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Similaun Roman von Haid, Hans (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.11.2013
  • Verlag: Haymon Verlag
eBook (ePUB)
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Similaun

In einem visionären Werk verbindet Hans Haid die Mythologie der Alpen mit einer schonungslosen Kritik der gegenwärtigen Verhältnisse, in denen die Natur ausgebeutet wird und ein Tal seine Seele an den Tourismus verkauft. Der Similaun, der heilige Gletscherberg der Ötztaler Alpen, soll dem massentouristischen Wahnsinn geopfert werden: Mit einer neuen Seilbahn, mit einer Stadt auf dem Gipfel, mit einem riesigen Staudamm zu seinen Füßen - trotz aller Warnungen vor der drohenden Apokalypse, wenn der Staudamm bricht. Virgil, der Schafhirte, ist einer der wenigen Mahner: Er kämpft für diese Hochgebirgswelt, die den Schafen gehört und den Saligen Frauen in den Kristallpalästen der Gletscher. Similaun ist so nichts weniger als die Synthese von Hans Haids Lebenswerk: Die Auseinandersetzung mit der Natur-, Lebens- und Sagenwelt der Alpen und die konsequente Kritik an den Auswüchsen einer modernen Profitgesellschaft, die sich respektlos über alle Tradition hinwegsetzt. Hans Haid, geboren 1938 in Längenfeld im Ötztal, lebt als Volkskundler, Alpenforscher, Publizist und Schriftsteller im Ötztal. Zahlreiche literarische Veröffentlichungen und Sachbücher über Brauchtum, Dialekt und Kultur im alpinen Raum. Bei Skarabæus zuletzt: töet vöer dr töet keemen ischt. Gedichte im Ötztaler Dialekt mit schriftsprachlichen Übertragungen (2006), Similaun. Roman (2008).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 232
    Erscheinungsdatum: 19.11.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709974735
    Verlag: Haymon Verlag
    Größe: 1005 kBytes
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Similaun

1 Das Tal der Sünder

Das erste Siegel wird geöffnet. Das Lamm kommt und öffnet das erste Siegel. Auf einem gehörnten Widder stürmt der Reiter heran. Seine Augen wie Feuerflammen. Es ward ihm gegeben eine Krone und er wird weiden die Völker der Erde und die Herden der Berge. In weißem Leinen angetan werden sie kommen und es werden ihnen folgen die Hirten und Heerscharen, die Herren der zehntausend Schafe .

Virgil, der Hirt, holt die erste Tafel aus der Salzhütte, nimmt Nägel und einen Hammer, rammt den Nagel in den Holzbalken, hängt die Holztafel daran, tritt einen Schritt zurück, einen zweiten, liest die Schrift. Mit der Hand geschrieben. Grob, ungelenk. Fehlerfrei. Er liest laut und geht weiter.

Es ist ein Tal der Sünder, Schneezuhälter, Gletschermörder, der SALIGEN FRAUEN, von Schafen und Schafhirten. Mit dem langen Bergstock schreitet Virgil, der Hirt, aufwärts, vorbei an den letzten Zirbenbäumen, überwechselnd in das tiefgrüne Latschenfeld, vorbei an dreiunddreißig kleineren und größeren Bergbächen, Lawinenstrichen, Baumkrüppeln, auf dem neuen Fahrweg, baggerbewegt, zuschandengerichtet. Es ist der zwölfte Juni.

Ich sehe schon, dass es noch viel Schnee gibt, dass die ersten Gräser nur bis knapp zweitausenddreihundert hinaufreichen, dass die Muren ein paar Schneisen in den Boden gerissen haben, dass hinten im Tal der weiße Similaun voller Schnee herunterleuchtet, wie sich an der Flanke der Nebel hinauffrisst, wie die Nebelfetzen um den Gipfel tanzen, quer zu Mutmal und querend nach Finail. Das alles sehe ich, gemeinsam mit dem Hirten. Seine Schafe erwartet heuer gutes Futter, nicht zu hoch gewachsen, wie sie es am liebsten mögen, und nicht zu knapp, damit sie nicht davonrennen, talauswärts die Weiden der Bauern suchen, dort grasen, sich die Wampen vollfressen, zufrieden wiederkäuend gegen Abend bergaufwärts trotten. Es ist gut so bestellt in diesem Jahr. Es müssten alle eintausendneunhunderteinundachtzig Schafe die beste Sommerweide vorfinden.

Auf der anderen Talseite grüßt die Brutalität der neu erschlossenen Skiabfahrt und der neu gebauten Skihütte, vermehrt von dreißig auf nahezu tausend Sitzplätze. Erst dann werde die Sache rentabel. Der Gstraun baut, dass es brutaler nicht mehr möglich ist. Die Schnee- und Snowherren haben das Maß verloren. Der Gstraun ist der kastrierte Widder. Was er baut und gebaut hat, ist von weitem sichtbar. Gut erkennbar durchziehen braune Streifen in Serpentinen das steile Gelände auf Stablein zu, durchbrochen von Masten, Lawinenschutzmonstern, Dorfschutzsicherungsanlagen aus Stahl und Beton, solche der schlimmsten Sorte, inzwischen dahinrostend, daneben die neuen Kanonen. Die neuen Kanonen. Die Schneekanonen. Der Pfarrer hat sie geweiht. Der Segen ist sicher.

Das mag so sein. Es kann auch anders sein. Der alte Pater hätte die Segnung verweigert. Aber es ist geschehen und niemand hat gegen die Scheußlichkeiten protestiert. Wozu hätten sie sonst zur Anschaffung eines neuen Allerheiligsten, einer Supermonstranz, goldig und edelsteinbesetzt, so viel Geld ausgeben sollen. In ihrer maßlosen Brutalität und ihrem übersteigerten Ausgleich der armen Gehirne und Herzen gegen Geld und Macht und Monstranzspenden haben sie alles andere vergessen. Vom Taleingang zum Snow und hinauf zum Ferner gehört alles ihnen. Sie sind die Besitzer.

Doch halt. Sie sind nur Teilbesitzer. Die von drüben haben hier ebenfalls Eigentum. Seit Jahrhunderten und Jahrtausenden. Deswegen kommen die Hirten und die Schafherden aus Laas, Göflan, Kortsch, Schlanders, vom Sonnenberg. Deswegen geht heute

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