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Skorpionfisch von Bouvier, Nicolas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.06.2013
  • Verlag: Lenos Verlag
eBook (ePUB)
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Skorpionfisch

Im Anschluss an die Reise von Genf nach Afghanistan ("Die Erfahrung der Welt") durchquert Nicolas Bouvier in seinem Fiat Topolino den indischen Subkontinent und lässt sich im März 1955 vorübergehend auf Ceylon nieder. Unverhofft wird die Etappe zum Moment des Innehaltens. Er ist einsam und geschwächt, zudem träge vom feuchtheißen Klima der Insel, doch seine Sinne für die Wahrnehmung der Umgebung sind geschärft: Die Reise wird zur geistigen Gratwanderung eines Mannes, der - hin- und hergeworfen zwischen Faszination und Schrecken - die magischen Phänomene der Schatten- und Insektenwelt Ceylons zu erfassen sucht. In der lichtdurchfluteten Sprache Bouviers verwandelt sich die tropisch-dumpfe Schwere in ein schillerndes Wunder. "Skorpionfisch" ist die fesselnde Auseinandersetzung eines weitgereisten, scharfsinnigen Schriftstellers mit den Grundsätzen menschlichen Daseins, eine "Meditation über unsere Wahrnehmung der Welt" (The New York Times). Neue Dokumente, Briefe und Fotos geben unerwartete Einblicke in die Entstehung dieser hochverdichteten Prosa: Das verlangt auch nach einer neuen Übersetzung. Nicolas Bouvier (1929-1998) wuchs in Genf auf und machte schon als 16-Jähriger erste Reisen nach Frankreich und Italien. Nach dem Studium der Geistes- und Rechtswissenschaften in Genf fuhr er 1953 mit Thierry Vernet im Auto über Jugoslawien, die Türkei und Iran nach Afghanistan. 1955 Weiterreise nach Japan. In den sechziger Jahren unternahm Bouvier mehrere ausgedehnte Reisen, u.a. nach Japan, China und Korea. Der Schriftsteller, Fotograf und Journalist publizierte mehrere Bücher, darunter "Die Erfahrung der Welt" und "Japanische Chronik".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 232
    Erscheinungsdatum: 13.06.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783857875038
    Verlag: Lenos Verlag
    Größe: 3887 kBytes
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Skorpionfisch

II

Der Zöllner

Die Erdstrasse nach Murunkan schlängelt sich zwischen Bewässerungsbecken hindurch, die noch von den alten Dynastien angelegt worden sind. Die Bäume, die diese kuriose Komposition aus Zisternen und Schleusen einst in Besitz nahmen, sind längst abgestorben, und heute winken ihre glattpolierten Skelette über dem schwarzen Gewässer. Da und dort flirrt der malvenfarbene Fleck einer Bougainvillea im Mittagsdunst. Etwas wenig für ein Landschaftsgemälde: weithin verstreute Spiegelflächen, zersplittert und trüb, in Schweigen versunken, das wirkt mehr wie eine Gedächtnislücke oder wie ein Finger, den man an unsichtbare Lippen legt.

Wegen der Fahrrinnen rollte ich nur langsam voran. Auf den bemoosten Steinen hoben Wasserschildkröten ihre platten Schädel, um dem Wagen nachzuschauen. Die Strasse lag fast ganz verlassen da. Binnen einer Stunde begegnete ich nur gerade einem abgemergelten Bauern, der auf dem Randstreifen dahintrottete, die Zehen zum Fächer gespreizt, eine grüne Frucht auf dem Kopf, deren Geruch so grässlich und deren Wuchs so gewaltig war, dass man sich fragte, ob es sich um plumpes Blendwerk oder um ein Theaterrequisit handelt. Hatte ich mich verfahren? Ich wollte gerade wenden, da sah ich durch den Schleier von Schweiss, der in meinen Augen brannte, einen silbernen Blitz, langhin, er ging von einer mächtigen Silhouette aus, die mitten im Weg aufragte: ein fetter Kerl, ganz ausser Atem, Haarbüschel standen ihm aus den Ohren, doch die Zöllneruniform war perfekt gebügelt. Rollenden Auges fragte er mich, ob ich nach Negombo unterwegs sei. Unterm Arm trug er einen Schwertfisch mit fangfrischen Augen, so schwer, dass seine Knie wankten und er ihn, ohne meine Antwort abzuwarten, hinten im Wagen verstaute. Dort verwahrte ich ein grosses nepalesisches Messer, das er ungeniert durch seine Finger gleiten liess.

"Strict-ly-for-bid-den-to-have-this-kind-of-weapon-on-the-Island", meinte er mit jenem Akzent aus dem Süden, wo die Englischbrocken offenbar frittiert werden. Was für ein abgeschmackter Auftakt, und so baffte ich zurück, dass es genauso verboten sei, mit einem fetten Stinkefisch in mein Auto zu steigen, für den er nicht einmal etwas bezahlt habe. Nach zwei Jahren Asien hatte ich so langsam eine Ahnung, wie Zöllner ihre Gamelle garnierten. Es hätte schon schwereres Geschütz gebraucht, um ihn aus der Fassung zu bringen. Der Witz war ganz nach seinem Geschmack, er sandte mir ein nachsichtiges Lächeln und schickte sich an, seine gewichtige Person auf dem Beifahrersitz breitzumachen. Der nicht einmal ächzte. Denn seine Korpulenz rührte weniger von echtem Fett her als vielmehr von der extrem hohen Meinung, die er von sich selbst hatte. Er richtete den Rückspiegel auf sich und zog seinen Scheitel mit einem Taschenkamm nach. Nun, ich war nicht unbedingt unglücklich, dass ich diesen aufgeblasenen Kerl zur Hand hatte, und sagte ihm ohne Schonung, was von seinen kontinentalen Kollegen zu halten sei: total unfähige Schikanierer und Schwätzer, Verschwender von dreisten Dummheiten - selbst mit Dummheit sollte man sparsam umgehen - und von Wischen, die man, eine Stunde nachdem man sie ausgefüllt hat, in den Latrinen wiederfindet, säuberlich in Quadrate zerschnitten. Während ich ihn dieser Tirade aussetzte, beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln. Sein Kopf wackelte: Ganz und gar von sich eingenommen, hörte er überhaupt nicht zu. Nur das Wort Zöllner war in sein Bewusstsein gedrungen.

"Da haben Sie vollkommen recht", meinte er zu mir, "echt tolle Hechte. Hier sind die Jungs, wie Sie selber sehen werden, noch besser: blitzsauber, gut genährt, ehrerbietig."

Seine Bescheidenheit hinderte ihn, sich selbst als Beispiel anzuführen, aber natürlich wusste ich noch nicht, wie glücklich ich mich schätzen durfte, jemanden von seiner Klasse getroffen zu haben. Und das gleich am ersten Tag auf der Insel! Er war ganz baff über mein gutes Gesc

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