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Stephanie von Rosendorfer, Herbert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.01.2017
  • Verlag: LangenMüller
eBook (ePUB)
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Stephanie

Zwei Welten stehen im Mittelpunkt dieser phantastischen Geschichte: die reale Welt und die Traumwelt Stephanies. Sie träumt, mitten in der Nacht aufzuwachen - an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, in einem anderen Leben. Dieser Traum kehrt immer wieder, das andere Leben nimmt mehr und mehr Gestalt an, bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie nicht mehr in ihre reale Welt zurückkehren kann. Stephanie macht den Schritt vom Heute ins Gestern, vom 20. ins 18. Jahrhundert, von Deutschland nach Spanien. Ihr neues 'voriges' Leben bürdet ihr eine schwere Schuld auf, mit der sie fertig werden muß, es bringt sie in schwierige Situationen, die sie alle meistert - bis auf die letzte ... Ein faszinierender Roman von Herbert Rosendorfer meisterhaft erzählt - mit einem Realismus, der auch das Phantastische immer wieder auf den Boden des psychologisch Überzeugenden herabholt. Herbert Rosendorfer, geboren 1934 in Gries/Bozen, zog 1939 mit seinen Eltern nach München. Nach dem Abitur war er ein Jahr an der Akademie der Bildenden Künste und wechselte dann zur Juristerei. 1959 machte er sein Erstes und 1963 sein Zweites Staatsexamen. Er war Assessor bei der Staatsanwaltschaft in Bayreuth, Staatsanwalt in München, von 1969 bis 1993 Amtsrichter in München und bis 1997 Richter am Oberlandesgericht in Naumburg. 1990 wurde er zum Professor für bayerische Literaturgeschichte ernannt, 1993 erhielt er den Kurd-Laßwitz-Preis, 1999 den Jean-Paul-Preis, die höchste Auszeichnung für Literatur des Freistaats Bayern. 2005 wurde er für sein umfangreiches Werk mit dem Münchner Literaturpreis ausgezeichnet, bei der Corine 2010 erhielt er den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten für sein Lebenswerk. Von seinen 'Briefen in die chinesische Vergangenheit' wurden über zwei Millionen Exemplare verkauft. Herbert Rosendorfer verstarb am 20. September 2012.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 207
    Erscheinungsdatum: 13.01.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783784483290
    Verlag: LangenMüller
    Größe: 418 kBytes
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Stephanie

I

Vor einer Stunde bin ich von der Beerdigung meines Schwagers gekommen. Ich habe ihn, gebe ich zu, nie gemocht. Ich habe mehrere Schwäger, denn alle meine Schwestern sind verheiratet. Hier ist die Rede von Ferdi, dem Mann meiner jüngsten Schwester Stephanie. Ferdi, auch Ferdl genannt, eigentlich hieß er Ferdinand, war mir unangenehm schon von dem Moment an, in dem Stephanie ihn mit nach Hause gebracht hat. Ich gestehe jetzt, daß ich damals ganz vorsichtig und selbstverständlich erfolglos versucht habe, auf dem Umweg über unsere Eltern die Verbindung zwischen Stephanie und Ferdi zu hintertreiben. Er sei nichts für Stephanie, sagte ich. Welcher Meinung unsere Mutter war, konnte ich nie herausbekommen. Für unsere Mutter zählten allein Tatsachen, nicht Meinungen, auch nicht ihre eigene Meinung. Unser Vater hegte hier wie in allen Dingen die bequeme und für seine Umgebung manchmal aufreibende Ansicht, daß in jedem Menschen ein guter Kern stecke.

Die Ereignisse, die ich hier niederschreibe, liegen lange zurück. Stephanie war damals etwa zehn Jahre mit Ferdi verheiratet, als sie mir das erste Mal von ihren Träumen erzählte. Mit gutem Grund erzählte sie ihrem Mann nichts davon. Er hätte sie mit seinem eher bescheidenen Verstand für verrückt gehalten. Ferdi hat überhaupt nie etwas davon erfahren, obwohl, um das vorauszuschicken, nichts in der Sache war, was eine Ehefrau ihrem Mann verbergen müßte. Ich habe nie daran gedacht, diese Dinge niederzuschreiben, auch nach Stephanies Tod nicht. Erst jetzt, vor einer Stunde, als ich am Grab Ferdis stand, ist mir der Gedanke an die Niederschrift gekommen. Es war, als ob ein Tor aufgehe und den Weg freigebe. Ich weiß jetzt auch: ich wollte nicht, daß Ferdi jemals von diesen Dingen erfahre.

Dabei bin ich mir im Klaren darüber, daß ich Ferdi in gewisser Weise Unrecht getan habe. Er war ein einfacher Mensch, aber das, was man eine gute Haut nennt. Nach Stephanies Tod hat er zurückgezogen und ganz allein draußen in seinem Haus gelebt, auf das er so stolz war, hat auch nicht mehr geheiratet. Kinder hatten Stephanie und Ferdi nicht. Ich habe ihn selten gesehen, zuletzt bei der Hochzeit einer Nichte, der Tochter meiner ältesten Schwester. Das ist auch schon vier Jahre her. Er war ein alter Mann geworden. Damals habe ich zum ersten Mal gedacht: vielleicht tue ich ihm Unrecht. Auch der Charakter primitiver Menschen kann sich durch einen echten Schmerz vertiefen. Ferdi war gute zehn Jahre älter als meine Schwester. Als ich ihn damals bei der Hochzeit der Nichte gesehen habe, war er schon weit über fünfzig, er hat aber ausgesehen wie ein Greis, wie siebzig. Er hat mir fast leid getan, und ich habe mir vorgenommen, ihn einmal zu besuchen, aber wie es eben so kommt: die Jahre gehen ins Land, und man hat anderes zu tun. Ich bin nie mehr hinausgefahren nach G-d-a. Um genau zu sein: ich bin schon hinausgefahren, aber ich bin vorbeigefahren, auf dem Weg irgendwohin, nicht hingegangen, habe mir gedacht: das nächste Mal. Ich habe das Haus von weitem gesehen. Es war noch genau wie damals, nur etwas mehr zugewachsen mit Bäumen und Büschen, auch vielen Rosen. Vielleicht waren diese Rosen Ferdis Steckenpferd nach dem Tod meiner Schwester.

Und jetzt lebt er nicht mehr. Wem er das Haus wohl vermacht hat? Ich glaube, er hatte Neffen und Nichten auch von seiner Seite. Ich habe mich für die Leute nie interessiert.

Ich bin der Einzige, der von diesen Träumen meiner Schwester erfahren hat. Das Merkwürdige daran war nicht, daß Stephanie, meine jüngste Schwester, die tüchtige, prosaische (meine Mutter behauptete von ihr: sie sei redlich, aber nüchtern wie trockenes Brot), solche Träume hatte. Das Merkwürdige war die Art, wie sie es mir erzählte. Ich war bei ihr draußen. Ihr Mann war nicht da. Sie saß in ihrem vorfabrizierten Eigenheim, in dem alles, wenn es irgend ging, auf Plastikbasis eingerichtet war, und wo als oberstes Qualitätsprinzip die leichte Waschbarkei

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