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Stadt der Platanen von Hooven, Andreas van (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.04.2016
  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Stadt der Platanen

Für einen Werbegrafiker ist Berlin vor der Jahrtausendwende eine Oberfläche, unter der nur ein Credo zählt: Wachstum. Eigene Erfolge sind die Insignien und zugleich Attitüden der aufstrebenden Endzwanziger auf den rauschenden Partys der jungen Berliner Republik. Rücken die Niederlagen im eigenen Umfeld näher, wechseln die Protagonisten über Nacht die Rollen oder driften in Doppelleben ab, um nicht nackt zu erscheinen. Organisches Wachstum scheint den Akteuren vor dem Durchbruch ins neue Jahrtausend unmöglich. Konsum und Karriere suchen die aufkeimende Frage nach dem eigenen Lebensstandpunkt zu verkleiden. Am Ende ist der kurze Roman eine unheilbare Sinnsuche eines Namenlosen zwischen Zugehörigkeit und Individualität.

Andreas van Hooven, 44, hat für Medienagenturen gearbeitet und die Pressearbeit zweier Städte verantwortet. Aktuell ist er für Stiftungen in kultur- und bildungspolitischen Fragen tätig. Der promovierte Musikwissenschaftler lebt mit seiner Familie in Oldenburg. Sein zweiter Roman "Klangkörper" erscheint Anfang 2018.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 156
    Erscheinungsdatum: 06.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783741232923
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 249kBytes
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Stadt der Platanen

ch wohne im Westteil der Stadt und für die Nächte verschlägt es mich in den ehemaligen Osten. Das geht mir durch den Sinn, während ich die Ausfallstraße zurückfahre. Zuvor habe ich ein Schokoladeneis bei Emporio gekauft, ich nehme immer drei Kugeln Schokolade mit Kokossplittern obendrauf. Das Mädchen bei Emporio war von meinen Haaren beeindruckt, die ich vor Tagen abgeschnitten habe und silbergrau färbte. Wenn ich das Verdeck meines Wagens abgenommen habe, stehen sie im Fahrtwind zu Berge und das Mädchen musste schmunzeln, als ich ihr erklärt habe, ich sei auf der Suche nach einem Werbejob für Aluminiumfolie. Als sie fragte, ob ich Kleingeld hätte, da zwinkerte ich zweimal mit dem linken Auge und sie wusste Bescheid: Kupfer und Messing waren nicht meine Favoriten.

Das Eis von Emporio beginnt zu tropfen und ich lecke einige Male dran, bis alles in Ordnung ist. Sie spielen Coldcut im Radio, zwei Diskjockeys aus London. Ich habe nie von ihnen gehört und drehe lauter. Eigentlich habe ich keine Lust in meiner Wohnung vorbeizuschauen und fahre quer durch die Stadt, bis meine Leute in der Aktionsgalerie sind. Es ist fast Mitternacht und ich wundere mich, aus welchem Grund Emporio neuerdings so lange geöffnet hat. Die Waffel neigt sich dem Ende zu und ich überlege, warum es beim Pizza-Service Wärmeboxen, beim Eiscafé aber keine Kühlboxen gibt.

Lange Haare flattern in den Cabrios neben mir. Eine hübsche Blonde mit einem Barchetta kaut jedes Mal auf ihren Fingernägeln, wenn wir uns einer Ampel nähern und ich muss mich vorsehen, nicht auf den Kofferraum meines Vordermanns zu rasen, weil sie plötzlich zu mir schaut. Ich kenne sie von einer Party oder sie kennt mich. Seit ich in dieser Stadt bin, erlebe ich das häufiger. Man kann sich die vielen Gesichter unmöglich merken. In meiner letzten Stadt war es lockerer, man konnte sich elegant behelfen. Man sah den Frauen tief in die Augen und entweder drehten sie den Kopf sofort zur Seite: Dann hatte man sich bei der letzten Party blamiert. Oder sie blieben mit den Augen bei dir: dann nicht.

Ich zwinkere ihr zu. Sie zeigt auf ihre Haare, meint wohl meine silbergraue Farbe. Irgendwoher kenne ich sie ganz bestimmt und mache eine scherzende Handbewegung. Es gab ein paar Abende in der Vergangenheit, an die ich mich nicht gut erinnere, vorsichtshalber grüße ich schon mal unaufgefordert. Doch dann biegt sie auf die Autobahn ab und ist verschwunden. Außerdem wollte ich zu den anderen.

Es ist spät und der Mond verschwindet hinter den Häuserzeilen. Langsam gleite ich mit dem Verkehr die Straße des 17. Juni hinunter. Es ist still, diese Straße ist still, auch wenn die Motoren links und rechts sich drehen und manches Wageninnere noch dumpfe Beats versprüht. Nach der Siegessäule rauscht man auf das erleuchtete Brandenburger Tor zu und an den Straßenrändern stehen Laternen mit gedämpftem Licht aus den 30er Jahren. Das Gerüst für die neue Reichstagskuppel taucht hinter den Bäumen auf und ich zünde mir einen Joint an und inhaliere. Selbst wenn ich leer bin, weiß ich eine Menge über die Sehenswürdigkeiten. Sie spielen ein zweites Stück von Coldcut - morgen werde ich die Platte kaufen. Auch Maxell könnte sich für die Musik begeistern.

Ich werde langsamer, der Tacho zeigt noch für eine Sekunde die gleiche Geschwindigkeit und die Farben sind nun eindringlicher. Mein Puls beruhigt sich, ich biege auf eine Umgehung ein und fahre die Straße Unter den Linden hinauf, wechsle die Spuren - die Aktionsgalerie ist nicht mehr weit.

Ein Joint mittleren Umfangs reicht von der Siegessäule bis zu den Hackeschen Höfen. Oder vom Platz der Luftbrücke - an dessen Hang ich wohne - bis zur gleichen Stelle. Ich ziehe ein letztes Mal und werfe ihn aus dem Wagen und zünde mir eine Zigarette an. Alles fließt dahin im Verkehr. Mit Zigarette erscheint es mir günstiger: Die Sommernacht entlang der Straße Unter den Linden verleiht ein Kribbeln auf der Haut, weil der Fah

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