text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Sommer bei Gesomina Roman von Beckerhoff, Florian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.03.2019
  • Verlag: HarperCollins
eBook (ePUB)
13,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 01.03.2019 per Download lieferbar

Online verfügbar

Sommer bei Gesomina

In der Straße mit dem kleinen Supermarkt von Herrn Dong, dem Frisör Ergün, der fast immer geschlossenen Bar Centrale, der Weinhandlung und dem Geschäft für tasmanische Stiefel geht jeder seiner eigenen Wege. Von der italienischen Nonna Gesomina mit den köstlichsten Gerichten bekocht, verbringt der zwölfjährige Jona hier seine Sommerferien und lernt eine neue, freiere Welt kennen. Bis er von der tragischen Vergangenheit seiner Gastgeberin erfährt, die bis nach Mogadischu führt. Wurde sie dort vor fünfzig Jahren wirklich von ihrem Sohn getrennt? Jona will ihr helfen, ihn wiederzufinden, aber dafür muss er erst die Bewohner der Straße verbinden: Denn eine gemeinsame Hoffnung wirkt stärker als jeder Verlust. "Beckerhoffs Art, zu schreiben, ist vorbildlich: tolle Beobachtungen, viel Humor, poetischer Alltag und sanfte Abgründe. (...) Einmal angefangen, möchte man das Buch am liebsten nicht mehr aus der Hand legen." GRAZIA über "Herrn Haiduks Laden der Wünsche" Florian Beckerhoff, 1976 in Zürich geboren, wuchs in Bonn auf. Er studierte Literaturwissenschaften in Berlin und Paris und promovierte an der Universität Hamburg. Sein erster Roman 'Frau Ella' war ein großer Erfolg und wurde erfolgreich für das deutsche Kino verfilmt. Heute lebt Florian Beckerhoff in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 01.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783959678049
    Verlag: HarperCollins
    Größe: 3026 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Sommer bei Gesomina

1.
ARTUSIS QUATSCHLAPPEN

Die Granitplatten des Gehwegs glänzten noch feucht vom letzten Regen, als Gesomina Massati gegen Mittag dieses recht kühlen Berliner Julitages aus dem Tor des Mietshauses eilte, in dem sie damals schon seit fast vier Jahrzehnten wohnte. Der Sommer war bisher völlig verregnet, immer wieder gingen sintflutartige Sturzfluten nieder, was Gesomina aber weder freute noch ärgerte - das Wetter interessierte sie nicht. Die eher klein gewachsene Frau mit kurz geschorenem grauem Haar wandte sich gleich nach links, wo sie nach wenigen Metern den Laden von Tom Spencer passierte, der hier tasmanische Stiefel verkaufte. Wie immer, wenn es nicht allzu stark regnete, saß der stämmige Australier auf seinem Campingstuhl vor dem Geschäft. Früher hatte hier eine Podologin ihre Dienste und Produkte angeboten, die ihm zufolge aber niemand vermissen würde, der seine tasmanischen Stiefel trug. Mit denen könne man problemlos durch die Hölle gehen, hatte er Gesomina erklärt. Tatsächlich gebe es den Beruf des Podologen in Australien gar nicht, was umso bemerkenswerter sei, wenn man die Größe des Landes und die Beschaffenheit seiner Wege bedenke, das könne sie im Internet leicht überprüfen. Gesomina wollte weder vom Internet noch von seinen Stiefeln etwas wissen, da sie keinen Computer hatte und bei jedem Wetter nur Sandalen trug, bei starkem Frost mit Wollsocken. Sie hatte ihm gleich bei ihrer ersten Begegnung gesagt, dass sie als Kind in Mogadischu ausschließlich barfuß herumgelaufen sei, bis die Nonnen, deren Erziehung sie habe ertragen müssen, ihre Füße immer und immer wieder in Schuhe gezwängt hätten. Da solle er ihr nicht mit Stiefeln kommen, und seien sie sonst wo her! Tom Spencer hatte das Verkaufsgespräch daraufhin sofort beendet. Seitdem redeten sie über andere Themen, so auch darüber, dass er eigentlich Literatur studiert hatte. Zuletzt hatte sie ihn auf Dante angesprochen, nachdem sie durch eine Radiosendung auf die Göttliche Komödie gestoßen war.

"Dolce Beatrice!" , grüßte er sie heute und legte die sonnengegerbte Haut um seine Augen lachend in tausend Falten, doch darauf ging sie nicht ein.

"Ich habe keine Zeit", rief sie ihm zu, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. "Für Dante habe ich jetzt wirklich keine Zeit."

Tom Spencer sah seiner Nachbarin verwundert hinterher. Sie war eigenwillig, aber so hatte er sie noch nicht erlebt. Ganz im Gegenteil hatten sie sich schon öfter gemeinsam über die Hektik der Deutschen lustig gemacht und überlegt, inwiefern ihr afrikanisches und sein australisches Gemüt einander entsprachen. Ehe er etwas dazu hätte sagen können, war sie aber schon einige Meter weiter.

Energisch warf sie ein Bein vor das andere. Ihre weit genähten Stoffhosen flatterten, und man hätte sich täuschen und annehmen können, sie trage einen Rock, was ihr aber niemals eingefallen wäre - sie hasste Röcke nicht weniger als Stiefel. So lief sie die Straße hinunter bis zum einstöckig gebauten Supermarkt der Familie Dong und verschwand in der Tür.

Erst kurz vor Tom Spencers Einzug in die einstige Podologie hatte eine der großen Supermarktketten diese Filiale aufgegeben. Die Farben waren geblieben, das der aufgeklebten Buchstaben beraubte Leuchtschild und die Griffe der wenigen Einkaufswagen: Blau und Gelb. Das Sortiment aber war jetzt ein anderes. In einer kleinen Küche gleich neben den Kühlregalen saß den ganzen Tag über die alte Frau Dong, schälte und schnitt Ananas, Mango und Melone, die in Plastikdosen verkauft wurden. Es gab frischen Koriander, Minze, Thai-Basilikum, Sojasprossen und Zitronengras, ein Dutzend Sorten Duftreis und Kokosmilch in Büchse und Karton. Gesomina grüßte in die Küche und eilte schon weiter. Sie brauchte nur Mehl, Butter, Ei und Puderzucker. Außerdem Aquavit. Das Rezept kannte sie auswendig: Farina , Burro , Zucchero in polvere , Uova , Aquavite  

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen