwas, das uns gleichzeitig Rettung verspricht und mit dem Tod bedroht. Ich mag es, das Meer zu betrachten wie eine Nachbarin, die nackt und strahlend in ihrem nächtlichen Fenster steht: aus der Ferne.

Der alte Zug rollte langsam die Mittelmeerküste entlang, durch Neapel, durch Salerno, durch Städtchen, die immer kleiner und ärmer wurden, bis wir schließlich Kalabrien erreichten. Das Südende der italienischen Halbinsel. Diese so bukolische und bergige Gegend, noch immer im Griff einer der mächtigsten Mafia-Gruppierungen des Landes, der 'Ndrangheta. Der Waggon war fast leer. Eine alte Frau blätterte in Modezeitschriften. Auf einem der hinteren Plätze döste ein Soldat oder Polizist. In der Reihe vor mir schäkerten zwei Jugendliche, ein Pärchen vielleicht, sie küssten sich und diskutierten lautstark auf Italienisch. Dabei erhob sie sich ein wenig in ihrem Sitz, drehte sich so zu ihm, dass sie im Profil zu sehen war, und forderte ihn auf, sich doch bitte ihre Nase anzuschauen (ich hatte sie von hinten nicht im Blick; in meiner Vorstellung war es eine Adlernase, krumm und lang, blass und schön). Aber der Junge drückte nur still einen Kuss darauf, und dann zerflossen die beiden wieder in Gelächter und Zärtlichkeiten. Erst nach einer Weile begriff ich, dass sie noch am selben Abend eine große Party feiern würden mit all ihren Freunden, das Mädchen hatte nämlich beschlossen, sich die Nase zu operieren, sie sich verkleinern zu lassen, am nächsten Tag. Ein Abschiedsfest für ihre Nase, begriff ich auf Italienisch. Die Küsse des Jungen, begriff ich auf Italienisch, waren Abschiedsküsse.

Am Bahnhof von Paola stieg ich aus, in einem kleinen Touristenort am Meer. Ich stand noch auf dem Bahnsteig und war damit beschäftigt, mir etwas gegen die winterliche Kälte überzuziehen, unschlüssig, was ich tun, in welche Richtung ich gehen sollte, da spürte ich, wie mich von hinten jemand am Arm fasste. Signor Halfon. Ich lächelte entgeistert, als ich seine blonde Mähne sah, den zottigen Bart, den irren Blick, aber es war der eines gutmütigen Irren, eines Irren, der aus einem Zirkus entlaufen ist, und niemand schert sich darum. Ich bin Fausto, sagte er. Benvenuto - willkommen in Kalabrien. Er streckte mir die Hand entgegen. Wie war die Reise? Er schien ein korrektes Spanisch zu sprechen, wenn auch übermäßig melodisch. Überhaupt wirkte er auf mich wie ein Schauspieler aus einer Opera buffa. Er war wohl mehr oder minder in meinem Alter. Ich antwortete, die Reise sei angenehm gewesen, nur ein wenig lang. Das freut mich, sagte er und kratzte sich am Bart. Unterdessen versuchte ich, mich an seinen Namen oder sein Gesicht zu erinnern, vergeblich. Plötzlich nahm er mir wortlos den Koffer ab. Bene, sagte er. Andiamo subito, wir sind schon spät dran, und damit zog er meinen kleinen Koffer hinter sich her und fasste mich am Ellbogen wie einen Blinden. Mein Wagen steht vor dem Bahnhof, sagte er. Ich bringe Sie direkt hin, Signor Halfon, direkt ins Lager.

Faustos Wagen war ein alter, rötlicher Fiat, der kaum noch den Mindestanforderungen genügte. Der Kofferraum ließ sich nur mit Hilfe einer Schnur geschlossen halten. Mein Sicherheitsgurt war kaputt. Es gab keinen Rückspiegel (vielleicht hatte es einmal einen gegeben, die Klebespur war noch da). Die Bremsen verbreiteten einen Geruch nach verbranntem Gummi. Ob nun

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